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Kampffreie Zone in Syrien Atempause für die Menschen in Idlib

Russlands Präsident Putin gibt nach: Er einigt sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan auf eine Pufferzone in der nordsyrischen Provinz Idlib. Die letzte Schlacht von Syriens Machthaber Assad ist abgewendet - vorerst.

"Meinen lieben Freund" nennt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin, als er schließlich mit diesem vor der Presse steht. Vier Stunden haben die beiden Staatschefs zuvor geredet.

Es ist bereits das dritte Treffen der beiden innerhalb von drei Wochen. Das letzte Mal haben sie sich erst vor zehn Tagen in Teheran gesehen. Doch man ging in Iran auseinander, ohne eine Lösung für die syrische Provinz Idlib und die knapp drei Millionen Menschen dort gefunden zu haben.

Idlib ist die letzte Hochburg der Rebellen, die Provinz liegt im Norden an der Grenze zur Türkei. Der syrische Diktator Baschar al-Assad, der unter dem Schutz Russlands steht, drängt schon lange auf die Schlacht um Idlib. Es wäre sein letzter großer Feldzug: Würde Assad die Provinz zurückerobern, hätte er fast alle dicht besiedelten Gebiete Syriens wieder unter seiner Kontrolle.

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Doch Assads Offensive ist nun vertagt. Das ist die gute Nachricht, die Putin und Erdogan am Montag überraschend beim Treffen in Sotschi verkündeten.

Russland und die Türkei wollen bis zum 15. Oktober eine 15 bis 20 Kilometer breite demilitarisierte Zone um den Kern des Rebellengebiets in Idlib einrichten. Schwere Waffen wie Panzer und Raketen sollen bis zum 10. Oktober aus dem Gebiet abgezogen sein, auch alle Rebellengruppen müssten die Zone verlassen, sagt Putin. Kontrolliert werde das Areal dann gemeinsam von der türkischen Armee und der russischen Militärpolizei.

Die Plan von Sotschi verschafft der Zivilbevölkerung im Norden Syriens eine Atempause. Es werde keine Militäroperation in Idlib geben, bestätigt der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu auf Nachfrage von Journalisten später.

Putin (l.) empfängt Erdogan (r.)

Putin (l.) empfängt Erdogan (r.)

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Für Erdogan ist der Deal mit Putin ein Erfolg: Seit Wochen hat er die Regierung in Moskau gedrängt, Idlib zu verschonen.

Die Türkei wäre wie kein anderer Nachbarstaat von einer Militäroperation in Idlib betroffen. Das Land hat bereits 3,5 Millionen Syrer aufgenommen. Sollte Idlib fallen, rechnet der türkische Geheimdienst MIT mit mindestens 250.000 weiteren Flüchtlingen, was Erdogan in der Wirtschaftskrise innenpolitisch weiter in Bedrängnis bringen würde.

Die Regierung in Ankara hat in den vergangenen Tagen den Druck auf Moskau erhöht, indem sie Waffen an syrische Rebellen geliefert hat. Trotzdem glaubten selbst türkische Diplomaten noch am Montagvormittag nicht an eine Einigung. Auch in Russland äußerten sich Kommentatoren skeptisch. Einzig Putins Worte bei Erdogans Ankunft, man werde dort "Lösungen suchen, wo es sie bisher nicht gebe", ließ aufhorchen.

Moskau braucht Verbündete

Moskau hatte ebenfalls nach dem gescheiterten Teheran-Gipfel weiter Druck gemacht. Die russische Luftwaffe hatte mit Assads Armee Ziele in Idlib bombardiert. Für Putin ist die Einigung mit Erdogan ein wichtiger Schritt, er braucht in der Flüchtlingsfrage den Schulterschluss mit seinem türkischen Kollegen.

Glaubt man dem Kreml und den staatlichen Medien, könnten syrische Flüchtlinge schon bald in ihre Heimat zurückkehren. Bilder von weiteren fliehenden Menschen würden dieser Erzählung widersprechen - und damit die russiche diplomatische Mission erschweren.

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Kampf um Idlib: Das letzte Aufbäumen

Foto: Anas ALkharboutli/ dpa

Seit Monaten versuchen Putin und seine Diplomaten den Westen in zahlreichen Gesprächen davon zu überzeugen, den Wiederaufbau in Syrien zu finanzieren. Eine Frage, die Moskau ohne den Westen nicht lösen kann. Die Uno spricht von etwa 250 Milliarden Dollar, die notwendig seien, andere Schätzungen sprechen von weit höheren Beträgen - Geld, das Russland nicht hat. Nun kann Moskau zeigen, dass es sich für die Zivilbevölkerung in Idlib einsetzt und bereit ist, Kompromisse auch gegen seinen Schützling Assad zu schließen.

Viele offene Fragen zur Pufferzone

Erdogan hat durch Russlands Einlenken wertvolle Zeit mit der Einigung gewonnen. Die Offensive ist nicht endgültig abgeblasen, aber zumindest vertagt.

Bei der Einrichtung der Pufferzone bleiben jedoch eine Menge Fragen offen. So hat Erdogan der russischen Seite versprochen, moderate Rebellen von den Dschihadisten um den Al-Qaida-Ableger Hayat Tahrir al-Sham (HTS) zu trennen, was ihm bislang jedoch noch nicht gelungen ist. Es ist durchaus möglich, dass die Türkei nun ihre Militärpräsenz in Syrien weiter erhöht. Ob das reicht, die Dschihadisten endgültig zu schlagen, ist fraglich. Eine Intervention der Türkei gegen HTS könnte zudem Racheakte von Islamisten in türkischen Städten provozieren.

Fliehende Familien in der Provinz Idlib (Foto vom 11. September 2018)

Fliehende Familien in der Provinz Idlib (Foto vom 11. September 2018)

Foto: MUHAMMAD HAJ KADOUR/ AFP

Weder Putin noch Erdogan haben bisher erklärt, wie genau ihre Armeen in Idlib zusammenarbeiten werden - ob wirklich gleichberechtigt oder letztendlich unter russischer Führung - wie und von wem die Pufferzone dauerhaft verwaltet werden soll. Die Türkei hat bereits weiter im Norden, in Afrin und Dschrabulus, Protektorate errichtet und würde dieses Modell gerne auch auf Idlib übertragen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass das syrische Regime dauerhaft bereit ist, Gebiete abzugeben.

Überhaupt ist unklar, wie Syriens Diktator Assad mit dem Deal von Sotschi umgeht. Er unterscheidet nicht zwischen moderaten und radikalen Rebellen, für ihn sind sämtliche Kämpfer Terroristen. Es könnte deshalb gut sein, dass die Einigung zwischen Erdogan und Putin den Menschen in Idlib nur eine kurze Atempause verschafft, bevor die Kämpfe mit umso größerer Härte fortgesetzt werden.