Rede an der Siegessäule Plakatverbot für Obama-Fans

Keine Taschen, keine Plakate - aber bitte schöne Fernsehbilder: Barack Obama will bei seiner Polit-Show in Berlin nichts dem Zufall überlassen. Die Straßen um die Siegessäule werden zur Fanmeile für den US-Präsidentschaftskandidaten.

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Berlin - Das Profil ist markant, der Blick visionär, der Mund leicht geöffnet - letzteres ließe sich auch schon als einziger Hinweis darauf deuten, dass dieser Mann dem Volk etwas zu sagen hat. Denn eigentlich ist schlicht der Name Programm: In großen Lettern steht dieser Weiß auf Blau auf den Plakaten und Flyern, mit denen Werbung für die große Barack-Obama-Show am Donnerstag in Berlin gemacht wird.

Obama-Plakat für Berlin-Auftritt: "Geschenk für die Stadt"

Obama-Plakat für Berlin-Auftritt: "Geschenk für die Stadt"

Das Motiv dürfte das Wahlkampfteam des designierten demokratischen Präsidentschaftskandidaten schon länger in der Schublade gehabt haben, nur den Veranstaltungsort mussten die Grafikdesigner nach dem Gezerre der vergangenen Tage mehrfach austauschen: Brandenburger Tor - Gendarmenmarkt - Tempelhof - und nun endlich: "Tiergarten, Siegessäule, Am Großen Stern (Ostseite), Berlin." Vorsichtshalber hat man unter dem Namen der Hauptstadt auch noch vermerkt, dass die "Goldelse", wie der Berliner seine Kriegsgöttin Victoria auf dem bröckelnden Monument nennt, in Deutschland steht.

Schließlich wird es die einzige, öffentliche Open-Air-Rede des amerikanischen Polit-Popstars auf europäischem Boden sein. "Das ist ein einzigartiges Ereignis, ein Geschenk für die Stadt", jubelt Michael Steltzer, US-Amerikaner und Vorsitzender der Berliner Sektion der Democrats abroad, der offiziellen Auslandsorganisation der US-Demokraten. Mit der Organisation der Visite hat die nichts zu tun, aber natürlich will man helfen, dass so viele Menschen wie möglich zuhören, wenn der Senator aus Illinois gegen 19 Uhr seine etwa einstündige Grundsatzrede zum transatlantischen Verhältnis hält.

Allein in Berlin leben mehr als 13.000 US-Amerikaner, und Steltzer weiß, dass auch aus dem benachbarten Ausland US-Amerikaner nach Deutschland pilgern, um ihr Idol zu sehen. Von Parteifreunden in Paris etwa war zu erfahren, dass einige nach Berlin reisen wollten. Gleiches kündigten die Demokraten in den Niederlanden und Dänemark an. Die Chefin der Democrats abroad, Christine Marques, kommt am Donnerstag aus der Schweiz in die deutsche Hauptstadt.

Einige tausend oder eine Million - wie viele Menschen am Ende den riesigen Kreisverkehr am Großen Stern bevölkern werden -ist völlig ungewiss. Dabei ist die Zeit für Organisation und Logistik denkbar knapp. Die Behörden aber üben sich in Gelassenheit. "Uns kann nichts mehr schocken", verlautet aus dem zuständigen Bezirksamt. Love Parade, Weltmeisterschaft, Europameisterschaft - da soll Obama ruhig kommen.

Fanmeile für den Präsidentschaftsbewerber

Die Fanmeile für den Präsidentschaftsbewerber wird ab Dienstag aufgebaut. Die Bühne soll so plaziert werden, dass die TV-Kameras Obama sowohl mit den Massen als auch mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund einfangen können. Dort wollte der Senator eigentlich sprechen - doch die Idee stieß vor allem im Kanzleramt auf Widerstand.

Damit Obama auch in den hinteren Reihen noch zu erkennen ist, soll es wie zu EM- und WM-Zeiten Großbildleinwände geben. ARD und Phoenix wollen die Rede live übertragen, beim ZDF überlegt man noch. Auch die großen US-Sender senden ihre Nachrichtenshows am Donnerstag vermutlich direkt aus Berlin.

Die Obama-Fans können sich ab 16 Uhr auf dem Großen Stern und der Straße des 17. Juni tummeln. Viel mehr als die Kleidung am Körper sollten sie nicht mitbringen: "Bitte beschränken Sie die Mitnahme persönlicher Gegenstände", heißt es auf den Plakaten, vor allem auf Taschen möge man aus Sicherheitsgründen verzichten. Die Sicherheitsmaßnahmen im Bereich der Bühne werden streng sein, das Bundeskriminalamt hat für Obama Gefährdungsstufe 2 ausgegeben ("Anschlag nicht auszuschließen"), rund 700 Polizisten sind im Einsatz.

Plakate und Transparente sind an der Siegessäule verboten. Offenbar will das Obama-Team nichts dem Zufall überlassen. Bush-Bashing, Anti-McCain-Slogans oder antiamerikanische Sprüche würden daheim nicht gut ankommen. Man kann aber sicher sein, dass die Wahlkampfhelfer Obamas ausreichend Merchandising-Artikel im Gepäck haben, um für stimmungsvolle Bilder in Berlin zu sorgen. Im Internet gibt es längst T-Shirts mit dem Aufdruck "Berlin for Obama" zu kaufen.

Ob es noch ein Unterhaltungsprogramm vor Beginn der Rede gibt, ob es Currywurst oder Burger gibt, ob Fassbrause oder Cola, darüber ist bei der Berliner PR-Agentur, die die Veranstaltung am Tiergarten mitorganisiert, derzeit noch nichts zu erfahren. Die Detailplanung, so heißt es, soll im Laufe des Dienstags abgeschlossen sein.

Hymne für Obama

Vor dem Auftritt an der Siegessäule stehen die Verabredungen mit den deutschen Spitzenpolitikern in Obamas Terminkalender. Um kurz nach zehn soll die gerade frisch designte, "Obama One" genannte Boeing 757, deren Rumpf der Kampagnenslogan "Change we can believe in" ziert, auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel landen. Einen offiziellen Empfang auf dem Rollfeld gibt es nicht, um 11 Uhr empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Senator im Kanzleramt, am frühen Nachmittag lernt er Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) kennen. Es wird Fototermine geben, aber keine Pressekonferenzen.

Das Nachmittagsprogramm ist weitgehend topsecret. Angeblich ist eine kleine Sightseeing-Tour durch die Hauptstadt geplant, geschichtsträchtige Stationen sind dabei im Gespräch: Flughafen Tempelhof, Checkpoint Charlie, Mauergedenkstätte, Holocaust-Mahnmal.

Wann und wo Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit den Kandidaten trifft, ist noch nicht bekannt. Wowereit besucht am Mittwoch in Athen noch das Abschiedskonzert der griechischen Sängerin Nana Mouskouri und unterbricht für die Obama-Visite extra seinen Urlaub.

Ein Treffen mit den Berliner Auslandsamerikanern hat Obama allen offiziellen Verlautbarungen zufolge bislang nicht vorgesehen. Gemeinsam mit seinen Parteifreunden will Michael Steltzer den Auftritt aber nutzen, um an Infoständen möglichst viele US-Bürger für die Präsidentschaftswahlen zu registrieren. "Wir suchen die Nadeln im Heuhaufen und Barack Obama ist unser Magnet", sagt Steltzer.

Nach der Rede will man den Feiertag dann in der Kreuzberger Kneipe "Max und Moritz" ausklingen lassen. Sängerin Roberta Kelly will Obama dort eine eigens komponierte Hymne widmen. Dass der Polit-Star sich das Lied allerdings persönlich anhören wird, bevor er im Nobelhotel Adlon die Nacht verbringt, darüber macht sich Steltzer keine Hoffnungen.



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