Rechte US-Polemiker "Die Revolution wird kommen!"

Von , New York

2. Teil: Heimatschutzministerium warnt vor wachsender Gefahr


Die von den rechten Talk-Rhetorikern beklagten Zustände könnten dem Ministerium zufolge solche Gewalt nun wieder anfachen: "Die Bedrohung durch Eigenbrötler und kleine Terrorzellen ist ausgeprägter als in vergangenen Jahren." Als Beispiel nannte es den Amoklauf von Pittsburgh, bei dem ein Mann Anfang April drei Cops erschoss.

Obamas Person und die Rezession seien "einzigartige Triebfedern" zur "Radikalisierung und Rekrutierung", so der DHS-Bericht. "Rechtsextremisten schlagen daraus Kapital", um "ihre Attraktivität zu verbreitern". Hinweise auf konkrete Aktionen gebe es allerdings nicht.

Auch die Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center (SPLC) beobachtet eine stille Renaissance der Militias. Ihrer jüngsten Jahresbilanz zufolge ist die Zahl der rechtsradikalen Gruppen im Wahljahr 2008 um mehr als vier Prozent auf 926 angestiegen. Ihre heutigen Motive: "Eine kaputte Wirtschaft und der erfolgreiche Wahlkampf Obamas."

Beck und seine TV-Populisten distanzieren sich natürlich energisch von solchen Rechtsaußen-Elementen. Doch ihre Argumente sind die gleichen: Kampf dem Staat, keine Steuern - und unbeschränkter Schusswaffenbesitz.

Letzteres ist ein besonders sensibler Punkt, an dem sich die Propaganda der Rechtsextremen und die Talking Points der friedlichen Polemiker überschneiden. Beide warnen laut davor, dass Obama und die Demokraten den Waffenbesitz demnächst einschränken würden - obwohl weder die Partei noch der Präsident bisher spürbare Anzeichen dazu geben, im Gegenteil.

Boom bei Waffenverkäufen

Hobbyschütze Beck veranstaltete schon vergangenes Jahr in seinem Radioprogramm eine "Gun Week" gegen jede staatliche Waffenkontrolle. Ein gefährliches Pflaster: Allein die Vorstellung eines Schusswaffenverbots, schreibt das DHS besorgt, "dürfte neue Mitglieder in die Reihen der rechtsextremen Gruppen ziehen".

Bis dahin erhöht diese Verbotsfurcht die Waffenverkäufe. Seit November sind beim FBI 5,5 Millionen Anträge auf Background-Check zum Kauf einer Schusswaffe gestellt worden - 1,2 Millionen mehr als im Vorjahreszeitraum. Das freut vor allem Smith & Wesson, den größten US-Waffenhersteller: Im November, Dezember und Januar stieg dessen Absatz an Feuerwaffen um 28 Prozent zum Vorjahr, der von Pistolen sogar um 46 Prozent. Top-Hit: die semiautomatische M&P-Pistole (77 Prozent).

"Sie kaufen Waffen, weil sie fürchten, dass Obama sie ihnen wegnimmt", weiß Beck. Diese Panikkäufe begrüßt auch die republikanische Kongressabgeordnete Michele Bachmann, die ihren Heimatstaat martialisch zur "Revolution" aufruft: "Ich will, dass die Leute in Minnesota bewaffnet und gefährlich sind."

Andere sehen das nicht so nonchalant. "Ich weiß nicht, ob diese Rechten gefährlicher sind, wenn sie an der Macht sind oder wenn sie nicht an der Macht sind", sagt der linke TV-Satiriker Bill Maher und verweist auf Timothy McVeigh: Den habe "das gleiche Gerede" umgetrieben. Und Keith Olberman, der Vorzeige-Linke des TV-Senders MSNBC, nennt seinen Fox-Feind Beck "Father Coughlin mit Bürstenhaarschnitt".

Father Charles Coughlin war ein katholischer Priester, der während der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre mit seinen feurigen Radio-Predigten ein breites Publikum fand - dank der gleichen Feindbilder wie heute: Regierung, Wall Street, Zentralbank. Seine Sendung wurde 1942 abgesetzt, nachdem sie in unverhohlenen Antisemitismus abgedriftet war.



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