Reaktionen auf Wilders-Film Niederländische Imame verurteilen "Fitna" - und predigen Gelassenheit

Ein Gespenst verliert seinen Schrecken: Nach der Veröffentlichung von Geert Wilders' Anti-Koran-Film atmen die Niederlande erleichtert auf - alles nicht so wild. Das denken sogar die Menschen im Amsterdamer Migrantenviertel Slotervaart rund um die el-Ouma-Moschee.
Von Anne Huschka

Amsterdam - Die Worte von Ahmed Marcouch sind deutlich: "Es ist ein niederträchtiger Film, aber bei uns ist alles ruhig, sogar gemütlich", sagt der gebürtige Marokkaner, prominenter Bürgermeister des Amsterdamer Stadtteils Slotervaart, der niederländischen Zeitung "De Volkskrant" gleich nach Erscheinen des Geert-Wilders-Films "Fitna". Die Polizei im Stadtteil sei verstärkt worden.

Slotervaart, im Südwesten Amsterdams, gilt als sozialer Brennpunkt Amsterdams: Der Migrantenanteil ist sehr hoch hier. Viele Jugendliche haben kaum eine Zukunftsperspektive, einige sprechen kaum Niederländisch. Aus Slotervaart kommt auch der Mörder des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh. Und als vor einem halben Jahr der 24-jährige Bilal B. in eine Polizeiwache stürmte und niedergeschossen wurde, sorgte das für einen großen Aufruhr in Slotervaart. Jugendliche demonstrierten.

Aber heute - am Tag nach der Veröffentlichung des lange angekündigten und viel gefürchteten Anti-Islam-Films des Rechtspopulisten Geert Wilders - ist es vollkommen ruhig in Slootervaart.

Allein vor der el-Ouma-Moschee drängen sich Menschen. Übertragungswagen der Fernsehsender stehen vor der betongrauen Moschee, Kameras werden aufgebaut: Die Vereinigung der niederländischen Imame nimmt Stellung zu "Fitna". An einem langen Tisch sitzen die Glaubensvertreter und verurteilen Wilders' Werk - aber gleichzeitig mahnen sie zur Ruhe: "Fitna" sei "aus verschiedenen Quellen zusammengeschnitten"; der Film zeige "Aktionen Einzelner und hat – im Gegensatz zur Behauptung von Herrn Wilders – mit dem Islam überhaupt nichts zu tun". Moslems sollen nun zeigen, "dass sie die Niederlande nicht weniger lieben als Herr Wilders", erklären die Imame.

"Wir ignorieren das einfach"

Der Himmel ist bedeckt in Amsterdam, beim Einkaufszentrum hinter der Moschee sitzt eine Gruppe Jugendlicher auf der grauen Beetumrandung. Sie wollen der Empfehlung ihrer Imame folgen. "Wir ignorieren das einfach", sagt Mohammed. "Das lässt mich kalt, der will doch nur Aufmerksamkeit - und die kriegt er von mir nicht." Die anderen Jungs nicken. Gesprächsthema in der Familie sei der Film nicht.

Auch der junge Mann, der mit seinem Sohn an der Hand über den Platz spaziert, hatte Schlimmeres erwartet. "Wilders sät doch immer schon Hass. Jetzt hat er Filmstückchen von Terroristen aneinander gebastelt. Ich dachte, dass er schreckliche Dinge mit dem Koran machen würde." Wilders habe doch überhaupt keine Ahnung vom Koran. "Also nehme ich das nicht so ernst. Das Leben geht normal weiter."

Viele der Vorbeigehenden winken bei der Frage nach Wilders und seinem Film ab. Eine Frau tippt sich an die Stirn, "das ist doch ein Verrückter", sagt sie und geht weiter. Die junge Gulal Irsoy will sich den Film gar nicht erst ansehen. "Ich spreche doch auch nicht schlecht über den Glauben von Herrn Wilders, wenn er überhaupt einen hat", sagt sie, lädt Einkaufstüten auf ihr Fahrrad und fährt davon.

"Die Niederländer werden Wilders das Gegenteil beweisen"

Andere sind ärgerlich: Mohammed Mallaouch steht zwischen den Presseleuten vor der Moschee und schimpft: "Es ist eine Schande, wenn jetzt so getan wird, als sei die Zeit reif für einen Dialog. Wir tun seit Jahren nichts anderes hier!" Mallaouch engagiert sich in Slotervaart und findet den Wirbel um den Film zu viel. "Nur weil ein frustrierter PVVer (Wilders ist Vorsitzender der Partij voor de Vrijh, Anm. der Red.) mit Dreck wirft? Der Herr Wilders soll sich mal schön in seiner eigenen Nachbarschaft mit an den runden Tisch setzen!"

Vor der Moschee steht auch Esam Mudeer. Er kommt nicht aus Slotervaart, er ist als Tourist hier - aus Mekka. "Ich wollte dieses Land sehen. Als ich es letztes Jahr im Internet suchte, fand ich Beschreibungen von Tulpenfeldern und Windmühlen", sagt Mudeer, "aber seit Januar lese ich nur noch Anti-Islam, Anti-Koran, wenn ich 'Niederlande' googel."

Dabei sei der Film von Wilders doch "nur ein kleiner Zwischenfall", findet er. Muslime sollten nicht ängstlich reagieren, "auch wenn sie vielleicht das Recht haben, beleidigt und wütend zu sein".

Wilders zündele, er wolle "Fitna" - Zwietracht - sähen unter den Menschen in den Niederlanden. Aber Mudeer ist zuversichtlich: "Die Niederländer werden ihm das Gegenteil beweisen."

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