Rechte US-Polemiker "Die Revolution wird kommen!"

Die radikalen Konservativen der USA rüsten auf: Mit immer schärferer Rhetorik hetzen sie gegen die Regierung - und gewinnen in der Wirtschaftskrise Zulauf. Schon warnt das Heimatschutzministerium vor der Gefahr rechten Terrors.

Von , New York


New York - Glenn Beck ist das neueste Phänomen im schrillen US-Kabelfernsehen. Der 45-jährige Ex-Discjockey wechselte im Januar von CNN zu den konservativen Fox News. Seine Sendung, eine Mischung aus Polit-Talkshow, Comedy und Erweckungsmesse, hat inzwischen mehr als zwei Millionen Zuschauer - eine Quoten-Sensation und auf Anhieb das drittbeliebteste TV-Kabelprogramm überhaupt in den USA.

Glenn Beck: Populistischer Prediger auf der TV-Kanzel
AP

Glenn Beck: Populistischer Prediger auf der TV-Kanzel

Becks Rezept: "Ich sage, was die Leute denken." Will heißen: Er sagt, was der rechte Flügel der Nation denkt. Als Prediger der neuen (republikanischen) Minderheit leiht er diesen plötzlich Machtlosen seine bebende Stimme - und seine TV-Kanzel, von der herab er gegen Washington wettert.

"Wir steuern auf einen Allmachtsstaat zu!", ruft er zum Beispiel. Oder: "Der Faschismus naht!" Oder: "Sieh dich vor, Amerika, die Revolution wird kommen!" Und wenn es hilft, dann bricht er auch schon mal live in Tränen aus.

Solche Populismus-Parolen wären normalerweise kaum bemerkenswert. Sie waren einst auch Leitmotiv der Kolonialisten, die gegen die Allmacht des Staates stritten, und bis heute wimmelt Amerikas Äther davon.

Doch Beck trifft einen aktuellen Nerv: Seit Wochen köchelt der Volkszorn über Wirtschaftskrise, über Arbeitslosigkeit, Bonusskandale, den Kollaps der Autobranche, die Milliardenspritzen des Staates an die Banken. Diese bisher eigentlich ideologiefreie Wut will das rechte Lager nun für seinen erbitterten Kampf gegen US-Präsident Barack Obama politisch instrumentalisieren.

Gerüchte über Konzentrationslager

Dazu propagiert Marktschreier Beck sogar das Gerücht, die US-Katastrophenschutzbehörde Fema baue "Konzentrationslager". Oder warnt, vor einem überlebensgroßen Porträt des Notenbankchefs Ben Bernanke: "Sie kontrollieren euer Leben!"

Andere stoßen ins gleiche Horn. Amerika sei auf dem "Weg zur Tyrannei", postuliert der Radio-Talker Mark Levin, dessen Buch "Liberty and Tyranny - A Conservative Manifesto" seit zwei Wochen auf Platz eins der Sachbuch-Bestsellerliste der "New York Times" steht.

Beck und Co. personifizieren, wie ihr Vorbild Rush Limbaugh, einen immer militanteren Missmut der Konservativen - eine neue Generation der lauten Opposition, wie sie Limbaugh in den neunziger Jahren erfolgreich gegen Bill Clinton anzettelte. Und in Talkshows und Blogs machen sich viele andere Luft, die sich verfolgt und verraten fühlen von der jetzigen ("sozialistischen") Regierung - und schwelgen in pseudopatriotischen Widerstands-Szenarios.

"Es wird Ecken des Landes geben, die werden sich wehren!", orakelt Beck ominös. "Wie viel mehr wollen sich die Amerikaner zumuten lassen?", schreibt auch Chuck Norris, der zum Republikaner-Maskottchen mutierte Actionheld, im rechten Kampfblog "WorldNetDaily". "Wann ist es genug? Wird die Geschichte eine zweite amerikanische Revolution schreiben müssen?"

Teepartys für die Revolution

Das Gepolter kulminierte in öffentlichkeitswirksamen Aktionen am Mittwoch, dem Stichtag, an dem hier die Steuern fällig sind - für die Rechten ein Symbol staatlicher Unterdrückung. Landesweit fanden da konservativ gesponserte "Teepartys" statt: Demonstrationen in Anlehnung an die "Boston Tea Party" von 1773, bei der wütende Bürger gegen die britische Kolonialmacht protestierten, indem sie Teeladungen in den Hafen kippten.

Jetzt heißt die Kolonialmacht Washington. Tausende schimpften gegen Staatsausgaben, Steuererhöhungen und Stimuluspakete. Sie nannten Obama wahlweise "Faschist" und "Kommunist", warfen Teebeutel vors Weiße Haus und verlangten, in Texas jedenfalls, die Sezession aus der Republik - angedroht vom republikanischen Gouverneur Rick Perry. (Als "Präsident" eines solchen unabhängigen Texas hat sich Chuck Norris angedient.)

Kein Wunder, dass auch Glenn Beck in Texas war, bei einer "Teeparty" in San Antonio, vor dem historischen, mit Widerstands-Symbolik befrachteten Alamo-Fort. Da stellte er sich vor die Kameras und beschimpfte das US-Heimatschutzministerium: Es verunglimpfe die Demonstranten als "Extremisten", rief er unter lauten Buhrufen. Im Hintergrund schwenkten einige ein Transparent: "We The People" - die ersten Worte der Präambel zur US-Verfassung.

Der Ärger auf das - von den Republikanern erfundene - Heimatschutzministerium (DHS) hat einen aktuellen Grund. Die Behörde warnte jetzt in einem Bericht vor einer Ausuferung der rechten Rhetorik: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Unmut über Obama könnten nicht unbedingt nur friedliche Proteste zur Folge haben - sondern womöglich auch rechtsextremen Gruppen neuen Zulauf bieten, namentlich der berüchtigten Militia-Bewegung.

Die Militias - ebenfalls Steuerverweigerer und Feinde des Zentralstaats - spukten nach der Wahl Bill Clintons lange durch die Schlagzeilen. Timothy McVeigh, der Bombenleger von Oklahoma City 1995, berief sich auf sie. Dann verschwanden sie aber aus dem Rampenlicht.



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