Schottische Unabhängigkeit Es wäre schade um Großbritannien

Das Warten ist vorbei, die Wahlkämpfe sind ausgefochten: Heute stimmen die Schotten in einem Referendum über die Abspaltung von Großbritannien ab. Sie sollten Nein sagen.

Demonstranten gegen eine Abspaltung von den Briten: Nun wird abgestimmt
REUTERS

Demonstranten gegen eine Abspaltung von den Briten: Nun wird abgestimmt

Ein Kommentar von , Edinburgh


Niemand soll hinterher sagen können, die Schotten seien nicht gewarnt gewesen. Einkaufen im Supermarkt wird teurer, Klamotten sowieso. Kredite, Telefonieren, Briefmarken - alles unerschwinglich in einem unabhängigen Schottland. Und außerdem stürzt der Himmel ein. Mindestens.

Die Panikmache der Anhänger des Vereinigten Königreichs in diesem Wahlkampf war teilweise grotesk. Viele Schotten werden daher heute beim Referendum erst recht Ja zur Unabhängigkeit sagen. Und wer will es ihnen verdenken?

Doch sollten die Schotten - trotz des verständlichen Ärgers - nicht mit dem Bauch entscheiden. Dafür ist die Entscheidung zu wichtig. Dieses Votum gilt, um mit David Cameron zu sprechen, "für immer".

Aus deutscher Sicht ist die Sache klar: Es wäre schade um Großbritannien. Sehr schade sogar. Sicher, auf dem Kontinent werden die Briten mehr gelitten als geliebt. Aber die Briten spielen eine wichtige Rolle in Europa und der Welt. Sie haben etwas anzubieten, wollen mitgestalten. Sie dienen als Vorbild für eine weltoffene, liberale Multikulti-Gesellschaft.

Ein unabhängiges Schottland hingegen liefe Gefahr, sich einzuigeln. Selbstzufrieden würde es sich damit begnügen, seinen Ölreichtum zu verwalten. Auch in England würde der Isolationismus zunehmen, die Little-Englander-Mentalität der rechtspopulistischen Ukip um sich greifen. Beides ist nicht im Sinne Europas.

Nationalismus und Kleinstaaterei gehören ins vergangene Jahrhundert. Das gilt auch, wenn sie von sympathischen Schotten vertreten werden. Niemand braucht eine Grenze quer über die Insel. So harmlos, wie er immer dargestellt wird, ist der schottische Nationalismus im Übrigen auch nicht: Der emotional geführte Wahlkampf hat hässliche anti-englische Gefühle mobilisiert.

Haben die Briten ihre Lektion gelernt?

Auch aus ökonomischer Sicht erscheint die Abspaltung vollkommen überflüssig. Den Schotten geht es gut. Schottland ist nach dem Südosten Englands die wohlhabendste Region der Insel. Wesentliche Bereiche des Alltags werden bereits jetzt von der schottischen Regionalregierung geregelt. Nach dem Referendum soll Edinburgh weitere Autonomie erhalten, auch in der Wirtschafts- und Fiskalpolitik.

Es steht zu hoffen, dass die britische Regierung ihre Lektion aus diesem Referendum lernt. Die Separatistenbewegung speist sich aus einer weitverbreiteten London-Müdigkeit. Nicht nur in Schottland, auch in Nordengland und Wales wird die Hauptstadt als schwarzes Loch wahrgenommen, das sämtliche wirtschaftliche und politische Aktivität aufsaugt.

Wenn die Schotten Großbritannien daher heute noch eine Chance geben, ist der Auftrag klar: Die Regierung in London muss den 1997 eingeschlagenen Weg der Föderalisierung konsequent weitergehen.

insgesamt 272 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mwroer 18.09.2014
1. Nicht aus dem Bauch heraus ?
Die Schotten sollten nicht aus dem Bauch heraus entscheiden? Nein, dafür ist es in der Tat zu wichtig. Warum allerdings, frage ich mich dann, glaubt dann der Autor des Artikels aus dem Bauch heraus einen Ratschlag geben zu dürfen. Denn mehr steht da nicht - es wäre 'schade um England'. Wäre es nicht. England wird weiter bestehen. In anderer Form, sicher. Na und? Die Welt wird nicht untergehen, Europa wird nicht untergehen und auch nicht schwächer werden. Wäre der Autor seinem eigenen Ratschlag gefolgt hätte er gesehen dass es handfeste Gründe für eine schottische Unabhängigkeit gibt und dass man ein Land gewinnt dass dem europäischen Gedanken sehr begeistert gegenübersteht - im Gegensatz zu England.
cococ1 18.09.2014
2. An Herrn Volkery
was genau haben die Briten uns anzubieten?
Lampenluft 18.09.2014
3. Ach nein ....
Die Zeiten haben gelehrt, dass kleinere Einheiten nicht besser durch die Groesseren vertreten werden. Es gibt mehrere EU-Staaten dieser Groesse. Ich wuensche den Schotten den Mut, die Chance zur Eigenstaendigkeit zu nutzen. Es waere ein Gewinn fuer Europa.
matbhmx 18.09.2014
4. Sorry, aber ein Beitrag, der ...
... an Unqualifiziertheit kaum zu überbieten ist. Er zeigt im Übrigen wunderbar das grundlegende Problem der Briten. Der Auto sitzt in London - und genau das ist das Problem in Großbritannien, ähnlich wie Paris in Frankreich. Großbritannien ist im Wesentlichen London. Die Stadt saugt einfach alles auf. Und sie saugt alles auf mit im Grunde genommen völlig sinnlosem Tun. London brummt herausragend wegen der Finanzwirtschaft. Dort wurden und werden wie in New York die Anlageformen, Finanzaktion ersonnen, die die Welt bereits schon einmal an den Rand des wirtschaftlichen Untergangs geführt haben - wobei es die einfachen Leute getroffen hat. Die Manager, Finanzjongleure usw. haben fett abgesahnt. Und unter diesem Aspekt gibt es verdammt gute Gründe für die Schotten, sich abzuspalten. Und die Weltuntergangsstimmung, die von Gegnern der Abspaltung gemalt wird, ist einfach nur lächerlich. Dänemark hat in etwa dieselbe Einwohnerzahl, das BIP Schottlands ist beachtlich. Es gibt überhaupt keine wirtschaftlichen Gründe, der Abspaltung entgegenzutreten. Richtig ist, dass vor allem Restgroßbritannien ein herausragendes Interesse an dem Erhalt der "Nation" hat. Mögen vor allem die Engländer den übrigen Mitgliedern Großbritanniens vernünfte Angebote über eine bessere Verteilung der Ressourcen unterbreiten - doch dafür ist England viel zu londonzentristisch - und arrogant!
rwkmc 18.09.2014
5. Kleinstaaterei
Wenn sich Länder wie die Sowjetunion oder Jugoslawien in unzählige Kleinstaaten aufteilen dann ist es ein Sieg der Demokratie. Bei Völkern mit wesentlich älteren Wurzeln und Traditionen wie den Schotten, Venetiern, Katalanen oder Basken auf einmal ein Rückschritt ins Mittelalter.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.