Rede in New Orleans Bush gibt spendablen Retter in der Not

Eine Kirche im gleißenden Licht, die Kulisse menschenleer: Vor einer geradezu unwirklichen Szenerie hat US-Präsident Bush ein gigantisches Wiederaufbauprogramm für New Orleans skizziert. Nach dem Hilfsdesaster versucht er so sein ramponiertes Image aufzupolieren.

Aus New Orleans berichtet


Bushs Rede an die Nation: Einen Hauch an der Wirklichkeit vorbei
AFP

Bushs Rede an die Nation: Einen Hauch an der Wirklichkeit vorbei

New Orleans - Welchen Sinn der Auftritt von US-Präsident George W. Bush in New Orleans hatte, wird wohl eine geheime Protokollfrage des Weißen Hauses bleiben. Nicht ein einziger der Einwohner der geschundenen Stadt bekam seinen Präsidenten am Donnerstag zu sehen. Einzig die seit dem Morgen überall umhergeisternden Mitarbeiter des Secret Service waren ein untrügliches Zeichen für die Ankunft des mächtigsten Mannes der Welt. Schon Stunden vor seiner Ankunft, die gut getimt nach der Sperrstunde in New Orleans lag, sperrten zudem Soldaten das French Quarter ab.

Nicht nur, dass Bush allein vor leerer Kulisse in New Orleans antrat, wirkte skurril. Die Planer in seinen Stäben koordinierten auch andere Details einen Hauch an der Wirklichkeit vorbei. Obwohl das ganze French Quarter keinen Strom hat, erleuchteten die Nationalgardisten die Kirche hinter Bush mittels Generatoren taghell. Ein bisschen wirkte die Szenerie, als ob es die Katastrophe nie gegeben habe. Im blauen Hemd stand ein Präsident vor einer makellos erscheinenden Kirche und dem Jackson Square, den Millionen Amerikaner schon einmal besucht haben. Nur zu dem Bild, das die Nation seit 17 Tagen rund um die Uhr im Fernsehen sieht, wollte das nicht passen.

Bush als Grand Daddy mit dem Portemonnaie

Trotz der leicht unwirklichen Szene hatte George W. Bush den Menschen in den betroffenen Gebieten einiges mitgebracht. De facto kündigte der Präsident für die betroffene Region das wohl größte Wiederaufbauprogramm an, dass die Vereinigten Staaten je gesehen haben. "Es ist unmöglich, sich Amerika ohne New Orleans vorzustellen, und diese Stadt wird wieder erstehen", kündigte Bush an. Mehr noch: Die Stadt solle größer und schöner werden als je zuvor. Gemeinsam mit dem Kongress will Bush demnach neben den rund 60 Milliarden Dollar, die er bereits angekündigt hat, noch mehr Geld für den Wiederaufbau locker machen. "Diese unvorhersehbare Katastrophe wird eine noch unvorhersehbarere Reaktion nach sich ziehen", so der US-Präsident. Die Region müsse nicht nur mit den Folgen umgehen können, sie müsse sie überwinden.

Gleich eine ganze Handvoll von verschiedensten Maßnahmen kündigte Bush bei seiner Rede an. Die Dämme und die gesamte Infrastruktur der Stadt und der Küstenregion sollen verbessert werden. Die gesamte Rekonstruktion werde von den lokalen Behörden geleitet und geplant, aber von Washington bezahlt. Für die Betroffenen der "Katrina"-Katastrophe will er einen Freibetrag von 5000 US-Dollar einrichten, damit sie sich auf neue Jobs vorbereiten können. Unternehmen in der "Gulf Opportunity Zone", die Betroffene einstellen, bekämen Steuererleichterungen. Zudem will er unter den Ärmsten Eigentumshäuser verlosen, damit nicht alle von ihnen am Ende in öffentlichen Wohnprojekten landen. "Jeder kann sich sicher sein, dass jemand da ist, der sich um sie kümmert", versprach Bush.

Plötzlich sind alle nur noch "wir"

Bushs Abreise: Woher soll das Geld kommen?
REUTERS

Bushs Abreise: Woher soll das Geld kommen?

Wie bei Ansprachen an die Nation üblich, glitt die Rede mehrmals und in langen Teilen sehr ins Pathetische ab. Minutenlang referierte der Präsident kleinteilig die vielen Leistungen von Hilfskräften, Feuerwehrmännern und anderen Helfern. Stets sprach er von "wir", auch wenn er selbst die Katastrophe lange Zeit massiv unterschätzte. Bush unterstrich erneut seine eigene Verantwortung und kündigte eine umfassende Überprüfung aller Katastrophenpläne in den USA an. "Diese Regierung wird ihre Lektion lernen", sagte Bush. In Zeiten von vielen unterschiedlichen Bedrohungen habe die Katastrophe gezeigt, dass die USA nicht ausreichend auf solche Vorkommnisse vorbereitet sei. Das soll nach den Worten Bushs abgestellt werden.

Der Präsident versuchte sich als obersten Katastrophenkämpfer darzustellen - als Retter in der Not. Gerade an dieser Rolle hatte es in den Tagen nach dem Sturm gemangelt. Erst flog er in sicherer Höhe über die Flutgebiete, dann scherzte er über seine Alkoholerlebnisse in New Orleans. Mit den Ankündigungen ist Bush auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Trotz aller Show bereitete er am Donnerstagabend auch viele seine Wähler, die von ihm eigentlich weitere Steuerkürzungen erwartet, auf schmerzhafte Umschichtungen im Staatshaushalt vor.

Dass Bush bei seiner Rede - wenn auch behutsam - auf das sonst gern totgeschwiegene Problem der Armut und der Klassenlosen in Amerika zu sprechen kam, ist durchaus bemerkenswert. "Tage des Leids und des Zorns" habe das Land gesehen. Die USA seien Zeuge "einer Art von Verzweiflung geworden, die kein Bürger dieser großen und großzügigen Nation je hätte kennen lernen sollen". Die Wurzeln des Ausbruchs der Gewalt müssten fortan bekämpft werden. Für einen republikanischen US-Präsidenten waren diese Worte durchaus offen, gerade weil er zu der ganzen Nation sprach.

Who pays the bill?

Die Bürger der Krisenregion wird die Rede sicherlich ein Stück weit versöhnt haben. Geld hilft in Notlagen, in denen viele der Betroffenen sind. Bei aller eigenen politischen Not und aller Großzügigkeit aber wird Bush nach seiner Rede dem Kongress und am Ende auch seinen Wählern erklären müssen, wo die Milliarden herkommen sollen. Seine Staatskasse ist nach dem zehrenden Krieg im Irak und den nicht gerade günstigen Weltmarkbedingungen für großzügige Geschenke und Gesten in einer Notlage nicht gerüstet. Zum Glück aber muss ein Präsident solche Fragen nicht in seiner Rede an die Nation beantworten.



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