Rede in Kairo Muslime wollen von Obama mehr als Worte

Atomstreit mit Iran, Abzugspläne im Irak, Guantanamo, Nahost-Konflikt: Die muslimische Welt erwartet von Barack Obama bei dessen Besuch klare Antworten. Die Rede des US-Präsidenten in Kairo wird mit Spannung erwartet - und die Menschen fordern mehr als nur schöne Worte.

Wenn Barack Obama eine wichtige Rede zu verfassen hat, zieht er sich gern abends alleine zum Schreiben zurück. Als im Wahlkampf die Frage nach seiner Hautfarbe aufkam und er eine Ansprache dazu vorbereitete, verkroch sich der erfolgreiche Buchautor spätnachts unters Dach seines Hauses in Chicago und mailte die fertige Rede in den Morgenstunden an seine Berater. Die komplexe Reflektion, über eine Stunde lang, fand weltweit Lob. Viele glauben, dass sie Obama den Weg ins Weiße Haus ebnete.

So viel Muße hat er als amtierender mächtigster Mann der Welt nicht mehr. Obama verfasst selbst kaum noch, er kann nun auf einen Schreiber-Stab vertrauen. Doch die Erwartungen an seine Redekünste, etwa für seine "Ansprache an die muslimische Welt" in Kairo am Donnerstag dieser Woche, sind nicht gesunken.

Obama (bei der Abreise in den Nahen Osten): Araber und Israelis erwarten deutliche Worte

Obama (bei der Abreise in den Nahen Osten): Araber und Israelis erwarten deutliche Worte

Foto: AFP

Im Gegenteil: Wenn Obama in der ägyptischen Hauptstadt ans Rednerpult tritt, soll dies nicht weniger als einen "Neuanfang" der Beziehungen Amerikas mit der muslimischen Welt darstellen. Der Präsident, streuen seine Helfer, werde anknüpfen an sein vielbeachtetes TV-Interview mit einem arabischen Sender, seine Grüße an Irans Bürger zum persischen Neujahrsfest - und seine Ansprache im April in Istanbul, in der er klarstellte, Amerika befinde sich nicht im Krieg mit dem Islam. Der Dialog solle auf "gegenseitigen Interessen und Respekt" basieren, so Obamas Sprecher Robert Gibbs.

Themen der präsidialen Ansprache dürften laut dem Weißen Haus die Nuklear-Verhandlungen mit Iran sein, Amerikas Abzugspläne im Irak, die Schließung des umstrittenen US-Gefangenenlagers Guantanamo und generell der Beitrag von Muslimen zur amerikanischen und weltweiten Kultur. So will Obama vor allem moderate Muslime erreichen - die zumindest aufmerksam hinhören werden.

"Die Menschen in der Region sehen es als wichtiges Signal, dass er sich so früh um sie und ihre Konflikte kümmert", sagt SPIEGEL ONLINE Chris Arterton, Experte für Politische Kommunikation an der Graduate School of Political Management der George Washington University. Obama genießt zudem Vertrauensvorschuss: Viele Muslime sind angetan, dass er als erster US-Präsident einen muslimischen Vater hatte und Kindheitsjahre im muslimisch geprägten Indonesien verbrachte. Shibley Telhami von der University of Maryland, der die öffentliche Meinung in der Region misst, sagt der Associated Press: "Die Offenheit für Obama und seine Außenpolitik ist erstaunlich".

Doch er darf sich in seiner Rede nicht nur auf Gesten und Rhetorik verlassen, wie einst im Wahlkampf. Gerade zum Nahost-Konflikt muss der Präsident konkreter werden - zu drängend sind die Erwartungen.

Obama hat viele in der arabischen Welt erfreut, als er von Israels Premier Benjamin Netanjahu bei dessen Washington-Besuch in klaren Worten einen Stopp israelischer Siedlungen und ein Bekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung verlangte . Diese Woche bekräftigte er, die USA müssten "ehrlicher" mit ihrem engen Partner umgehen. Laut der "New York Times" denken Präsidenten-Berater sogar über Druckmittel wie eine Aufweichung der treuen amerikanischen Unterstützung für Israel bei Uno-Abstimmungen nach. Obamas Nahost-Beauftragter George Mitchell soll bald nach Syrien reisen, Signal für eine US-Strategie in der Region, die auch vermeintliche Gegner nicht ausschließt.

Doch haben sich schon viele amerikanische Präsidenten am Nahost-Spagat versucht. Daher ist der Zynismus groß. "In Kairo sollte Obama zeigen, wie seinen Worten Taten folgen können", sagt Stephen Grand, Nahostexperte bei der Brookings Institution in Washington.

Ägypten wird wieder zum wichtigen Verbündeten

Gleichzeitig darf er Israel, einen wichtigen US-Verbündeten, nicht zu sehr vor den Kopf stoßen. Jerusalem erwartet ebenfalls deutliche Worte - an arabische Staaten, sich Israel zumindest diplomatisch anzunähern. Das Land beobachtet zudem die diplomatischen Avancen der Obama-Regierung an Iran aufmerksam, dessen Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Holocaust leugnet. Auch deswegen wohl reist Obama am Tag nach der Kairo-Rede ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald - um die "schreckliche und unleugbare Tragödie des Holocaust" zu unterstreichen, wie Präsidentenberater betonen.

Doch die Nuancen in der arabischen Welt selbst sind auch für den Präsidenten knifflig. Vielen stößt übel auf, dass Obama ausgerechnet Kairo als Ort seiner Rede gewählt hat. Immerhin gilt Ägyptens Präsident Husni Mubarak kaum als Demokrat. Er hält nicht viel von freien Wahlen und lässt regelmäßig Oppositionelle hinter Gitter werfen.

Das Land am Nil ist seit langem ein enger US-Verbündeter, doch schon die Bush-Regierung ging auf Distanz zum Machtmenschen Mubarak. Ex-Außenministerin Condoleezza Rice mahnte 2005 in einer weit beachteten Rede in Kairo mehr Demokratie an, mehr US-Regierungsgeld floss an Oppositionsgruppen.

Obama hingegen brachte es im BBC-Interview am Montag dieser Woche nicht einmal über die Lippen, Mubarak einen Autokraten zu nennen. Er wird wohl auch keine Vertreter der Opposition treffen, sondern sie nur zu seiner Rede einladen. Obamas Team scheint sich entschlossen zu haben, Ägypten mit seiner jungen Bevölkerung wieder als besonders wichtigen Verbündeten im Dialog mit moderaten Muslimen zu sehen.

Ist das als Abschied von der Agenda der Bush-Regierung zu verstehen, deren oft als verbohrt empfundene Demokratisierungsideologie mit Begriffen wie "Freiheit", "Menschenrechte" oder humanitäre Intervention gerade in diesem Teil der Welt ein zweifelhaftes Image bescherte?

Obama gibt sich dazu bislang vorsichtig. Im BBC-Interview sagte er zwar, Rechtsstaat, Demokratie, Meinungs- und Religionsfreiheit seien "universelle Werte". Aber er fügte hinzu: "Ich denke, es ist gefährlich, wenn die USA oder irgendein anderes Land denken, dass wir diese Werte einfach einem Land überstülpen können, das eine andere Geschichte und eine andere Kultur hat." Am wichtigsten sei doch, so Obama, dass Amerika als Rollenmodell fungiere.

"Bad Governance" in immer mehr muslimischen Staaten

Nur ist diese Rolle durch das Bush-Erbe arg beschädigt. Dabei gäbe es in der muslimischen Welt genug Bedarf für Rollenmodelle - und Anlass, auch für US-Präsidenten, einen Neuanfang in deren Staaten selbst anzuregen, weisen Forscher nach.

Nahost-Experte Stephen Grand sagt: "Selbst wenn Präsident Obama auf wundersame Weise den Nahost-Konflikt löst, US-Truppen schneller aus dem Irak abzieht, die Taliban in Afghanistan und Pakistan besiegt und den Nuklearkonflikt mit Iran löst - den USA würden sich immer noch große Herausforderungen in der Region stellen." Grand verweist auf eine Studie der Brookings Institution zur Demokratieentwicklung: Danach sind 40 der 48 Staaten mit muslimischer Mehrheit entweder gescheiterte Staaten oder nicht sehr weit davon entfernt.

Hauptproblem dieser Länder, haben die Forscher herausgefunden, sei "bad governance", schlechtes Regieren. Ein treffendes Beispiel dafür ist ausgerechnet der ägyptische Präsident Mubarak, 81, der gerade seinen Sohn zum Nachfolger einzusetzen versucht.

Doch Mubarak ist ja nun Obamas Gastgeber.

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