Stefan Kuzmany

Erdogan und Putin Freundschaft meistbietend zu verkaufen

Die vermeintliche Herzlichkeit zwischen Erdogan und Putin bereitet dem Westen Sorgen - gleichzeitig ist sie aber auch beruhigend, weil sie zeigt: Die Loyalität des türkischen Herrschers ist keine Frage der Ideologie, sondern allein des Preises.
Recep Tayyip Erdogan (l.) und Wladimir Putin

Recep Tayyip Erdogan (l.) und Wladimir Putin

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP

Da haben sich zwei gefunden: Der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan, noch vor Wochen ziemlich schlimmste Feinde, demonstrieren in St. Petersburg ihre neu gefundene Männerfreundschaft. Gleich und gleich gesellt sich gern, heißt es, insofern ist der Schulterschluss der beiden Autoritären kaum überraschend.

Ist es jedoch besorgniserregend, dass Erdogans erste Auslandsreise nach dem überstandenen Putschversuch nicht ins westliche Ausland führt, sondern in die Heimatstadt Putins? Immerhin schmeißt sich hier ein Nato-Mitglied und strategisch höchst wichtiger EU-Partner demonstrativ an den größten Nato-Gegner und EU-Opponenten heran. Erdogan hat die Meinungsfreiheit in seinem Land beschnitten, das hat der Westen geschluckt. Er führt Krieg gegen die Kurden und scheint auch vor Unterstützung islamistischer Kämpfer nicht zurückgeschreckt zu haben, der Westen nimmt es hin. Nach dem gescheiterten Putschversuch lässt er Tausende verhaften und baut die Türkei zu einem allein auf ihn ausgerichteten Führerstaat um, der Westen sieht zu. Zu wichtig ist die Türkei als Verbündeter. Aber ist sie überhaupt noch verbündet?

Die Rhetorik der türkischen Staatsführung hört sich jedenfalls nicht so an: Man sei vom Westen verraten worden, die EU halte sich nicht an die Absprachen beim Flüchtlingsabkommen, und die USA hätten den Putsch gegen Erdogan nicht nur goutiert, sondern inszeniert. Für Putin hingegen findet Erdogan in jüngster Zeit nur noch freundlichste Worte.

Allein der eigene Vorteil zählt

Das ist tatsächlich besorgniserregend. Aber die plötzliche Herzlichkeit zwischen Erdogan und Putin ist in gewisser Weise auch beruhigend. Denn die politische Wandlungsfähigkeit der beiden Staatslenker lässt darauf schließen, dass sie - abgesehen vom ständigen Streben nach dem eigenen Vorteil - keinerlei Ideologie verfolgen. Hatte Putin Erdogan nicht noch vor Kurzem bezichtigt, mit dem IS Ölgeschäfte zu machen? Hatte Erdogan Putin nicht mit der ganzen Schlagkraft der Nato gedroht, sollten dessen Kampfflieger der türkischen Grenze zu nahe kommen? Das scheint alles keine Rolle mehr zu spielen.

Die beiden Herren eint nicht nur ihr Gefühl der Missachtung durch den Westen, gleich sind sie sich auch in der Motivation ihrer Politik: Es geht ihnen um keine Ideologie, um keine Werte, um keine Prinzipien - sondern allein um den eigenen Vorteil. Man kann diese Art der Politik als widerliches Geschachere abtun, womöglich zu Recht. Aber gleichzeitig vereinfacht sie realpolitische Verhandlungen. Mit Fanatikern und Ideologen kann man nicht verhandeln - mit Egoisten aber schon.

Erdogans Schwenk Richtung Moskau ist demnach zu allererst ein Signal an den Westen. Man will ihn weiterhin als Partner und Verbündeten? Dann muss man mehr bieten als Putin. Die Freundschaft der Erdogan-Türkei ist für den Meistbietenden zu haben.

Das ist nicht schön, aber mit dieser Klarheit kann man arbeiten. Kann die Türkei unter diesen Umständen EU-Mitglied werden? Selbstverständlich nicht. Kann man sie als strategischen Nato-Partner halten? Selbstverständlich ja. Es ist nur eine Frage des Preises.

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Foto: AP/ RIA-Novosti/ Presidential Press Service
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