Reaktionen "Ich habe Arafat gehasst"

In aller Welt haben Politiker auf den Tod Jassir Arafats reagiert. Sie würdigten den Palästinenserpräsidenten - oder gaben ihrer Abscheu Ausdruck.




Paris/Jerusalem - Frankreichs Präsident Jacques Chirac nannte Arafat eine Persönlichkeit mit Mut und festen Überzeugungen. Arafat habe den palästinensischen Kampf für einen eigenen Staat verkörpert, erklärte Chirac in Paris, wo Arafat am frühen Morgen in einem Militärhospital seiner Krankheit erlegen war. "Unter Mitgefühl haben wir von dem Tod von Präsident Jassir Arafat erfahren, dem ersten gewählten Präsidenten der Palästinenser-Regierung", hieß es in der schriftlich verbreiteten Erklärung Chiracs. "Ich spreche seiner Familie und den Menschen, die ihm nahe stehen, mein tiefes Beileid aus."

Ganz anders eine Reaktion aus der israelischen Regierung. Justizminister Josef Lapid sagte im israelischen Rundfunk: "Ich habe ihn gehasst wegen des Todes von Israelis. Ich habe ihn gehasst, weil er nicht zugelassen hat, dass der Friedensprozess vorankommt." Es sei eine Tragödie, dass Arafat nicht verstanden habe, dass sich der Terror aus dem Nahen Osten in die ganze Welt ausbreite. Lapids Äußerungen waren die erste Reaktion eines israelischen Regierungsmitgliedes nach Bekanntwerden von Arafats Tod.

US-Präsident George W. Bush bezeichnete den Tod Arafats als "bedeutenden Moment in der palästinensischen Geschichte". "Wir möchten dem palästinensischen Volk unser Beileid aussprechen", hieß es in einer Erklärung Bushs, die in Washington veröffentlicht wurde. "Für das palästinensische Volk hoffen wir, dass die Zukunft Frieden bringt und die Erfüllung ihres Strebens nach einem unabhängigen, demokratischen Palästina, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebt." In der bevorstehenden Phase des Übergangs sollten alle in der Region und weltweit helfen, diese Ziele zu erfüllen.

Bushs Vorgänger Bill Clinton, der sich wie kein anderer US-Präsident für einen Nahost-Frieden eingesetzt hat, sprach den Palästinensern nach dem Tod von Jassir Arafat sein Beileid aus. Gleichzeitig machte er den Palästinenserführer dafür verantwortlich, dass sein Volk bislang keinen eigenen Staat hat. "Ich bedauere, dass er im Jahr 2000 die Gelegenheit verpasste, diese Nation zu erschaffen, und bete für den Tag, an dem der Traum des palästinensischen Volkes, einen eigenen Staat und ein besseres Leben zu haben, Wirklichkeit wird", sagte Clinton. "Die Geschichte wird als seinen größten Moment den 13. September 1993 verzeichnen, als er dem israelischen Ministerpräsidenten Rabin vor dem Weißen Haus die Hand schüttelte und die Oslo-Abkommen unterzeichnete", hieß es in der Erklärung Clintons weiter.

Russland hat die internationale Gemeinschaft, Israel und die Palästinenser zu verstärkten Friedensbemühungen aufgerufen. Den Tod Arafats nannte der russische Staatschef Wladimir Putin einen schweren Verlust für alle Palästinenser: Arafat habe sein Leben deren Streben nach einem unabhängigen Staat an der Seite Israels verschrieben.

Mit dem Tod Arafats ist nach den Worten des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Schimon Peres eine Ära zu Ende gegangen. "Der größte Fehler Arafats war, sich dem Terror zuzuwenden", sagte Peres im israelischen Radio. "Seine größten Leistungen vollbrachte er, als er versuchte, Frieden zu schaffen."

Die Bundesregierung hat die Verdienste des verstorbenen Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat gewürdigt. Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte, es sei Arafat nicht vergönnt gewesen, "sein Lebenswerk zu vollenden". Schröder hob in einem Beileidsschreiben an den palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmed Kurei hervor: "Jassir Arafats Streben war zeit seines Lebens darauf gerichtet, die Palästinenser in die Unabhängigkeit zu führen und einen souveränen, lebensfähigen palästinensischen Staat zu errichten."

Der deutsche Außenminister Joschka Fischer hat nach dem Tod Arafats angemahnt, alles für einen geordneten Machtübergang zu tun. "Von zentraler Bedeutung ist dabei eine durch baldige Wahlen legitimierte Führung, die einer gerechten Friedenslösung verpflichtet bleibt", teilte Fischer in Berlin mit. Mit dem Tod Arafats habe das palästinensische Volk seinen historischen Führer verloren. "Eine Ära geht mit ihm zu Ende", so Fischer.

Der britische Premierminister Tony Blair hat Arafat als Symbol der nationalen palästinensischen Bewegung gewürdigt. "Er führte sein Volk zu historischer Anerkennung", erklärte Blair nach Angaben einer Sprecherin in London. "Das Ziel eines lebensfähigen palästinensischen Staates an der Seite eines sicheren Israels ist ein Ziel, an dem wir weiter unermüdlich arbeiten müssen." Die internationale Gemeinschaft müsse dem Frieden im Nahen Osten höchste Priorität einräumen, erklärte Blair.

Weitere Kommentare zu Arafats Tod:

Mohammed Dahlan, Sicherheitschef im Gaza-Streifen:

"Es wird einen ruhigen Transfer der Verantwortungsbereiche von Präsident Arafat geben."

Sami Abu Suhri, Vertreter der Hamas im Gaza-Streifen:

"Die islamische Widerstandsbewegung Hamas trauert um den großen Anführer Jassir Arafat, voller Stolz auf unser palästinensisches Volk und unsere moslemische und arabische Nation - (Arafat ist) eine Ikone unseres Kampfes und ein großes palästinensisches Symbol."

Mohammed al-Hindi, Anführer des Islamischen Dschihad:

"Dies ist ein Augenblick, in dem Einheit und Standfestigkeit nötig sind. Wir sind alle ein Volk, das für seine Freiheit kämpft und für die Befreiung des Landes ... Wir erwarten jetzt einen ruhigen Machttransfer innerhalb der Fatah. Später müssen alle Fragen diskutiert werden, einschließlich die Bildung einer vereinigten nationalen Führung oder einer Not-Regierung, die von allen Fraktionen gebildet wird."



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