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Erzkonservative Monarchie: Reformieren - aber wie?

Foto: Bernd von Jutrczenka/ picture alliance / dpa

Saudi-Arabien Zukunft ohne Öl gesucht

Wegen des Ölpreisverfalls leidet Saudi-Arabien unter einer schweren Wirtschaftskrise. Jetzt soll der Lieblingssohn des Monarchen das Land radikal modernisieren - ohne die Herrschaft der Königsfamilie zu gefährden.

Sie kennt das schon. Für Besucher aus dem Westen scheint es nichts Wichtigeres zu geben. Immer die gleiche Frage: Warum dürfen Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren? "Ach", sagt die junge Professorin nachsichtig lächelnd, "ein Auto ist doch nur ein Werkzeug, um von einem Ort zum anderen zu kommen." Völlig überschätzt, das Thema. Wer fährt schon gerne selbst? Noch hat man seinen Fahrer, und irgendwann wird Google Autos auf den Markt bringen, die von alleine fahren. "Dann muss ich nur noch einsteigen", sagt sie und zieht ihr schwarzes Kopftuch gerade so hoch, dass ihre dunklen Haare noch zu sehen sind.

Die Männer nicken zustimmend. Die junge Frau, mit ihrem Witz und ihrer Schlagfertigkeit, gibt hier den Ton an. Sie hat in den USA studiert, unterrichtet an der Uni Management und ist vom saudischen König Salman ibn Abd al-Aziz gerade zum zweiten Mal in die Schura-Versammlung berufen worden, in jenes hochkarätige Expertengremium also, das den absolut herrschenden Monarchen beraten soll. Die Professorin gehört zu der wachsenden Schicht von jungen Saudis, die ihr Land modernisieren wollen.

"Aber wir werden das auf unsere Weise machen", sagt einer der hochrangigen Beamten, die an diesem Nachmittag in Riad im Medienzentrum im Königshof neben ihr sitzen. "Wir werden unsere Geschichte und unsere islamische Tradition nicht verleugnen."

Das saudische Königshaus steckt in den roten Zahlen

Modern heißt in Riad etwas anderes als in Berlin oder London. Und der saudische Chefmodernisierer würde im Westen kaum als Hoffnungsträger durchgehen. Mohammed bin Salman al-Saud ist ein großer, bulliger Mann, der mit seinen 31 Jahren eine beispiellose Machtfülle angesammelt hat. Die macht ihn zum gefährlichsten Rivalen seines Vetters, des Kronprinzen. Salman al-Saud ist sein Stellvertreter, als Verteidigungsminister verantwortet er die saudische Intervention im Jemen, er kontrolliert den staatlichen Ölriesen Aramco, und sein Vater hat ihn zum Chef des neuen Rates für Wirtschaft und Entwicklung ernannt, der die Modernisierung des Landes vorantreiben soll.

Freiwillig geschieht das nicht. Der Absturz des Ölpreises und der teure Feldzug im Jemen haben das konservativ-islamische Königreich tief in die roten Zahlen gedrückt. Noch verfügt der Ölstaat über gewaltige Devisenvermögen, aber in den letzten zwei Jahren musste Riad 250 Milliarden Rial aus den Reserven zubuttern, um den Haushalt auszugleichen. Die Regierung strich teure Bauvorhaben drastisch zusammen, viele Firmen konnten ihre Arbeiter nicht mehr bezahlen, die Arbeitslosigkeit schnellte auf über zwölf Prozent hoch. Nachdem im Frühjahr plötzlich die Wasserrechnungen der Menschen nach oben schossen, wurde der zuständige Minister gefeuert. Er hatte seinen Kunden empfohlen, doch eigene Brunnen zu bohren, wenn sie mit den Preisen unzufrieden seien.

Prinz Salman al-Saud ließ sich von westlichen Beratungsfirmen ein ehrgeiziges Modernisierungsprogramm ausarbeiten. Die "Vision 2030" soll das Land unabhängiger vom Öl machen, die Privatwirtschaft stärken, Privilegien der öffentlich Bediensteten zusammenstreichen und neue Jobs schaffen. Über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25, jedes Jahr drängen 300.000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt, darunter viele Frauen.

Der 500-Millionen-Kaufrausch des Vize-Kronprinzen

Ohne eine wirtschaftliche und teilweise gesellschaftliche Öffnung werden die riesigen Probleme des Landes nicht gelöst werden können, das weiß auch der Lieblingssohn des Königs, aber an der Macht der königlichen Familie darf nicht gerüttelt werden. Ähnlich wie in Singapur soll der Staat offenbar wie eine effiziente Firma geführt werden, mit dem König als absolut regierendem Vorstandschef an der Spitze.

"Es gibt massiven Widerstand gegen die Reformpläne", berichtete der stellvertretende saudische Wirtschaftsminister am vergangenen Donnerstag seiner Besucherin Ursula von der Leyen, der deutschen Verteidigungsministerin. Als man 125 verschiedene Zulagen für öffentliche Bedienstete gestrichen habe, sei der Aufschrei in den sozialen Medien gewaltig gewesen. Viel Vertrauen in die staatlichen Angebote seines Landes scheint auch der Vizeminister nicht zu haben. Sohn und Tochter würden auf eine britische Schule gehen: "Ich mag die öffentlichen Schulen nicht."

Modernisierer Salman al-Saud hat die öffentlichen Ausgaben und die Bezüge der öffentlich Bediensteten drastisch zusammengestrichen, doch im Sommer letzten Jahres konnte er einer Versuchung nicht widerstehen. Wie die "New York Times" berichtete, verliebte sich der junge Vize-Kronprinz beim Urlaub in Südfrankreich in die 134-Meter-Jacht eines russischen Wodka-Tycoons, die vor der Küste lag. Innerhalb von Stunden wechselte das Schiff für 500 Millionen Euro den Besitzer. Noch am Nachmittag verließen die Russen die Jacht.

Es ist das saudische Paradox: Ausgerechnet der Mann, der das rückständige Königreich radikal modernisieren soll, hat null Probleme damit, an seinen eigenen königlichen Privilegien festzuhalten.

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