Die Türkei in der Katar-Krise Plötzlich Schlichter

Die Türkei gilt als einer der engsten Verbündeten Katars. Kann Präsident Erdogan in dem Konflikt zwischen dem Emirat und seinen Nachbarn vermitteln?
Recep Tayyip Erdogan

Recep Tayyip Erdogan

Foto: UMIT BEKTAS/ REUTERS

Vergangenen Dezember lud der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Emir von Katar, Tamim Bin Hamad Al-Thani, zu einer Hubschrauber-Tour ein. Die beiden flogen über die schneebedeckten Berge im Norden der Türkei und Al-Thani erkundigte sich nach Möglichkeiten, den Wintertourismus auszubauen.

Es war nicht das einzige Projekt, über das die beiden Staatsoberhäupter sprachen. Katar hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Partner der Türkei entwickelt. Das Emirat hat die türkische Wirtschaft mit einer Milliardeninvestition gestützt. Beide Länder verfolgen unter anderem in Syrien, im Irak und in Jemen ähnliche Ziele. Al-Thani war der erste Staatschef, der Erdogan in der Nacht des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 anrief und Hilfe anbot.

Das Zerwürfnis zwischen Katar und einer Reihe arabischer Staaten um Saudi-Arabien und Ägypten trifft die türkische Regierung unvorbereitet. "Diese Entwicklungen helfen niemanden in der Region", sagte Erdogan, sichtlich schockiert, am Dienstag. Der türkische Präsident hat sich von Europa abgewandt und ist zunehmend auf die Zusammenarbeit mit Ländern wie Katar angewiesen. In Ankara fürchten nun viele, dass die Krise am Golf auf die Türkei übergreifen könnte.

Sollte Doha durch die Isolationspolitik seiner arabischen Nachbarn in ökonomische Schwierigkeiten geraten, würden darunter wohl auch die türkische Wirtschaft leiden.

Europäische und amerikanische Investoren haben sich nach dem Putschversuch zurückgezogen, Katar hingegen hat seine Investitionen in der Türkei verstärkt. Das Emirat hat den Bezahlsender Digiturk gekauft. Ihm gehören zwei türkische Banken und es hält Anteile an einer türkischen Rüstungsfirma. Zugleich sind türkische Unternehmen in Katar an Projekten im Wert von 13,7 Milliarden Dollar beteiligt - vor allem in der Bauindustrie.

"Uns ist die Stabilität am Golf so wichtig wie unsere eigene"

Erdogan braucht Al Thani zudem, um seine außenpolitischen Interessen im Nahen Osten durchzusetzen. Beide Politiker unterstützen die Muslimbrüder in Ägypten. Katar ist neben der Türkei einer der wichtigsten Verbündeten moderatislamischer und islamistischer Rebellen in Syrien.

Am Mittwoch hat das türkische Parlament einer Ausweitung der Militärpartnerschaft mit Katar zugestimmt. Die türkische Armee will einen Stützpunkt am Golf errichten, dessen Bau von Doha finanziert wird. "Uns ist die Stabilität am Golf so wichtig wie unsere eigene", sagt der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu.

Genau diese Stabilität wird jetzt durch die Katar-Krise infrage gestellt. Saudi-Arabien und die anderen arabischen Staaten werfen Katar vor, sowohl sunnitische Extremisten als auch das schiitische Regime Irans zu unterstützen. Sie haben sämtliche Beziehungen zu dem Emirat gekappt. Doha weist die Vorwürfe zurück.

Erdogan hat sich in dem Streit vorsichtig auf die Seite Al Thanis geschlagen. "Wir halten die Sanktionen für falsch", sagte er. Der türkische Präsident versucht jedoch zugleich, eine offene Konfrontation mit den arabischen Staaten zu vermeiden.

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Die Türkei hat sich durch ihre zwischenzeitlich imperialistische Politik im Nahen Osten weitgehend isoliert. Sie ist in Syrien und im Irak in komplizierte Kriegseinsätze verstrickt. Sie kann einen weiteren Konflikt am Golf nicht gebrauchen.

Erdogan hat in den vergangenen Tagen mit verschiedenen Konfliktparteien telefoniert. Irans Außenminister war am Mittwochabend für Gespräche in Ankara. Erdogan ist zuletzt vor allem durch seine Provokationen gegenüber Europa aufgefallen. In der Katar-Krise findet er sich plötzlich in einer neuen Rolle wieder, der des Schlichters.