Erdogan trifft Trump in Washington Zwei Präsidenten, jede Menge Probleme

Recep Tayyip Erdogan besucht Donald Trump im Weißen Haus. Politisch liegen die Regierungen bei vielen Themen über Kreuz, von Syrien bis Nato-Partnerschaft. Kann die Bewunderung der Staatschefs füreinander den Streit entschärfen?

Donald Trump (l.) und Recep Tayyip Erdogan halten beim G20-Treffen in Osaka, Japan, die Daumen hoch
DPA

Donald Trump (l.) und Recep Tayyip Erdogan halten beim G20-Treffen in Osaka, Japan, die Daumen hoch


Die Präsidenten Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan schätzen den Stil des jeweils anderen, politisch aber ist die Lage zwischen den Nato-Partnern USA und Türkei schwierig wie lange nicht.

Am Mittwoch treffen der US-Präsident und sein türkischer Kollege im Weißen Haus zusammen, die Liste der Streitthemen ist lang: Erdogans Krieg gegen die Kurden, russische Raketen auf Nato-Territorium in der Türkei, drohende Sanktionen der USA und der angebliche Putschplaner Fethullah Gülen im US-Exil.

Vor gut einem Monat waren türkische Truppen in Nordsyrien einmarschiert. Trump hatte daraufhin gedroht, er könne mittels Sanktionen die türkische Wirtschaft "auslöschen". In einem Brief, der Spott auslöste, schrieb Trump persönlich an Erdogan, er solle einen Deal mit ihm machen: "Seien Sie kein Narr." Und: "Ich ruf Sie später an."

Bei dem Gespräch in Washington soll es nun nach Angaben aus dem Weißen Haus erneut um die Lage in Nordsyrien gehen, wo die Türkei gegen die Kurdenmiliz YPG vorgeht. In Absprache mit Washington hatte Erdogans Armee die Kurden am 9. Oktober angegriffen, nachdem sich die bis dahin eng mit der YPG verbündeten US-Truppen aus dem Grenzgebiet zurückgezogen hatten.

Erdogan: Probleme lösen "trotz des trüben Klimas"

Faktisch hatten die syrischen Kurden den USA nach deren Teilabzug vorgeworfen, sie würden von ihren Verbündeten im Stich gelassen. Strittig war, ob Washington der Türkei grünes Licht für die Vertreibung der YPG aus Nordsyrien gab, der Abzug von US-Soldaten wurde aber so interpretiert. Die Türkei betrachtet die Kurdenmiliz als Terrororganisation.

Washington betonte nun am Dienstag, die YPG sei weiterhin Verbündeter der US-Streitkräfte im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Es gebe keinerlei Absichten, die Zusammenarbeit mit den von der YPG dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) zu beenden.

Recep Tayyip Erdogan kurz vor dem Start in Ankara in Richtung Washington
Murat Cetinmuhurdar/ REUTERS

Recep Tayyip Erdogan kurz vor dem Start in Ankara in Richtung Washington

Weiterer Streitpunkt: Der türkische Erwerb des russischen S-400-Raketensystems, ein für ein Nato-Mitgliedsland beispielloser Schritt. Die USA befürchten, dass Russland über das empfindliche Radar des Waffensystems an Daten über die Fähigkeiten des US-Kampfjets F-35 gelangt. Ankara war Partner beim Bau des Kampfjets und wollte mehrere der Flugzeuge kaufen. Wegen den S-400 haben die USA die Türkei aus dem F-35-Programm ausgeschlossen.

Auch Erdogan hat heikle Themen auf die Agenda gesetzt. Er will mit Trump auch über den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen sprechen. Die Türkei macht Gülen für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich und fordert seine Auslieferung. Gülen weist jede Verantwortung für den Putsch zurück.

Erdogan sagte am Dienstag in Ankara vor seinem Abflug, er sehe dem Gespräch mit Trump positiv entgegen, auch wenn das Verhältnis angespannt sei. "Trotz des trüben Klimas in unseren Beziehungen sind wir uns mit Präsident Trump darüber einig, wenn es darum geht, Probleme zu lösen und unsere Beziehungen auszuweiten." Und Trump? Der US-Präsident hat Erdogans breitbeinigen Regierungsstil wiederholt lobend erwähnt. Der Türke sei ein "Freund" und ein "höllisch guter Staatschef".

Zuneigung der "Strongman-Präsidenten"

Das US-Repräsentantenhaus hatte Ende vergangenen Monats mit überwältigender Mehrheit harte Sanktionen gegen die Türkei beschlossen. Der Senat, der der Resolution noch zustimmen muss, wird sich erst nach dem Erdogan-Besuch damit befassen. Der demokratische Senator Chris van Hollen warf Trump am Dienstag vor, Erdogan mit der Einladung ins Weiße Haus für den Angriff auf die YPG zu belohnen.

Nach Einschätzung von Soner Cagaptay, verantwortlich für das Türkeiprogramm des Washington Institute for Near East Policy, herrscht auf der Arbeitsebene zwischen den Regierungen größte Abneigung, die nur von der Zuneigung der beiden "Strongman-Präsidenten" zueinander überdeckt werde. "Der Erdogan-Trump-Teil des USA-Türkei-Verhältnisses ist wirklich die einzige Komponente, die derzeit funktioniert." In den Regierungsbehörden hingegen sei das Vertrauen erodiert und beide Seiten seien übereinander sehr verärgert.

cht/dpa/Reuters

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
docker 13.11.2019
1. Das ist der Daumen...
...den schütteln die Pflaumen...
Pizp 13.11.2019
2.
Daumen hoch: Der nach oben gereckte Daumen wird in Mitteleuropa weithin als Zeichen der Tramper benutzt. Wird er auf und ab bewegt, ist er allerdings in vielen Mittelmeerländern, aber auch in Russland, im Mittleren Osten sowie in Teilen von Afrika und Australien eine obszöne Beleidigung. Besonders in der Türkei gilt die Geste außerdem als Einladung zu homosexuellen Praktiken.
KingTut 13.11.2019
3. Einfache Antwort
"Kann die Bewunderung der Staatschefs füreinander den Streit entschärfen?" Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Trump behauptet ja, er sei es, der alle Entscheidungen treffe (wie E.) und folglich kann mit allem gerechnet werden. Das Ergebnis wird sicherlich der Sache der freien Welt nicht dienlich sein. Dass der Führer der westlichen Wertegemeinschaft Autokraten und Diktatoren hofiert, ist traurig. Man kann nur hoffen, dass das Impeachment-Verfahren diesen Spuk bald beenden wird. Ich sehe den heute beginnenden öffentlichen Anhörungen mit großem Interesse entgegen.
Björn L 13.11.2019
4. Deal-Maker vs Sultan 0:0
2x0=0 Nur blöd das alle anderen leiden,darben oder sterben müssen. Der Sultan müsste arg sauer sein wegen der Lira-Abwertung dank Twitter-Trump, dem Asyl für Gülen. Die USA wegen der russischen Waffenkäufe, den Überfall auf die im Stich gelassenen Kurden. Trump bewundert dem Sultan seinen Umgang mit der Presse und Oppostionellen. Was der Sultan an Trump toll findet ist nicht schlüssig, evtl kann er bei guter Miene mehr US-Waffenknowhow abgreifen und welches er seinem Freund in Moskau verkaufen kann.
cup01 13.11.2019
5. Keine Nachricht wert
Wenn sich zwei lame ducks treffen wollen sie nur von ihren selbstgemachten Problemen ablenken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.