Rebellen in Burma Krieg im Maisfeld

In den Bergen zwischen Thailand und Burma kämpfen seit sechs Jahrzehnten Rebellen des Karen-Bergvolks gegen das burmesische Militärregime. Doch sie haben kaum eine Chance - ihnen fehlen Waffen und internationale Unterstützung.

Von , Mae Sot


Mae Sot - Heiß ist es und feucht, selbst den Dschungelkämpfern mit den abgetragenen olivgrünen Uniformen rinnt der Schweiß übers Gesicht. Sie haben in einem Maisfeld Schutz gesucht, das noch nicht abgeerntet ist. Gerade hat einer ihrer Leute über Funk gemeldet, dass eine thailändische Armeepatrouille im Anzug ist, und jetzt kauert der ganze Tross im Mais und hält den Atem an.

Wie hier in der Nähe der siamesischen Stadt Mae Sot führen überall geheime Wege durch das Grenzgebiet von Thailand nach Burma. Es sind Nachschubwege der Rebellen, Schmuggelrouten, Ameisenpfade. Es herrscht Krieg im Osten Burmas, seit 60 Jahren schon.

Es ist der Krieg der Karen, eines Bergvolks, das in diesem Grenzgebiet zu Thailand beheimatet ist, gegen die Regierung, die überwiegend aus den Reihen der Burmanen stammt, also aus der dominierenden Volksgruppe im 50-Millionen-Einwohner-Staat. Geschätzte vier bis sieben Millionen gehören zum Volk der Karen.

Es ist auch der Krieg einer Rebellenarmee, die sich "Karen National Liberation Army" (KNLA) nennt, gegen eine hochparanoide und undemokratische Junta mit einer auf 400.000 Mann hochgerüsteten Armee, die jeden noch so zaghaften Protest im Keim zu ersticken versucht. Es ist auch ein Krieg der Religionen: Die Karen sind überwiegend christlich, während die Burmesen buddhistisch sind. Es ist ein aussichtsloser Kampf, und dennoch ist es ein ewiger Krieg. Zwei Millionen Burmesen sollen vor den Auseinandersetzungen schon nach Thailand, ins Nachbarland, geflüchtet sein.

Thailand drückt ein Auge zu

Oberst Ner Dah Mya ist Bataillonskommandant der KNLA, ein etwas pausbäckiger, gutmütig dreinschauender Mann im Kampfanzug. Schon sein Vater, General Saw Bo Mya, hatte sein Leben dem Unabhängigkeitskampf seines Volkes gewidmet. Am 24. Dezember 2006 starb der alte General, und nun führt der Sohn den Kampf weiter. Doch erstmal hockt er im Maisfeld und wartet auf eine Nachricht der Vorhut. Dann geht es weiter, geduckt und im Laufschritt.

Ziel ist eines der unzähligen Dörfer auf der burmesischen Seite. Ner Dah hat hier eine kleine Truppe stationiert, 80 wackere Soldaten, die auf drei Seiten vom Feind umzingelt sind. Hinter dem Maisfeld liegt Thailand, das angesichts der Rebellenaktivitäten offenbar ein Auge zudrückt. Aber so richtig will man sich im Land des Lächelns die Sympathien mit dem Regime in Burma auch nicht verscherzen. Immerhin verfügt der Nachbar über reichlich Erdgasreserven, und daran sind auch die Thais interessiert.

Ner Dah pendelt derzeit ständig zwischen den Welten hin und her. Von Mae Sot in Thailand, wo er mit seiner Frau und den Kindern lebt, hinüber in die Militärcamps auf der anderen Seite. Heute ist er gekommen, um seine Leute in Wehrkunde zu unterweisen. Viele der Männer sind junge Burschen, ihnen baumeln Handgranaten an den Gürteln, und auf der Schulter tragen sie uralte Karabiner. Ihre Familien befinden sich zum großen Teil in den Lagern in Thailand. Über 200.000 Burmesen sollen mittlerweile in solchen Camps leben, und 10.000 Karen sollen bei der Rebellenarmee unter Waffen stehen.

"Früher war unser Ziel die totale Unabhängigkeit", sagt der Kommandeur, "doch davon sind wir bereits abgerückt, jetzt würden wir uns mit einer föderalen Union zufriedengeben". Und dann schwärmt er von der Demokratie, der Einigkeit seines Karen-Volks, das geschlossen hinter seiner Truppe stehe, der eigenen Fahne und eigenen Sprache und der Heimatverteidigung. Und er erzählt vom "Genozid" der Generäle an seinem Volk und wie "brutal und ausbeuterisch" die Regierung in ihrer Dschungelhauptstadt Nay Pyi Taw ist, dass sie den Namen Karen aus der "Geschichte löschen möchte" und "überwiegend vom Drogenhandel" lebe.

Aber haben sie denn eine Chance gegen den übermächtigen Feind? Ner Dah gibt sich zwar siegesgewiss: "Wir stehen kurz vor dem Ziel", verkündet er etwas großspurig. Doch dann klagt er über einen Mangel an Waffen und internationaler Unterstützung für seine Bewegung, die den militärischen Flügel der Karen National Union darstellt. "Wir müssen alles auf dem Waffenmarkt in Kambodscha zusammenkaufen", sagt er.

Seit Nargis, dem tödlichen Zyklon, der Anfang Mai über das Land hereinbrach, würden zwar besonders die Amerikaner die Opposition stärker fördern. Aber bei den Karen-Rebellen scheint davon nicht allzu viel anzukommen. Die Männer schaufeln Reis und Huhn mit Chili-Sauce in sich hinein, als hätten sie seit einer Woche nichts mehr zu essen bekommen.

Die Strategie der Generäle

In Burma, diesem tiefreligiösen Buddhaland, sind 135 verschiedene Volksgruppen offiziell registriert. Mit taktischem Geschick verstand es die Regierung, den Aufstand vieler dieser Völker niederzuwerfen oder sie durch territoriale Zugeständnisse dazu zu bewegen, die Waffen zu strecken. Nur noch wenige leisten Widerstand. Die Opposition ist zerstritten. Scheitert der Kampf gegen das unbarmherzige Regime etwa an der Uneinigkeit der verschiedenen Oppositionsgruppen? "Nein, nein", versichert Ner Dah, "wir unterhalten hervorragende Beziehungen zu allen Gruppen."

Aber dann plaudert er aus, dass die "National League for Democracy" der unter Hausarrest stehenden Friedensnobelpreisträgerin von 1991, Aung Sang Suu Kyi, "überwiegend in Hauptstädten wie Washington und Berlin" herumhänge, die "Democratic Alliance" im Exil in Thailand "nur Blabla" produziere. Für die abtrünnige "Democratic Karen Buddhist Army", die sich auf die Seite der Regierung geschlagen hat, hat er sowieso nur Verachtung übrig: "Wer sind die denn, bitteschön." Und langsam wird klar, warum die Karen-Rebellen wohl noch lange auf ihre Freiheit warten müssen.

Ner Dah muss jetzt wieder zurück nach drüben. Er legt seine Uniform ab, setzt sich die blaue Schirmmütze mit dem Schriftzug der italienischen Kommunisten auf und macht sich auf den Heimweg. Zurück durchs Maisfeld.



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