Reaktion auf US-Wahl Tokio setzt wenig Hoffnung auf Obama

Japan blickt skeptisch auf den neuen amerikanischen Präsidenten: Denn das Land fühlt sich von seinem einst wichtigsten Verbündeten im Stich gelassen. Nur einer freut sich: Koji Matsuzaki, der Bürgermeister von Obama, einer Kleinstadt an Nippons Westküste.

Von , Shanghai


Sie haben keine Zeit verloren: Im japanischen Obama – auf deutsch: "kleiner Strand" – bieten die Händler bereits eifrig Souvenirs mit dem Konterfei des amerikanischen Namensvetters feil. Und der Bürgermeister hofft sogar, dass der künftige US-Präsident sich auch persönlich als Tourismusmaskottchen einspannen lässt: "Sobald Obama Japan besucht, wollen wir ihn unbedingt hier nach Obama einladen", sagt Matsuzaki zu SPIEGEL ONLINE.

Die "Obama Girls" im japanischen Obama City feiern den Wahlsieg ihres amerikanischen Namensvetters, der aus Hawaii stammt, mit einem Hula-Tanz
AP

Die "Obama Girls" im japanischen Obama City feiern den Wahlsieg ihres amerikanischen Namensvetters, der aus Hawaii stammt, mit einem Hula-Tanz

Mit ihrer lokalen Obama-Begeisterung stehen der Bürgermeister und seine Stadt in Japan allerdings ziemlich alleine da. Vor allem die Regierenden in Tokio blicken mit wachsendem Misstrauen auf den amerikanischen Verbündeten. Sie orten bereits gefährliche Anzeichen dafür, dass sich die bilaterale Kluft unter dem neuen Präsidenten Barack Obama vertiefen könnte.

Denn mit Sorge registrieren die Japaner seit längerem, wie die westliche Supermacht sich praktisch über ihre Köpfe hinweg zunehmend mit Japans Erzrivalen, der aufstrebenden Großmacht China, verständigt. Dies gilt nicht nur mit Blick auf die aktuelle Finanzkrise, in der die USA und China fast schon wie strategische Partner zusammenarbeiten. Auch außenpolitisch fühlt sich das Inselland von den USA zunehmend übergangen.

Argwöhnisch verfolgt Tokio vor allem die amerikanische Annäherung an das stalinistische Nordkorea, die Washington mit diplomatischer Vermittlung Pekings vorantreibt: Kürzlich strich US-Präsident George W. Bush den lange geschmähten "Schurkenstaat" Nordkorea von der Liste jener Länder, die den Terrorismus unterstützen. Damit honorierte er die Bereitschaft von Diktator Kim Jong Il, seine Atomanlagen überprüfen zu lassen.

USA reagieren nicht mehr auf Sonderwünsche

Obama, der künftige Präsident, begrüßte die Einigung mit dem nordkoreanischen Diktator als Schritt nach vorn. Doch das politische Japan reagierte entsetzt. Tokio beharrt auf Sanktionen gegenüber Kim, es will ihn zwingen, auch das Schicksal mehrerer Japaner aufzuklären, die seit den siebziger Jahren auf bizarre Weise von nordkoreanischen Agenten verschleppt wurden.

Die USA jedoch zeigen sich immer weniger geneigt, auf Sonderwünsche ihres einst wichtigsten asiatischen Verbündeten Rücksicht zu nehmen. Und diese Tendenz dürfte sich unter Obama verstärken: Er fordert in seinem Wahlprogramm, die bilateralen Bündnisse in Asien durch eine breitere Sicherheitsarchitektur zu ergänzen. Doch damit laufe Obama Gefahr, die Partnerschaft mit Japan weiter auszuhöhlen, warnt die japanische Zeitung "Nihon Keizai".

Schon durch die Asien-Diplomatie von Außenministerin Condoleezza Rice sieht sich Japan von den USA degradiert – als ein regionaler Gesprächspartner unter mehreren: Rice bemüht sich darum, Nordkorea in den Sechsergesprächen mit China, Russland, Südkorea und Japan von seinem Atomprogramm abzubringen.

Über die Hälfte der Amerikaner sieht China inzwischen als wichtigeren Partner für das eigene Land als Japan - das geht aus einer Umfrage des Chicago Council on Global Affairs hervor. Dass die Japaner den USA als immer weniger relevant erscheinen, haben sie sich indes auch selbst zuzuschreiben: Vergeblich hat Washington die Verbündeten wiederholt gedrängt, größere militärische Lasten im Zuge des Sicherheitspaktes zu schultern.

Um sich etwa an Kampfeinsätzen auch in anderen Weltgegenden zu beteiligen, müssten die Japaner allerdings erst ihre pazifistische Verfassung revidieren – sie wurde ihnen 1946 ironischerweise von den US-Besatzern praktisch wortwörtlich diktiert. Doch die nötige Zweidrittelmehrheit für eine Revision ist im Tokioter Parlament nicht in Sicht.

Innenpolitische Streitereien

Insbesondere mit Blick auf Afghanistan sind Reibungen zwischen Tokio und dem neuen US-Präsidenten programmiert: Obama will den Krieg gegen den Terror in Afghanistan verstärken und daher dürfte er auch die japanischen Verbündeten zu größerem Einsatz drängen.

Zwar versorgt Nippons Marine im Indischen Ozean bereits westliche Kriegsschiffe mit Treibstoff, doch bei den Einsätzen in Afghanistan selbst kämpfen keine japanischen Soldaten mit. Schon die Bush-Regierung soll Tokio unlängst gedrängt haben, sich zumindest mit Geld am Krieg in Afghanistan zu beteiligen – die Rede ist von 20 Milliarden US-Dollar in den kommenden fünf Jahren.

Doch die seit 1955 fast ständig regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) ist derzeit vor allem mit ihrem eigenen politischen Überleben beschäftigt. Ihren Führern fehlen überzeugende Visionen, um das eigene Land im pazifischen Mächtedreieck mit den USA und China strategisch neu zu positionieren.

Im japanischen Oberhaus fehlt der LDP überdies die Mehrheit; die oppositionellen Demokraten können wichtige Vorhaben abblocken oder verzögern. In nur einem Jahr warfen bereits zwei Regierungschefs der LDP frustriert ihre Ämter hin.

Und auch Nippons neuer Premier Taro Aso, 68, dürfte für Obama kaum einen attraktiven Ansprechpartner abgeben: Gerade hat Aso die bereits angepeilte Neuwahl des Unterhauses verschoben – auch weil Umfragen der LDP eine verheerende Niederlage verhießen.

Krasser Gegensatz zwischen USA und Japan

Ausgerechnet zur US-Wahl erinnert Tokio die Welt überdies wieder einmal an seine unrühmliche Kriegsvergangenheit: Vor einigen Tagen musste Aso den Chef der Luftwaffe entlassen. Der General hatte in einem preisgekrönten Aufsatz behauptet, Japan habe 1941 vor allem deshalb den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii angegriffen, weil es von den USA in eine Falle gelockt worden sie. Das Kaiserreich sei im Zweiten Weltkrieg nicht als Aggressor aufgetreten, viele asiatische Länder sähen den Krieg durchaus positiv.

Ähnlich unbelehrbar wie der General beschönigen zwar auch viele Haudegen in der LDP japanische Kriegsgräuel. Indes scheuen die meisten davor zurück, ihre Ansichten auch öffentlich zu bekunden.

Schon äußerlich könnte der Gegensatz zwischen Amerika und der alternden Industrienation Japan derzeit krasser kaum sein: Dort der frisch gewählte jugendliche Präsident – hier Tokios erschlaffte Politikerseilschaften, denen der nötige Mut zum Neuanfang fehlt.

Vielleicht wäre es daher tatsächlich keine schlechte Idee, wenn der künftige US-Präsident die Einladung ins japanische Städtchen Obama annimmt. Denn dort nutzt der ehrgeizige Bürgermeister Matsuzaki, der im August gewählt wurde, Obama nicht nur als Werbeträger für sein Provinznest, er eifert ihm auch politisch nach.

"Ich bin zwar etwas älter als Obama", sagt der 50-jährige Matsuzaki. Aber wie sein 47-jähriges amerikanisches Idol gibt auch der japanische Lokalpolitiker in seinem Rathaus die Parole von der "Veränderung" ("Change") aus. "Wir beide gehören zur selben Generation, wir müssen die Welt ab jetzt aufrütteln."



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