Rechtsextreme in den USA Achse der Besessenen

Sie bedrohen Politiker, planen Anschläge auf Polizisten: Rechte "Milizen" sind ein wachsendes, latentes Risiko für die innere Sicherheit der USA. Inspiration finden sie bei Verschwörungstheoretikern - aber inzwischen auch bei radikalen Anhängern der Tea-Party-Bewegung und dem TV-Sender Fox News.
US-Militia-Mitglieder in Brighton, Michigan: "Wütend, gekränkt und voller Angst"

US-Militia-Mitglieder in Brighton, Michigan: "Wütend, gekränkt und voller Angst"

Foto: REBECCA COOK/ Reuters

Jerry Kane verstand sich als Einzelkämpfer gegen den Staat. Er weigerte sich, Steuern zu zahlen, setzte sich ohne Führerschein ins Auto und hielt "Seminare" darüber ab, wie sich "souveräne" Bürger dem Einfluss von Politik und Wirtschaft entziehen könnten. Nach einer Verkehrskontrolle beklagte er sich in einem Radio-Interview über den "Nazi-Checkpoint". Er drohte, er werde "das Monster umbringen".

In der vergangenen Woche machte der 45-Jährige seine Drohung wahr. Er war mit seinem Sohn Joe, 16, im US-Bundesstaat Arkansas unterwegs, als ihn erneut zwei Polizisten anhielten. Diesmal griff Kane zu seinem AK-47-Sturmgewehr und erschoss beide. Bei einem anschließenden Feuergefecht auf dem Parkplatz eines Wal-Mart-Supermarkts kamen Vater und Sohn ums Leben, zwei weitere Cops wurden verletzt. Schon erhebt die rechte Szene Kane zum Märtyrer. "Jerry und Joe wurden von den Strafvollzugsbehörden massakriert", heißt es auf einer privaten Gedenk-Website für Kane und seinen Sohn im Internet.

War Jerry Kane nur ein Sonderling - oder steht er für eine neue Welle regierungsfeindlicher Gewalt in den USA?

Jedenfalls war er nicht der Erste, für den seine Parolen in Gewalt endeten.

In den vergangenen Wochen mehrten sich die Fälle. Im März verhaftete das FBI neun Mitglieder einer Militia in Michigan, die Mordanschläge auf Polizisten, Sheriffs und andere Rechtshüter geplant haben sollen. Kurz zuvor wurde John Bedell, ein weiterer Fan regierungsfeindlicher Ideologien, bei einer Schießerei am Pentagon getötet. Im Februar jagte der Texaner Andrew Stack mit einem Sportflugzeug ins Gebäude der Steuerbehörde IRS in Austin; ein Beamter und er selbst kamen um. Auch Stack hinterließ eine Litanei an Beschwerden gegen den Staat.

"Eine der bedeutsamsten Rechtspopulisten-Rebellionen"

Experten sehen darin einen Besorgnis erregenden Trend. Die Watchdog-Gruppe SPLC berichtet, dass regierungsfeindliche Militias und andere Organisationen "nach Jahren außerhalb des Rampenlichts wieder voll zurückgekehrt sind".

Die Zahl der "hate groups" ist demnach mit der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten und während der parallelen Rezession stark angestiegen. Allein im vorigen Jahr seien 363 neue Gruppen hinzugekommen - ein Plus von 244 Prozent. "Wir befinden uns mitten in einer der bedeutsamsten Rechtspopulisten-Rebellionen in der Geschichte der USA", schreibt der Extremisten-Analyst Chip Berlet. "Ringsum sehen wir sich überschneidende soziale und politische Bewegungen von Leuten, die wütend, gekränkt und voller Angst sind."

Einer dieser "Extremisten von nebenan", wie Militia-Expertin Eileen Pollack von der University of Michigan sie nennt, war eben auch Jerry Kane. SPLC-Experte Mark Potok sieht klare Parallelen zwischen Kanes Motiven und der berüchtigten "Patriot"-Bewegung. "Sie sehen die Regierung generell als das Böse an", schreibt Potok auf seinem "Extremisten-Blog".

Tea-Party-Bewegung

Solche Anti-Washington-Polemik schwappt neuerdings überall durch die USA - aus ganz legitimen Quellen. Das begann im Talkradio, erreichte dank TV-Sendern wie Fox News die Massen und wurde mittlerweile von Polit-Populisten und der hoffähig gemacht, die neulich bei mehreren Kongress-Vorwahlen Siege verbuchen konnten.

"Achse der Besessenen und Gestörten"

Die politischen Weltuntergangsszenarien der Militias sind wieder en vogue. John Boehner, der Republikaner-Chef im Repräsentantenhaus, nannte die Gesundheitsreform "Armageddon". Fox-News-Chefprediger Glenn Beck und Radio-Polemiker Rush Limbaugh beschwören die rechte Paranoia täglich.

Ihr Mantra: Die Regierung wolle den Bürgern die Freiheit rauben. Das sind die gleichen Verschwörungstheorien, die auch wirre Killer wie Kane, Bedell und Stack motivierten. Die Linie zwischen Polemikern, Sympathisanten und Tätern verwischt schnell. Frank Rich, Kolumnist der "New York Times", nennt das "die Achse der Besessenen und Gestörten".

So fand der republikanische Abgeordnete Steve King durchaus Verständnis für Stacks Anschlag aufs Steueramt IRS: "Es ist traurig, dass das in Texas passiert ist, aber andererseits ist das eine Behörde, die unnötig ist. Und wenn wir das IRS eines Tages abgeschafft haben, dann wird es ein glücklicher Tag für Amerika sein."

Einer der Tea-Party-Kandidaten, die gerade für Furore sorgen, ist Rand Paul, der die republikanischen Senatsvorwahlen in Kentucky gewonnen hat. Dessen Website strotzt vor Anti-Washington-Propaganda. Paul ist der Sohn des Republikaners Ron Paul, der sich wiederum gerne, wie das "Wall Street Journal" schreibt, mit "Verschwörungstheoretikern, regierungsfeindlichen Eiferern und allerlei anderen Kadern Geistesgestörter" umgibt. Bis vor kurzem verlinkte Ron Pauls Website auch zur Website des Cop-Killers Kane. Der Link verschwand nach der Schießerei aber schnell.

Verschwörungstheorien auf dem Tea-Party-Parteitag

Militias, erklärte der Republikaner Randy Brogdon, der sich ums Gouverneursamt von Oklahoma bewirbt, seien eine ganz legale "Form der Selbstverwirklichung". Auch er relativierte das erst, als Kritik aufkam: Das bedeute natürlich "kein Recht auf Aufstand". Washington-Verschwörungstheorien zogen sich im Februar auch durch den ersten Tea-Party-Parteitag. Da erörterte eine Diskussionsrunde, wie Obama für marxistische Regime in Lateinamerika verantwortlich sei. Auch habe er die Konjunkturspritze Freunden zugeschustert und die maroden Autofirmen nur verstaatlicht, weil viele Autohändler Republikaner wählten.

Die Rentnerin Suzanne Curren erläuterte ihre Haltung am Rande des Parteitags so: Sie sei seit langem konservativ, aber erst mit Obamas Wahl habe sie wirklich Angst um ihr Land bekommen. T-Shirt-Händler Tommy Jensen brachte es auf den Punkt: "Wir bräuchten einen Typen wie John Wayne."

Sowas hören die Militias gerne: Erst schießen, dann fragen.

Das findet auch Tea-Party-Liebling Sarah Palin, die sich den Staatshass zum Motto gemacht hat: Sie forderte ihre Anhänger via Twitter auf, "nachzuladen". Minnesotas Gouverneur Tim Pawlenty ermutigte ergrimmte Bürger, es Tiger Woods' Gattin Elin Nordegren nachzutun: "Nehmt einen Golfschläger und schlagt dem 'big government' die Scheiben ein."

Zwischen Worten und Taten liegt da oft nicht mehr viel. Das Gerede sei ein "Code", der "den schießfreudigen rechten Flügel anspricht", schreibt der linke Blogger Bob Cesca. "Diese Sprache ist eine direkte und präzise Ermutigung für rechtgerichteten Extremismus."

"Zielscheibe auf dem Rücken"

Nancy Pelosi, die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, klagte bereits über Morddrohungen. Die Senatorin Patty Murray fand Ähnliches auf ihrem Anrufbeantworter: "Du wirst für den Rest deines Lebens eine Zielscheibe auf dem Rücken haben."

Nach Angaben der Kapitolspolizei hat sich die Zahl der "ernsthaften Drohungen" gegen US-Abgeordnete dramatisch erhöht. Im letzten Quartal 2009 waren es demnach 15, im ersten Quartal 2010 schon 42 - fast dreimal so viele.

Und so findet die Lunte der rechten Gewalt, die seit dem Bombenanschlag von Oklahoma City 1995 verloschen schien, neuen Zündstoff. Die Geschichte wiederholt sich. Kein Geringerer als Bill Clinton, US-Präsident während der Oklahoma-Tragödie, fürchtet eine abermalige Verschmelzung von missverstanden-staatsfeindlichen Ideologien und Killer-Instinkt.

"Wir sollten nie vergessen, was die Bombenleger antrieb und wie sie ihre Aktionen rechtfertigten", schrieb Clinton in einem Essay zum 15. Jahrestag des Oklahoma-Anschlags im April: "Sie nahmen eine Idee, die in den Monaten und Jahren zuvor von einer zunehmend lauten Minderheit propagiert wurde, und trieben sie zum äußersten Extrem - die Überzeugung, dass die größte Bedrohung für Amerikas Freiheit unsere Regierung sei."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.