Erdogan und Putin Freundschaft meistbietend zu verkaufen

Die vermeintliche Herzlichkeit zwischen Erdogan und Putin bereitet dem Westen Sorgen - gleichzeitig ist sie aber auch beruhigend, weil sie zeigt: Die Loyalität des türkischen Herrschers ist keine Frage der Ideologie, sondern allein des Preises.

Recep Tayyip Erdogan (l.) und Wladimir Putin
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Recep Tayyip Erdogan (l.) und Wladimir Putin

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Da haben sich zwei gefunden: Der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan, noch vor Wochen ziemlich schlimmste Feinde, demonstrieren in St. Petersburg ihre neu gefundene Männerfreundschaft. Gleich und gleich gesellt sich gern, heißt es, insofern ist der Schulterschluss der beiden Autoritären kaum überraschend.

Ist es jedoch besorgniserregend, dass Erdogans erste Auslandsreise nach dem überstandenen Putschversuch nicht ins westliche Ausland führt, sondern in die Heimatstadt Putins? Immerhin schmeißt sich hier ein Nato-Mitglied und strategisch höchst wichtiger EU-Partner demonstrativ an den größten Nato-Gegner und EU-Opponenten heran. Erdogan hat die Meinungsfreiheit in seinem Land beschnitten, das hat der Westen geschluckt. Er führt Krieg gegen die Kurden und scheint auch vor Unterstützung islamistischer Kämpfer nicht zurückgeschreckt zu haben, der Westen nimmt es hin. Nach dem gescheiterten Putschversuch lässt er Tausende verhaften und baut die Türkei zu einem allein auf ihn ausgerichteten Führerstaat um, der Westen sieht zu. Zu wichtig ist die Türkei als Verbündeter. Aber ist sie überhaupt noch verbündet?

Die Rhetorik der türkischen Staatsführung hört sich jedenfalls nicht so an: Man sei vom Westen verraten worden, die EU halte sich nicht an die Absprachen beim Flüchtlingsabkommen, und die USA hätten den Putsch gegen Erdogan nicht nur goutiert, sondern inszeniert. Für Putin hingegen findet Erdogan in jüngster Zeit nur noch freundlichste Worte.

Allein der eigene Vorteil zählt

Das ist tatsächlich besorgniserregend. Aber die plötzliche Herzlichkeit zwischen Erdogan und Putin ist in gewisser Weise auch beruhigend. Denn die politische Wandlungsfähigkeit der beiden Staatslenker lässt darauf schließen, dass sie - abgesehen vom ständigen Streben nach dem eigenen Vorteil - keinerlei Ideologie verfolgen. Hatte Putin Erdogan nicht noch vor Kurzem bezichtigt, mit dem IS Ölgeschäfte zu machen? Hatte Erdogan Putin nicht mit der ganzen Schlagkraft der Nato gedroht, sollten dessen Kampfflieger der türkischen Grenze zu nahe kommen? Das scheint alles keine Rolle mehr zu spielen.

Die beiden Herren eint nicht nur ihr Gefühl der Missachtung durch den Westen, gleich sind sie sich auch in der Motivation ihrer Politik: Es geht ihnen um keine Ideologie, um keine Werte, um keine Prinzipien - sondern allein um den eigenen Vorteil. Man kann diese Art der Politik als widerliches Geschachere abtun, womöglich zu Recht. Aber gleichzeitig vereinfacht sie realpolitische Verhandlungen. Mit Fanatikern und Ideologen kann man nicht verhandeln - mit Egoisten aber schon.

Erdogans Schwenk Richtung Moskau ist demnach zu allererst ein Signal an den Westen. Man will ihn weiterhin als Partner und Verbündeten? Dann muss man mehr bieten als Putin. Die Freundschaft der Erdogan-Türkei ist für den Meistbietenden zu haben.

Das ist nicht schön, aber mit dieser Klarheit kann man arbeiten. Kann die Türkei unter diesen Umständen EU-Mitglied werden? Selbstverständlich nicht. Kann man sie als strategischen Nato-Partner halten? Selbstverständlich ja. Es ist nur eine Frage des Preises.

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Erdogan trifft Putin: Gas, Tomaten und ein Atomkraftwerk
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Putin-Troll 09.08.2016
1.
---Zitat--- Zu wichtig ist die Türkei als Verbündeter. Aber ist sie überhaupt noch verbündet? ---Zitatende--- Sagen wir mal so: wer solche 'Verbündeten' hat, braucht keine Gegner...
jetzttexteich 09.08.2016
2. Käuflich....alle Beide!
Der gewieftere Kaufmann ist bleibt dennoch Herr Putin! Dagegen wirkt Herr Erdogan nur dumm und dreist!
biostar 09.08.2016
3. Feindschaft ?
Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern würde verursacht durch den Abschuss eines russischen Kampfjets. Mittlerweile ist bekannt, dass das Kommando zum Abschuss von falschen Koordinaten hervorgerufen wurde. Also, warum sollten die Beziehungen zwischen diesen beiden Staaten nicht wieder freundschaftlicher Natur sein.
wk03 09.08.2016
4. Loyalität
Erdogan ist zweifelsfrei ein Egomane. Aber er sagt, er habe BEWEISE, dass der Putsch gegen ihn von den USA angezettelt worden ist. Unterstellen wir mal, dass das stimmt, dann stellt sich die Loyalitätsfrage ganz, ganz anders. Das der Putsch nicht funktionniert hat, wäre dann ein weiterer "Erfolg" us-amerikanischer Aussenpolitik. Ein Erdogan, der weiss, dass er bei seinen amerikanischen "Freunden" auf der Abschussliste steht, wird sicher die Nähe derer suchen, die die USA auch als ihr Feinde gemarkt haben (Putin, ...). Daran ist nichts illoyal. Ob sich Putin etwas von der Nähe eines Egomanen verspricht, ist schwer abschätzbar, aber allein für den Syrienkonflikt ist die Türkei derzeit als "Partei" interessant. Da droht dann der nächste "Sieg" der USA. Die ganz schlechte Karte hat jetzt Frau Merkel: mit Putin darf sie nicht reden, auch nicht über Erdogan. Ihr Deal mit Erdogan ist nun keinen Pfifferling mehr wert, und alle anderen Europäer schütteln den Kopf. Dabei stammen alle die Ideen zur Flüchtlingspoltik aus einem US-Think-Tank. Aber Frau Merkel ist ganz loyal ...
Jasro 09.08.2016
5. Man darf eines nicht vergessen....
Die Türkei ist nach wie vor NATO-Mitglied. Und auch das muss in die Bewertung des innenpoltischen wie außenpolitischen Verhaltens von Herrn Erdoğan einfließen. Die Politik des NATO-Mitglieds Türkei muss nach genau den gleichen Maßstäben gemessen werden wie die Politik des NATO-Mitglieds Deutschland, Polen oder Großbritannien. Es darf diesbezüglich nicht auch nur die geringste Doppelmoral geben, nur, weil die Türkei ein islamisches Land ist.
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