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Krim und die Folgen: Stunde der Separatisten

Foto: OLIVIER MORIN/ AFP

"Referendum" in Venetien Italiens Möchtegern-Krim

Im Windschatten des Krim-Referendums haben Norditaliens Separatisten eine eigene Abstimmung ausgerufen. Die Region Venetien soll sich von Italien, EU und Nato lösen. Russische Medien frohlocken, die Initiatoren jubeln über die Beteiligung. Allein: Die Realität sieht anders aus.

Venedig - Matteo Salvini hat das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein. "Krim, Venetien, Katalonien, Schottland! Wenn das Volk entscheidet, ist das immer eine gute Nachricht", frohlockt der Politiker. Salvini, 41 Jahre alt und EU-Abgeordneter der Separatistenpartei Lega Nord, gibt in diesen Tagen viele Interviews. Er vermittelt den Eindruck, dass die Stunde der Separatisten geschlagen hat.

In Venetien, der Region in Italiens Nordosten rund um Venedig, stimmen die Bürger über ihre Unabhängigkeit ab. Seit Sonntag, dem Tag des umstrittenen Krim-Referendums, können auch die Veneter über die Loslösung von Italien votieren. Eine Million Bürger habe schon teilgenommen. Sagen die Initiatoren. Sie wollen nicht mehr zahlen, an Rom, für den armen Süden. Der Präsident der Region, Luca Zaia (ebenfalls Lega Nord), sagt: "Das Unabhängigkeitsgefühl ist allgegenwärtig."

Im Windschatten der Krim-Krise wittern Europas Separatisten ihre Chance. Da sind die Schotten und die Katalanen, die beide im Herbst Referenden abhalten. Da gibt es die Flamen. Und eben die Veneter, die ihr selbstaufgerufenes "Referendum" nun parallel zur Entscheidung auf der Krim angesetzt haben. Die zentrale Frage: "Wollen Sie, dass Venetien eine föderale, unabhängige und souveräne Republik wird?" Am Freitag wird das Ergebnis bekanntgegeben.

Russische Medien schlachten die Abstimmung aus

Votum und Zeitpunkt sind ein gefundenes Fressen für die Russen. Staatsnahe Sender schlachten die Abstimmung aus. Die Stimme Russlands titelt: "Norditalien sucht Unabhängigkeit", Russia Today befragt in Berlin Passanten, die von der Abstimmung in Norditalien nichts wissen . Der Vorwurf: Der Westen verdamme das Krim-Referendum, schweige aber das vergleichbare Venetien-Votum tot.

In der Tat fällt es schwer, dem von der Splitterpartei "Unabhängiges Venetien" eigenmächtig veranlassten "Referendum" dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie der Krim-Annexion, die für eine neue Eiszeit zwischen Russland und dem Westen gesorgt hat. Es bleibt erst einmal folgenlos. Auch ist aus Wien nicht zu hören, dass Österreich, zu dem die Region im 19. Jahrhundert einmal gehörte, beabsichtige, Venetien zu annektieren, oder Soldaten ohne Hoheitsabzeichen auf den Markusplatz geschickt hätte. In Italien ist das Votum außerhalb des Nordens auch kein großes Thema.

Die Initiatoren berufen sich auf das internationale Recht auf Selbstbestimmung. Einer ist Gianluca Busato, Unternehmer aus Treviso. Mit 5000 freiwilligen Helfern will er drei Millionen Codes ausgegeben haben für die "Stimmberechtigten", die damit dann online votieren können .

Lebendige Separatistenbewegung

Überprüfen kann die Zahlen, mit denen die Initiatoren nun aufwarten, niemand. Ebenso wenig das Ergebnis. Es gebe "internationale Beobachter", sagt Busato. Deren Identität wolle er Freitagabend lüften. Ein Problem: Online-Abstimmungen sind manipulierbar. Und in Italien haben die Internet-Voten der Bewegung Beppe Grillos vor Augen geführt, dass diese völlig ohne Transparenz ablaufen können.

Was das selbsternannte "Referendum" allerdings zeigt: Die Separatistenbewegung im Norden Italiens ist quicklebendig.

  • Da ist die Lega Nord. Die rechtspopulistische Partei will einen eigenen Staat namens "Padanien" gründen - eine Abspaltung der reichen Industrieregionen des Nordens vom Rest des Landes. Die Lega büßte zuletzt Wählerstimmen ein, stellt aber neben den Regionspräsidenten in Venetien und der Lombardei etwa den Bürgermeister in Verona. Sie wettert gegen Roma ladrona, das Rom der Diebe. Dumm nur, dass Gründer Umberto Bossi selbst gehen musste, weil er sich aus der Parteikasse bedient hatte.

  • Ganz im Norden, auf ehemals österreichischem Gebiet, wo rund zwei Drittel der Bevölkerung Deutsch sprechen, setzte die dauerregierende Südtiroler Volkspartei 1972 weitreichende Autonomierechte durch. Das ist neuen "freiheitlichen Kräften" nicht mehr genug. Sie wollen "los von Rom", manche erwägen gar, sich aus Italien freizukaufen.

  • Auch in anderen autonomen Regionen wie Sizilien gibt es traditionell Unabhängigkeitsbewegungen. Doch im reichen Norden haben sie derzeit mehr Aufwind als im armen Süden, der auf Transferzahlungen aus Rom angewiesen ist. Weil Italien in der Schuldenkrise steckt und sparen muss, wurden zuletzt verstärkt Privilegien für die autonomen Regionen angetastet.

Und so müssen die Separatisten im Norden keine Russlandfreunde sein, um sich über die Geschehnisse auf der Krim zu freuen. Ulli Mair, Vorsitzende der Südtiroler "Freiheitlichen", sieht es so: "Bei aller berechtigten Kritik an den Umständen und vielleicht auch am Verhalten Russlands unterstreicht dieses Ergebnis mehr denn je, dass auch in Europa Separatismus und Unabhängigkeit auf dem Vormarsch sind."

Und der Herausgeber der unabhängigen "Neuen Südtiroler Tageszeitung" staunt, dass der Prozess auf der Krim "ruck, zuck" abgelaufen sei, während man selbst doch seit Jahrzehnten kämpfe. Sein Fazit: "Vielleicht müsste das auch Südtirol probieren." Man müsse nur hoffen, "dass wir auch einen Putin haben".

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