Referendum in der Türkei "Wahlen sind heilig"

Erdogans Wahlkampf war geprägt von Repressionen. Trotzdem wird die Abstimmung am Sonntag fair ablaufen, glaubt der Beobachter Fatih Celebi. Bei türkischen Wahlen habe er noch nie Unregelmäßigkeiten festgestellt.

Wahlzettel mit den türkischen Wörtern für "Ja" (Evet) und "Nein" (Hayir)
DPA

Wahlzettel mit den türkischen Wörtern für "Ja" (Evet) und "Nein" (Hayir)

Ein Interview von


Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Fatih Celebi, 26, hat an der Koc-Universität in Istanbul Wirtschaft studiert und nach dem Studium eine Internet-Firma gegründet. Er engagiert sich als Freiwilliger bei "Öy ve Ötesi", einer unabhängigen NGO, die seit 2013 Wahlen in der Türkei beobachtet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Celebi, sie engagieren sich als Wahlbeobachter bei der NGO "Öy ve Ötesi". Wird das Verfassungsreferendum am 16. April fair ablaufen?

Celebi: Ja. Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Unser Land geht durch eine schwierige Zeit. Aber Wahlen sind den Menschen, egal aus welchem Lager, noch immer heilig. Ich habe für "Oy ve Ötesi" die vergangenen beiden Parlamentswahlen begleitet und keinerlei Unregelmäßigkeiten festgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Der Wahlkampf war geprägt von Schikanen und Repressionen gegen Oppositionelle. Warum soll dies am Wahltag anders sein?

Celebi: Wir sprechen hier über zwei verschiedene Vorgänge. Die Kampagne, mit all ihren Tiefen, ist das eine. Die Wahlen selbst sind bislang stets rechtmäßig abgelaufen. Mitglieder aller fünf großen Parteien sind bei der Abstimmung dabei, Beobachter aus der Zivilgesellschaft und aus dem Ausland ebenso. Das System ist offen für Kontrollen. Kein anderer politischer Vorgang in der Türkei ist so transparent wie Wahlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Wahlbeobachter sind in der Türkei im Einsatz? Haben Sie Zugang zu sämtlichen Urnen?

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Erdogan vor Referendum: In der AKP wächst der Ärger

Celebi: "Oy ve Ötesi" hat seit den Regionalwahlen 2013 etwa 150.000 Wahlbeobachter ausgebildet. Ein Großteil von ihnen wird auch beim Referendum dabei sein, selbst wenn sich Freiwillige dieses Mal im Vorfeld bei einer Partei registrieren müssen. Wir haben zudem eine App entwickelt, die den Bürgern dabei hilft, die Auszählung zu kontrollieren. Es wird keine Urne geben, die unbeobachtet bleibt.

SPIEGEL ONLINE: In der Türkei herrscht seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 der Ausnahmezustand. Tausende Oppositionelle sitzen im Gefängnis. Wie legitim ist diese Abstimmung überhaupt?

Celebi: Freie Wahlen sind ein Grundpfeiler der Demokratie. Sollten die Menschen daran zweifeln, dass ihre Stimme zählt, dann ist unser Land endgültig verloren. Ich will die Probleme in der Türkei nicht relativieren. Aber darum kümmern sich andere Organisationen. Wir bei "Öy ve Ötesi" haben ein einziges Ziel: Wir wollen verhindern, dass Wahlen manipuliert werden.

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SPIEGEL ONLINE: Die OSZE hat die Sorge geäußert, dass im mehrheitlich kurdischen Südosten des Landes Menschen nur eingeschränkt wählen können.

Celebi: Die Bedingungen im Südosten der Türkei sind in der Tat schwieriger als in Istanbul. Es ist deshalb wichtig, gerade dort besonders genau hinzusehen. Ich rechne auch im Südosten mit einer hohen Wahlbeteiligung. In der Türkei nehmen an Abstimmungen regelmäßig mehr als acht von zehn Bürgern teil. Das ist, auch im internationalen Vergleich, ein fantastisch hoher Wert.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit unterscheidet sich das Referendum von anderen Wahlen?

Celebi: Es geht nicht um Parteien, nicht um die AKP oder die Sozialdemokraten. Es geht um die Grundfeste unserer Gesellschaft, um die Frage: In welchem Land wollen wir leben?

SPIEGEL ONLINE: Bis wann ist am Sonntag mit den ersten Ergebnissen zu rechnen?

Celebi: Die Wahllokale schließen um 17 Uhr. Die Auszählung wird nicht lange dauern. Es gibt nur zwei Optionen: Ja oder Nein. Vor Mitternacht werden wir das Ergebnis kennen.

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
J. Button 16.04.2017
1. Es geht...
nicht darum ob die Wahl fair verläuft, sondern darum wie große Teile der Opposition und "NEIN-Sager" behandelt wurden und werden. Zudem glaube ich auch nicht dass diese aus dem Knast oder Hospital heraus wählen können oder dürfen.
n.strohm 16.04.2017
2. Falls Erdogan
das Referendum gewinnt wird es auch in Zukunft faire Wahlen geben können, denn Erdogan braucht dann kein Wahlergebnis mehr. Er kann das Parlament auflösen, Minister bestimmen, usw.... Liebe Wahlbeobachter, Ihr Job wird in Zukunft zur Farce werden. Wie man den Wahlvorgang selbst und die Vorwahlzeit von einander trennen kann zeugt meines Erachtens nach von erheblicher Naivität oder bereits von Resignation.
victoria101 16.04.2017
3. Ich drücke den Türken die Daumen...
... Dass sie eine gute Entscheidung für sich und ihr Land treffen
vaikl 16.04.2017
4. Sorry, lieber Fatih Celebi
Wenn Wahlkampf und Wahlvorgang für Sie zwei unterscheidbare Ereignisse sind, von denen der Wahlkampf eine untergeordnete Bedeutung zu haben scheint, gibt es ihrerseits ein großes Defizit in Sachen wirklich *freier* Wahlen. Es kann nicht sein, dass eine bestehende Regierungsmehrheit das Staatssäckel plündert und mit dieser finanziellen Macht ihren Wahlkampf massiv und einseitig "fördert", während der Opposition mit Verhaftungen und anderen Repressalien alle möglichen Knüppel in den Weg gelegt werden, um deren Erfolg möglichst zu verhindern. Das hat mit wirklicher Demokratie nichts zu tun, ist aber anscheinend derart immanent in den Köpfen selbst kritischer Beobachter, dass es wohl doch noch viele Jahrzehnte dauern wird, ehe man über die Türkei als demokratischer Staat reden kann.
Claus Hansen, Kiel 16.04.2017
5. Wenn ich jemandem eine Knarre an den Kopf halte
und ihn frage:ja oder nein? und er dann frei seine Stimme abgeben kann, ist das also eine faire Wahl. Und die Leute die den ?Wähler? vorher beeinflußen können , sperre ich ein. Dazu inszeniere ich dann auch noch ein Angstklima durch einen getürkten Putsch und stelle andere Länder als Bedrohung dar. Hoffentlich stimmen die Türken überall dafür. Allerdings sollten wir schon mal Vorsorge tragen, daß uns nachher nicht türkische Boat People überrennen
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