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27. September 2019, 09:50 Uhr

Müllsammler in Indien

Auf einem Berg aus Abfall

Von und (Fotos), Delhi

Delhis Abfalldeponien wachsen stetig, bald könnten sie den Taj Mahal überragen. Wer hier arbeitet, findet an guten Tagen Gold und Haare, an schlechten Kadaver oder Leichen. Ein Besuch auf einem Müllberg.

Jeden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, schreitet Jasmudin Khan* durch die Hölle. Er watet durch Plastik; er springt über einen Bach mit schwarzem dreckigen Wasser. Er geht an Bäumen vorbei, in deren kahlen Ästen Plastikfetzen hängen wie Lametta.

Schweine suhlen sich im Dreck. Es ist ein steiler und mühsamer Aufstieg. Khan schwitzt, mit der Hand verjagt er die Fliegen von seinem Arm. Der 37-Jährige will hinauf zum Gipfel, und je näher er ihm kommt, desto stärker wird der Geruch von Fäulnis.

Der Berg, den Khan besteigt, ist kein Berg aus Gestein, sondern ein 62 Meter hoher Haufen aus Abfall und Schutt. Er ist schon aus vielen Kilometern Ferne zu sehen. Tagsüber kreisen Krähen und Habichte über dem Gipfel. Nachts sieht man die Feuer - Müllbrände, die die Luft verpesten.

Oben angekommen, warten schon viele wie Khan, auch Kinder. Sie tragen Hacken über der Schulter wie Bergarbeiter.

Ihre Hosen sind staubig, ihre Gesichter auch. Die nackten Füße der meisten stecken in Flipflops, Handschuhe trägt fast niemand. Laster rumpeln heran, kippen ihre Ladung aus: Verpackungen, Bauschutt und Essensreste. Khan bindet sich ein Tuch um den Mund, dann beginnt er gemeinsam mit den anderen, durch den nassen Brei aus Müll zu wühlen.

Die Bhalswa-Mülldeponie in Delhi ist mit ihren 20 Hektar eine der größten Deponien Indiens - und Khans Arbeitsplatz. Als Müllsammler verdient er Geld mit Dingen, die anderen Menschen nichts mehr wert sind. Die Arbeit ist gefährlich. Aber das Müllsammeln verspricht Tausenden der Ärmsten ein Einkommen. Und irgendwer muss dafür sorgen, dass der Müll verarbeitet wird, dass Delhis Müllberge nicht noch höher werden.

Täglich produzieren die Bürger in der Hauptstadt Delhi geschätzte 10.500 Tonnen Abfälle. Das ist mehr, als die drei Mülldeponien der Stadt verkraften.

Ghazipur, die größte Halde, ist mittlerweile auf 65 Meter Höhe herangewachsen - bei der jetzigen Wachstumsrate könnte sie im nächsten Jahr den Taj Mahal mit seinen 73 Metern überragen, warnte vor Kurzem ein hochrangiger Inspektor. Die Bilder der Müllberge gingen daraufhin um die Welt. Sie wurden zum Symbol für Indiens Müllproblem. Dabei produziert das Land gar nicht so viel Müll:

Doch das ändert sich.

Indiens Wirtschaft wuchs zuletzt um etwa sieben Prozent pro Jahr. Millionen Menschen sind der Armut entkommen, viele weitere Millionen werden folgen. Es entstanden Supermärke und Shoppingcenter. Reklametafeln in Delhi werben für Smartphones aus China und Autos aus Deutschland.

Auf dem Müllberg finden sich Einwegrasierer, Spielzeugautos, Bodylotion und Alufolie. Dinge, die bis vor Kurzem niemand vermisste - und nun Millionen Menschen besitzen wollen. Im größten Zukunftsmarkt der Welt kann man die Folgen des Kapitalismus in Echtzeit miterleben - die guten und die schlechten. Khan reißt mit bloßen Händen eine Plastiktüte auf und schüttet den Inhalt aus. Er zieht einen besudelten Messbecher aus den Essensresten und eine Schuhsohle.

Die Lastwagenfahrer kommen nun alle paar Minuten, sie fahren schnell und rücksichtslos. Die Räder wirbeln Staub auf, der in den Augen brennt und zwischen den Zähnen knirscht. Ein Bulldozer planiert den Müll. Wenn er vorbeifährt, zittert der Boden. Dutzende Menschen - Säcke über der Schulter, Tücher um den Kopf gewickelt - laufen dazwischen umher. Eine ältere Frau hat einen Magnet an einen Besenstiel geklebt und sucht damit im Dreck nach Nägeln und Münzen. Ein Mädchen schneidet mit einem Messer das Rollgestell aus einem Koffer. Den Stoff lässt sie liegen.

Man lernt hier schnell, was sich aufzuheben lohnt und was nicht. Khan kann 70 Arten von Müll unterscheiden. Hartplastik (rund 30 Cent das Kilo) oder Kupfer (um die drei Euro). Was er findet, verkauft er an Zwischenhändler, die es wiederum Recyclingunternehmen verkaufen. Fast alles hier auf dem Berg hat noch einen Wert, selbst Haare.

Wie kleine Schätze hüten die Müllsammler die Büschel langer schwarzer Haare, die sie gefunden haben. Verkaufspreis: rund 25 bis 35 Euro das Kilo. Indien ist einer der größten Lieferanten für Echthaarperücken. Ein Großteil der Haare stammt aus hinduistischen Tempeln, wo Frauen sie opfern. Aber manche eben auch aus dem Müll.

Es gibt im weltweiten Vergleich größere Deponien als jene in Delhi. Sie liegen in den USA und Europa: Apex Regional in Nevada oder Malagrotta bei Rom. Die Deponie Fresh Kills bei New York maß am Ende 69 Meter, heute ist sie ein Park. Im Unterschied zu den Müllbergen in Indien sind diese Halden meist besser geführt und liegen weit außerhalb der Stadt. Die Behörden sorgen dafür, dass die Abwässer nicht das Grundwasser vergiften und das Methangas, das im Inneren entsteht, durch Rohre abgeleitet und aufgefangen wird - anstatt sich wie in Bhalswa zu entzünden. Wenn die Deponien voll sind, werden sie dichtgemacht und versiegelt.

Nicht in Delhi. Alle drei Deponien sollen schon seit rund zehn Jahren stillgelegt werden, weil sie die gesetzlich vorgeschriebene Höhe um mehr als das Doppelte überschritten haben. Trotzdem rollen weiter jeden Tag Hunderte Laster mit Müll heran. Die Behörden wissen nicht wohin damit. In Indien fehlt es, woran es zum Beispiel in den USA selten mangelt: Platz.

Als die Behörden die Müllhalde vor 35 Jahren anlegten, konnte sich keiner vorstellen, dass die Stadt einmal bis hierher reichen würde. Heute hat Delhi die Deponie umschlossen. Den Müllberg erreicht man komfortabel mit der Metro. Und so sind es Selfmade-Recycler wie Khan, die Delhis Deponien vor dem völligen Chaos bewahrt haben - bis jetzt. Weil sie die Müllberge abtragen.

"Wir befinden uns in der Patsche", sagt Swati Singh Sambyal vom Centre for Science and Environment in Delhi. "Die Art und Weise, wie wir leben und einkaufen, ändert sich. Aber wir wissen nicht, wie wir den neuen Konsum bewältigen sollen." Es fehle an freien Flächen für neue Deponien und den Müll aus der Stadt herauszubringen, koste Sprit und verschlimmere den sowieso schon stockenden Verkehr.

Ihn zu verbrennen und daraus Energie zu gewinnen, würde nicht funktionieren, sagt Sambyal. Indiens Müll besteht vor allem aus Biomüll und der ist feucht. Ihn zu verbrennen kostet mehr Strom, als sich daraus gewinnen lässt. Die Müllverbrennungsanlagen stehen deshalb häufig still.

Sambyal und andere Umweltschützer schlagen eine andere Lösung vor: Als Erstes müssten Delhis Bürger anfangen, zu Hause ihren Müll zu trennen. Das ist schon heute Pflicht, aber nur wenige halten sich daran. Der Biomüll könnte dann kompostiert werden, der Rest recycelt. Anstatt großer Deponien müsste es viele kleine geben - über die Stadt verteilt. In kleineren indischen Städten hat das funktioniert.

Und dann: weniger konsumieren, oder schlauer. Indien will Plastiktüten, -becher und Strohhalme verbieten - den sogenannten Einwegkunststoff. Premier Narendra Modi ermuntert die Bürger dazu, Müll zu vermeiden. Aber an guten Ideen und Gesetzen hat es in Indien nie gehapert; das Problem ist oft die Umsetzung.

So gibt es schon lange Pläne, Delhis Müllsammlern offiziell Arbeit zu geben. Ihre Arbeitskraft ist günstig und sie verfügen über ein Wissen, das nur wenige haben. Passiert ist bislang wenig. Und dabei wird es bleiben, glaubt Khan. "Zu viele haben uns schon versprochen, dass sich etwas ändert", sagt er.

Es dämmert, als Khan nach Hause kommt. Er ist müde, seine Kleidung verschwitzt und voller Schlamm, er torkelt. Streift die Turnschuhe ab und lässt Wasser in einen Eimer laufen, um sich zu waschen. Das Wasser mache ihn krank, glaubt Khan. Die Abwässer aus dem Müll vergiften das Grundwasser. Viele, die am Hang wohnen, leiden an Schwindel, Ausschlägen, Atemwegs- und Durchfallerkrankungen. Der Müll schneidet in ihre Hände.

An guten Tagen finden sie Gold, an schlechten Kadaver, manchmal sogar Leichen. Viele sind drogenkrank, weil der Dreck und Gestank nur im Rausch auszuhalten sind. "Die Müllsammler erweisen der Stadt einen wichtigen Dienst, aber sie riskieren dafür ihr Leben", sagt Chitra Mukherjee von der Hilfsorganisation Chintan.

Khan zieht sich ein frisches Hemd und eine gebügelte Hose an, die Haare kämmt er zur Seite. Er ist heute früher nach Hause gekommen als sonst. Er konnte nicht mehr. Während die anderen sammelten, stand er manchmal nur da und schaute ins Leere. Seit zwei Tagen spüre er diesen Schmerz in der Mitte der Brust, sagt er. Dann ruft er eine Rikscha, seine Frau begleitet ihn. Khan geht zum Arzt. Er hat Angst.

*Name geändert

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