Proteste in der Türkei Ankara bestreitet Verantwortung für Tod von Demonstrant

Die türkische Regierung hat den Vorwurf zurückgewiesen, dass die Polizei für den Tod eines Demonstranten in Antakya verantwortlich ist. Videobilder sollen beweisen, dass Ahmet Atakan ohne Zutun der Sicherheitskräfte ums Leben kam. Doch Zweifel bleiben.

Trauerfeier für Atakan: Präsident Gül äußert sein Bedauern
AP/dpa

Trauerfeier für Atakan: Präsident Gül äußert sein Bedauern


Antakya - Ahmet Atakan ist tot, das ist unstrittig. Doch über die Umstände seines Todes in der Nacht zum Dienstag gibt es widersprüchliche Versionen.

Zunächst hatten türkische Medien berichtet, der 22-Jährige sei während einer Demonstration gegen die Regierung in der Stadt Antakya von einer Tränengas-Kartusche am Kopf getroffen worden und später an seinen Verletzungen gestorben. Augenzeugen und Verwandte des Toten bestätigten diese Darstellung.

Atakans Tod löste am Dienstagabend in vielen Städten der Türkei neue Proteste aus. Zum Teil dauerten die Demonstrationen bis zum frühen Mittwochmorgen, mancherorts lieferten sich Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei. Alleine in Istanbul seien mehr als 40 Menschen festgenommen worden, berichtete die Zeitung "Hürriyet Daily News" unter Berufung auf die Anwaltskammer. Dort ging die Polizei auf der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi mit großer Härte gegen Hunderte zumeist friedliche Demonstranten vor.

Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas, Wasserwerfer und Plastikgeschosse ein, wie Augenzeugen berichteten. Aus den Reihen der Demonstranten wurden Feuerwerkskörper gezündet. Das U-21-Fußballspiel zwischen der Türkei und Schweden musste vorübergehend unterbrochen werden, weil Tränengasschwaden in das Stadion zogen.

"Radikal" zitiert aus dem Autopsiebericht

Am Mittwoch präsentierte die Regierung in Ankara eine neue Version der Ereignisse von Antakya. Innenminister Muammer Güler sagte, die Polizei sei nicht gegen den Atakan vorgegangen. Dieser sei vielmehr von einem "erhöhten Punkt" aus heruntergefallen. Das zeigten Fernsehbilder und belege auch der Autopsiebericht. Der Vorfall werde aber weiter untersucht.

Mehrere türkische TV-Sender zeigten Videoaufnahmen, auf denen schemenhaft zu sehen ist, wie ein Mensch aus großer Höhe auf einen Bürgersteig fällt. Es ist jedoch nicht zu erkennen, ob es sich bei dieser Person tatsächlich um Atakan handelt. Ebenso ist völlig unklar, ob die Bilder wirklich an jenem Abend in Antakya gemacht wurden.

Innenminister Güler kritisierte, dass der Tod des jungen Mannes dazu benutzt werde, Stimmung gegen die Polizei zu schüren und zu Unruhen aufzustacheln. Vor allem in Antakya gebe es seit mehreren Tagen verstärkt Unruhen mit dem Ziel, "großes Chaos" auszulösen. Güler sprach in diesem Zusammenhang von "ethnischen Provokationen". Präsident Abdullah Gül äußerte sein Bedauern über den Tod des 22-Jährigen.

Die Tageszeitung "Radikal" zog die Darstellung der Regierung in Zweifel. Laut ihren Erkenntnissen wies Atakans Leichnam laut Autopsiebericht einen sechs mal fünf Zentimeter große Verletzung an der linken Seite seines Schädels auf. Der übrige Körper weise Blutergüssen auf, allerdings sei kein Knochen gebrochen. Dies würde der Version widersprechen, dass der junge Mann von einem Dach auf die Straße fiel.

Seit Beginn der Proteste gegen den zunehmend autoritären Führungsstil Erdogans im Juni sind in der Türkei fünf Demonstranten und ein Polizist ums Leben gekommen.

syd/dpa/AFP

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bildungistgut 11.09.2013
1. Genau analysieren
In Teilen der Bevölkerung ist eine gewisse Unzufriedenheit gegenüber der Regierung vorhanden und ich betone hierbei nur in Teilen. Viele der jungen Demonstranten mit Anfang 20 wissen gar nicht, wie es vor 10-15 in der Türkei war. Auch wenn deutsche Medien mit am stärksten Prügeln und in der Türkei die Ableger von Axel Springer, ist der Fortschritt unter der jetzigen Regierung immens. Die Polizeieinsätze sind eventuell zu hart und man sollte deeskalierend auf Demonstranten einwirken, aber es gibt bei diesen Demonstrationen auch viele Randalierer die Steine u. Molotows werfen und Zerstörungen anrichten. Deshalb werden die Proteste so auch nie die Sympathie der breiten türkischen Öffentlichkeit bekommen.
Kismet 11.09.2013
2. 1
Zitat von sysopAP/dpaDie türkische Regierung hat den Vorwurf zurückgewiesen, dass die Polizei für den Tod eines Demonstranten in Antakya verantwortlich ist. Videobilder sollen beweisen, dass Ahmet Atakan ohne Zutun der Sicherheitskräfte ums Leben kam. Doch Zweifel bleiben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/regierung-in-der-tuerkei-bestreitet-schuld-am-tod-von-ahmet-atakan-a-921754.html
Also bitte, was für Zweifel soll es denn da noch geben? In dem Video ist eindeutig der Ort und der Fall von dem Demonstranten zu sehen. Wer soll sonst das sein? Da fällt doch nicht jeden Tag auf die Straße jemand vom Dach.
batalgokturk 11.09.2013
3. Diktator
Eine Frage liebe Kismet(nichtmal der Name türkisch)was hatten die Truppen von Erdogan um diese Zeit da zusuchen?Ein 22 jähriger schmeißt sich aus heiterem Himmel vom Dach.Ich sage bewußt Erdogans Truppen weil ich diese Personen nicht als Polizisten akzeptiere.Ich akzeptiere und respektiere die deutsche POLIZEI und habe Angst vor der türkischen Polizei.Traurig genug.
user_adam 11.09.2013
4. Zweifel sind angebracht!
Der junge Mann stand unter Beobachtung der (Geheim-)Polizei! Nach Zeugenaussagen wurde er von einer Gaspatrone der Polizei am Hinterkopf getroffen und so sei er runtergefallen! Die Polizei und Staatsanwaltschaft haben noch nicht einmal den Tod von Abdullah Cömert vom Juni aufgeklärt bzw. wird der Fall nur schleppend bearbeitet. Die Polizei geht insbesondere in der stadt Hatay massiv und äusserst brutal vor.
Marcus Tulius 11.09.2013
5. Shame on you Mr. Erdogan
Sie haben es geschafft, dass sich die türk. Gesellschaft gespalten hat in ein Pro und ein Anti Lager. Was sind das für Allüren, die Sie bei jedem öffentlichen Auftritt an den Tag legen? Sie säen Hass und Gewalt und peitschen die Menschen gegeneinander auf. Ein wahrer Staatsmann sind Sie nicht. Ich ordne Sie eher den Polit-Clowns zu.
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