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02. August 2011, 07:12 Uhr

Reaktion nach Anschlägen

Manchmal möchte ich Norweger sein

Norwegen hat besonnen und ohne vorschnelle Schuldzuweisungen auf die Attentate reagiert. In Berlin lief dagegen sofort die Empörungsmaschine an: Gesetze verschärfen, Neonazis verbieten. Kann in der deutschen Politik nicht einfach mal Ruhe sein? Fragt Christoph Schwennicke.

Der Zeitungsleser war mir sofort aufgefallen. An dieser Bronzeskulptur in der "Akers Gata", vor dem Redaktionsgebäude der Boulevardzeitung "VG", waren wir wenige Tage vorher vorbeigelaufen. Hinunter zur Nationalgalerie, in der Edvard Munchs "Schrei" inzwischen hinter dickem Panzerglas hängt.

Am 22. Juli saß dieser Zeitungsleser nun plötzlich inmitten eines Chaos aus Trümmern, blutenden und gestikulierenden Menschen. Ein Bild wie Ground Zero. Die Kommentatoren bei CNN und BBC versahen die wackeligen Live-Bilder vom Anschlag in Oslo mit allerlei Mutmaßungen, die sich hernach als Unsinn erweisen würden. Dann folgten die unfassbaren Nachrichten von der Ferieninsel im Tyri-Fjord.

Wir hatten ein Jahr lang eine Gasttochter aus Norwegen in unserer Familie und sie jetzt nach Hause gebracht. Ein etwas anderer Urlaub, zu Gast bei ihren Eltern, die, wie es sich gehört in Norwegen, eine idyllische einsame Hütte am See besaßen. Eine Zeit, in der viele Freunde zu Besuch waren, Künstler, Nachbarn, Verwandte. Ein kleiner Einblick in eine Gesellschaft, die mir inniger und verbundener vorkam als unsere.

Eine Nation von Nachbarn

Norwegen ist ein Riesenland von fast 400.000 Quadratkilometern. Vom südlichsten Zipfel, dem Leuchtturm von Lindesnes, sind es 3500 Kilometer bis nach Kirkenes an der Grenze zu Russland. Aber Norwegen ist eben auch ein kleines Land, mit seinen knapp fünf Millionen Einwohnern, von denen die meisten in Oslo, Bergen, Trondheim und Stavanger leben. Irgendwie kennen sich alle untereinander, und natürlich kennt Johanne, unsere Gasttochter, auch das Feriencamp auf Utøya. Wir waren auf Nakholmen im Oslofjord, wo eine ehemalige Ferienanlage der Sozialdemokraten inzwischen in eine Siedlung aus Wochenendhäuschen übergegangen ist. Auch dort der Eindruck: Hier kennt irgendwie jeder jeden.

Dieses Norwegen kam mir selig vor, und beneidenswert: eine Landschaft, die einem den Atem verschlägt, Menschen, die sich nahe sind, und das umgeben von einem Meer voller Fische und Öl. Der sagenhafte Ölfonds - mit einer Einlage von über 500 Milliarden Euro -, den ein Sozialpolitiker in Deutschland wahrscheinlich sofort verpulvern würde, wird in Norwegen gehütet und bleibt weitgehend unangetastet wie ein nationaler Schatz.

Norwegen stellt alles zurück - für die Trauer

Ein möglicherweise etwas langweiliges Land, aber ein glückliches Land, war dieses Norwegen meinem unrepräsentativen Eindruck nach. Bis zum 22. Juli 2011. Dann war es mit einem Mal ein zutiefst unglückliches Land.

Was mich bald nach dem Schock über die Ereignisse faszinierte, war der Umgang Norwegens mit dieser Tragödie. Als politisch denkenden Menschen in Deutschland kann einen das regelrecht neidisch machen. Der Ministerpräsident, ein vermeintlich unscheinbarer und unnahbarer Mensch, erweist sich als idealer, besonnener Krisenmanager. "Die Menschen in Norwegen reagieren mit Liebe und nicht mit Hass", sagen Prinz Haakon und Premier Stoltenberg wie unisono, und das, was jedenfalls hier ankommt, stimmt mit ihren Aussagen überein.

Norwegen verfällt nicht in einen besinnungslosen Wettbewerb von Sicherheitsforderungen, Norwegen stellt selbst berechtigte Fragen (Warum hatte die Polizei keinen eigenen Hubschrauber?) zurück und bemüht sich zuerst darum, diesen gesellschaftlichen Zusammenhalt, diese Nation aus Nachbarn nicht zu beschädigen, sondern eher noch zu stärken. Die wichtigste Frage kommt zuerst: Wie lebt Norwegen als verwundete Gesellschaft so frei und offen und nachbarschaftlich weiter?

Deutsche Reflexe: Gesetze, Verbote

Was für ein Unterschied zu unserem Land! Kaum war der Kunstdünger in Oslo detoniert, kaum waren die Todesschüsse auf Utøya verhallt, da forderte Herr Uhl von der CSU die Vorratsdatenspeicherung, woraufhin ihm Frau Roth von den Grünen vorhielt, ein innenpolitisches Süppchen auf dem norwegischen Feuer zu kochen - nicht ohne im selben Atemzug ihr eigenes aufzusetzen und mehr Überwachung des Rechtsextremismus zu fordern. Alle weiteren Forderungen bis hin zum NPD-Verbot kamen wie erwartet. Gegen den deutschen Politiker ist der pawlowsche Hund ein vernunftbegabtes Wesen, das den Mut aufbringt, sich seines Verstandes zu bedienen.

Warum muss Politik in Deutschland so sein? Warum muss jeder und jede jede Gelegenheit nutzen, das zu sagen, was er oder sie immer schon gesagt hat? Warum kann nicht einfach mal Ruhe sein?

Norwegen verarbeitet stumm das kollektive Trauma

Wer sich den "Schrei" von Munch in der Nationalgalerie in Oslo anschaut, der sieht einen Menschen, dem das unfassbare Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht. Als das weltberühmte Gemälde am helllichten Tage aus dem Museum gestohlen wurde, da war Norwegen das letzte Mal in den Schlagzeilen. Sieben Jahre ist das nun her. Auch damals ging es um die Kehrseiten einer offenen und von Vertrauen getragenen Gesellschaft.

Dieses Entsetzen von Munchs Schrei steht allen Norwegern ins Gesicht geschrieben, nur einem nicht, dessen verstörend selbstgefälliges, selig-absentes, teigiges Gesicht im Fond eines Polizeiwagens man sich wieder und wieder fassungslos betrachtet.

Die Menschen in Norwegen schreien stumm und verarbeiten das kollektive Trauma. Hierzulande hebt dagegen das übliche Geschrei an.

Manchmal möchte ich gern ein Norweger sein.

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