Rechtsextremer in BBC-Talkshow Bühne frei für den bösen Briten

Die BBC hat Nick Griffin in eine Talkshow eingeladen: den Chef der extremen British National Party, die nur weiße Mitglieder hat. Kritiker schlagen Alarm, warnen vor Gratis-PR für die Rassisten - und der zum Abendgast Geadelte hetzt schon vor der Sendung los.

BNP-Chef Nick Griffin: "Je mehr Eier auf ihn fliegen, desto glücklicher wird er"
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BNP-Chef Nick Griffin: "Je mehr Eier auf ihn fliegen, desto glücklicher wird er"


London - So hätten es die Fernsehmacher gerne öfter. Das politische Ereignis der Woche in Großbritannien ist eine Talkshow - obendrein eine, die noch gar nicht stattgefunden hat.

An diesem Donnerstagabend empfängt der silberhaarige BBC-Moderator David Dimbleby Politiker verschiedener Parteien zur neuesten Ausgabe von "Question Time". Doch schon Tage vorher dominiert die Sendung die öffentliche Debatte auf der Insel. Denn Nick Griffin wird kommen, der Vorsitzende der rechtsextremen British National Party, die bislang nur Weiße als Mitglieder aufnimmt.

Griffin ist seit den Europawahlen im Juni einer von zwei BNP-Europaabgeordneten in Straßburg und hat damit aus Sicht der BBC das Recht erworben, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufzutreten. Die rund eine Million Briten, die die BNP gewählt haben, sollen ihren Volksvertreter auch in "Question Time" sehen dürfen.

Die Premiere ist umstritten, denn die Talkshow ist eine der wichtigsten Politsendungen des Landes. Vielen Politikern und Kommentatoren graust es bei dem Gedanken, einen Mann vor Millionenpublikum reden zu lassen, der die Existenz von Hitlers Gaskammern leugnet und von einem "genetisch weißen" Großbritannien träumt. Besonders im politisch linken Spektrum wird geschimpft, die BBC adle den rechtsextremen Paria zum Mainstream-Politiker. Für die Splitterpartei sei es die "prominenteste Plattform in ihrer Geschichte", schrieb der "Guardian".

Auch die konservative "Daily Mail" warnte ihre Leser vor dem Hassprediger. Kein Zuschauer am Donnerstag solle vergessen, dass Griffin "ein bekennender Rassist, Schwulenfeind und Antisemit ist, der für rassistische Hetze verurteilt worden ist", schrieb die Zeitung und listete die krassesten Zitate des BNP-Manns auf.

"Schlimmer wäre nur Hitler im Radio"

Die regierende Labour-Partei haderte lange, ob sie überhaupt jemanden in die Debatte mit Griffin schicken oder die Sendung lieber boykottieren sollte. Schließlich erklärte sich Justizminister Jack Straw bereit, doch das Grummeln geht weiter: Der für Wales zuständige Staatssekretär Peter Hain kündigte eine Klage gegen Griffins Auftritt an, weil die BNP mit ihrer Satzung gegen demokratische Grundrechte verstoße. Erst in der vergangenen Woche war die BNP von einem britischen Gericht dazu angehalten worden, ihre "Whites Only"-Regel abzuschaffen, die nur Weiße in der Partei zulässt.

Staatssekretär Hain machte seinen Vorstoß am Montag in einer anderen BBC-Talkshow namens "Newsnight", in der allein die Frage debattiert wurde, ob es legitim sei, drei Tage später mit dem BNP-Mann Griffin zu reden. Es war gewissermaßen die Meta-Talkshow zur Talkshow - und weitere Werbung für das Fernsehereignis der Woche.

Der Zirkus um Griffins Fernsehauftritt bestärkt jene, die den politischen Eliten Paranoia im Umgang mit der BNP vorwerfen. Schlimmer als Griffins Premiere bei "Question Time" wäre wohl nur noch, wenn Hitler an "Desert Island Discs" teilnähme, lästerte die "Telegraph"-Kolumnistin Mary Riddell. Die BBC-Radiosendung wird seit 1942 ausgestrahlt.

Die ganze Aufregung sei ein PR-Coup für Griffin, schrieb Riddell. Auch die angekündigten Demonstrationen vor der Londoner BBC-Zentrale am Donnerstag würden vor allem einem nützen: "Je mehr Beschimpfungen und Eier auf ihn fliegen, desto glücklicher wird der Vorsitzende der Britischen Nationalpartei sein."

Gesinnungstest für Zuschauer

"Times"-Kolumnist David Aaronovitch gab Griffins Mitdiskutanten zehn Tipps, wie sie die Diskussion gewinnen könnten. Erste Regel: "Lassen Sie sich nicht von der Frage ablenken, ob der BNP-Führer überhaupt da sitzen sollte." Außerdem warnte er vor überzogenen Erwartungen: Griffin werde keine "Hitlerschen Handbewegungen" machen, sondern erklären, wie sehr er den Faschismus hasst, und sich als Opfer des liberalen Establishments inszenieren.

Die BBC will um jeden Preis einen Eklat vermeiden. Darum wurden zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Bei "Question Time" stellen Zuschauer Fragen an Politiker auf der Bühne. Das Publikum sei diesmal besonders sorgfältig auf seine politischen Ansichten abgeklopft worden, berichtete der "Guardian". Außerdem soll die Show diesmal etwas früher aufgezeichnet werden, damit notfalls noch Passagen herausgeschnitten werden können. Normalerweise wird sie um 20.30 Uhr aufgezeichnet und gleich im Anschluss um 22.35 Uhr gesendet.

Was auch immer in der Sendung passiert - die BNP hat ihr Hauptziel schon jetzt erreicht, nationale Aufmerksamkeit zu erregen. Unter anderem lieferte sich Griffin an diesem Dienstag ein wütendes Fernduell mit vier britischen Ex-Generälen, die in einem offenen Brief ungenannten "Extremisten" vorwarfen, "den guten Namen der Armee" für ihren eigenen Nutzen zu missbrauchen. Es war klar, wer gemeint war. Die BNP solle aufhören, sich als Partei der Soldaten darzustellen, forderte einer der Unterzeichner, der frühere Armeechef Michael Jackson.

Griffin vergleicht britische Generäle mit Nazis

Im Europawahlkampf hatte die BNP mit Bildern des früheren Premierministers Winston Churchill und des legendären Kampfflugzeuges Spitfire geworben. Sich selbst stellte sie in die Tradition der "Battle for Britain" im Zweiten Weltkrieg.

Die Generäle stellten nun klar, dass die rassistischen Überzeugungen der BNP den Grundwerten des modernen britischen Militärs fundamental entgegenstehen - worauf Griffin umgehend konterte. Einfache Soldaten würden alle BNP wählen, behauptete er im Fernsehen. Und Churchill wäre heute in der BNP, nicht bei den Tories. Auf der Partei-Website wurde er noch schärfer. Die britischen Generäle sollten sich daran erinnern, dass bei den Nürnberger Prozessen gegen Nazi-Kriegsverbrecher die Befehlshaber "illegaler Kriege" gehängt worden seien. Eine Anspielung auf die britischen Einsätze in Irak und Afghanistan.

Auf solche irrationalen Ausbrüche hoffen Griffins Mitdiskutanten am Donnerstag - doch glauben die wenigsten Beobachter, dass er sich in der Talkshow eine Blöße geben wird. Griffin gilt unter Journalisten, die ihn interviewt haben, als harter Brocken, der in keine Falle tappt und dennoch seine fremdenfeindlichen Botschaften rüberbringt.

Rechtspopulist führt Labour-Regierung vor

Von Justizminister Straw wird erwartet, dass er Ruhe bewahrt und sich nicht provozieren lässt. In der Vergangenheit hat die Labour-Regierung nicht immer ein glückliches Händchen im Umgang mit Politikern vom rechten Rand gezeigt.

Erst in der vergangenen Woche war sie von dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders vorgeführt worden. Der Islamkritiker war nach London gekommen, um eine Pressekonferenz abzuhalten. Es war Wilders' zweiter Versuch, nachdem die britische Regierung ihn im Februar mit einem Einreiseverbot belegt hatte. Begründet wurde der Schritt damit, dass Wilders, der schon mal den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" vergleicht, Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufwiegele.

Schon damals warnten viele Beobachter, dass dem Provokateur nichts Besseres passieren könne als ein Einreiseverbot. Nun konnte Wilders in London auf der überfüllten Pressekonferenz triumphierend den "Sieg für die Meinungsfreiheit" verkünden.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Piri 21.10.2009
1. Ablenkungsmanöver?
Zitat von sysopDie BBC hat Nick Griffin in eine Talkshow eingeladen: den Chef der extremen British National Party, die nur weiße Mitglieder hat. Kritiker schlagen Alarm, warnen vor Gratis-PR für die Rassisten - und der zum Abendgast Geadelte hetzt schon vor der Sendung los. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,656380,00.html
Och, wie wäre es, wenn man erst einmal in Deutschland bliebe? Der "Sarrazin-Thread" ist geschlossen worden, einen anderen Strang zum Thema "Meinungsfreiheit" gibt es nicht - warum sollen wir uns jetzt fremdaufregen?
RF-RH-DE 21.10.2009
2. Auch das noch.....
Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass die Briten uns Deutschen etwas voraus haben, nämlich mehr Gelassenheit im Umgang mit politsich anders Denkenden. Oder sollte der ganze Lärm, wie das auch hier in Deutschland bei der Affäre Sarrazin der Fall ist, das Werk von "Berufsempörern" sein, die sich reflexartig immer dann zu Wort melden (müssen) wenn es angeblich um den K(r)ampf gegen rechts geht...
Hovac 21.10.2009
3. Tja
Auch da ist niemand gezungen zuzusehen.
genesys, 21.10.2009
4. Meinungsfreiheit
Die Meinungsfreiheit hört NICHT da auf, wo mir die Argumente des anderen nicht passen.
thedailystar 21.10.2009
5. Qualität
Wie kann man denn die Daily Mail zitieren? Sie würden ja in Deutschland auch nicht eine Tabloid-Zeitung zitieren (z.B. Bild). Sie würden sicher bei anderen Konservativen Zeitungen ähliche Zitate finden, welche dann auch einem gewissen journalistischen Standard entspreche würden (z.B. Telegraph).
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