Reaktionen in Polen auf SPIEGEL-Titel "Wir haben die Schlacht angefangen"

Die Kaczynskis rittlings auf Kanzlerin Merkel: Der SPIEGEL-Titel hat in Polen ein großes Medien-Echo ausgelöst. Einige Kommentatoren meinen, die polnische Politik sei Auslöser des "scharfen Tons". Andere verurteilen Berlins Haltung in der EU-Verfassungsfrage.

Warschau - Der SPIEGEL-Titel "Die ungeliebten Nachbarn. Wie die Polen Europa nerven" hat in Polen große Resonanz gefunden. Er spielt an auf ein Titelblatt des rechten Wochenmagazins "Wprost". Die Zeitschrift hatte 2003 Erika Steinbach (CDU), Chefin des Bundes der Vertriebenen, in Nazi-Uniform als Domina abgebildet - auf dem Rücken von Kanzler Gerhard Schröder (SPD).

Die linksliberale Zeitung "Gazeta Wyborcza" sieht im SPIEGEL-Titelbild einen Angriff auf die Brüder Lech und Jaroslaw Kaczynski - die heutige Schlagzeile: "Die deutsche Presse schlägt Polen". In der Zeitung schreibt Piotr Buras vom "Zentrum für Internationale Beziehungen", der "scharfe Ton der deutschen Presse" erkläre sich aus der bisherigen Politik Polens gegenüber Berlin.

Buras schreibt: "Die Deutschen haben den Polen das Etikett der Euroskeptiker und der unfreundlichen Nachbarn verpasst." Die Gefahr des polnischen Vetos "irritiert vor allem die Deutschen, denn für sie ist das Drohen mit einer Blockade ein Kniff, der sich mit ihrer politischen Korrektheit nicht in Einklang bringen lässt". Buras fügt hinzu, diese Haltung habe etwas Scheinheiliges, denn Berlin halte nur eigene Vorschläge für das neue EU-Regelwerk für ideal. Über Zugeständnisse wolle man nicht reden.

Am Sonntag hatte Buras in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE Polens Einwände im Verfassungsprozess verteidigt. Er nannte sie legitim: Dahinter stecke die Angst vor einem "deutschen Europa".

Der Publizist Adam Krzeminski schreibt in der konservativen "Rzeczpospolita", die zu Teilen einer staatlichen Medienholding gehört: "Leider haben wir die Schlacht angefangen, als Erika Steinbach auf dem Titelbild der 'Wprost' abgebildet war, wie sie in SS-Uniform Kanzler Schröder geritten hat. Die polnische Rechte ist bis heute sehr stolz darauf. Danach gab es eine hysterische Reaktion auf die Satire in der 'taz'. Jetzt wühlt das Titelbild des SPIEGEL Emotionen auf. Die Texte in diesem Magazin jedoch sind sehr ausgewogen."

"Beleidigendes Titelbild"

Ebenfalls in "Rzeczpospolita" sieht Marek Magierowski Deutschland als den Hauptbremser in der EU. Selbst die ernsten deutschen Medien hätten die Auseinandersetzung über die EU-Verfassung auf das Niveau von Gesprächen im Waschsalon gebracht. Das SPIEGEL-Titelbild sei "beleidigend".

"Die Kaczynskis als unter Komplexen leidende Barbaren darzustellen, ist in der deutschen Presse nichts Neues", kommentiert Magierowski. Dies gleiche britischen Boulevardzeitungen, wenn diese Zorn über die Deutschen ausgössen. Neu sei die Einstimmigkeit deutscher Kommentatoren gegenüber Polens Haltung: Die Zeitungen stünden "sehr gehorsam an der Seite von Frau Kanzlerin" und überzeugten Europa davon, dass was gut für Deutschland ist, auch gut sei für die EU. Dabei werde mit einer antipolnischen Stimmung gespielt und die Aggressivität mit "Sorge um die Zukunft des gemeinsamen Europa" gerechtfertigt.

Doch "wie leicht kann man diese Argumentation umdrehen: Ist die deutsch-russische Gasleitung keine Bedrohung für die EU? Bremst die deutsche Regierung die Integration nicht dadurch, dass sie den Zugang zum eigenen Arbeitsmarkt versperrt? Wie passt es zur Idee von Europa, wenn die Deutschen einige Jahre lang straflos die Stabilitätskriterien nicht erfüllen? Wie passt es zur Idee des freien Marktes, dass Volkswagen das Recht hat, sich als größter Autokonzern Europas vor der Übernahme durch ausländische Investoren zu schützen?", fragt Magierowski.

"Generalisierungen gegenüber Polen"

Piotr Semka kritisiert ebenfalls in "Rzeczpospolita" die Berichterstattung. Sie sei generalisierend. Bisher hätten es die deutschen Medien vermieden, Kritik am Premier oder Präsidenten auf alle Polen auszuweiten. Dies sei nun anders: "Ein diplomatischer Konflikt reichte aus, damit die deutschen Medien leichtfertig alle Polen für unangenehme und irrationale Nachbarn halten."

Semka fürchtet, dass die schlechten Stereotype über Polen und die Polen zurückkehren. Jetzt stehe das deutsch-polnische Verhältnis vor der Frage, wie tief die bisherige Aussöhnung geht. Diese müsse sich gerade dann bewähren, wenn der Nachbar eine eigene Meinung hat: "Diese Woche wird zu einer schwierigen Prüfung werden, sowohl für die Polen als auch für die Deutschen. Wir sollten sie gemeinsam bestehen."

asc

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