Regierungsdokumente USA geben Millionen Geheimakten frei

Unbezahlbare Schätze für Historiker kommen Neujahr ans Licht: US-Behörden geben Millionen Seiten geheimer Akten frei, darunter FBI-Material aus dem Kalten Krieg. Wissenschaftler lauern auf brisante Details amerikanischer Politik.


Washington - Das amerikanische Nationalarchiv kann die Massen an Material, die am 1. Januar 2007 zugänglich werden, kaum verarbeiten. Monate könne es dauern, so die "Washington Post", bis die freigegebenen geheimen Regierungsdokumente für Forscher aufbereitet werden können. Trotzdem feiern US-Historiker diesen Jahreswechsel wohl ausgelassener als sonst. "Amerika muss seine Geschichte kennen lernen, und die Geschichte steckt in diesen Dokumenten", sagte Anna K. Nelson, Historikerin aus Washington.

Eine Einschränkung gibt es allerdings: Die Regierungsakten müssen 25 Jahre alt sein. 1995 unterzeichnete die Regierung unter US-Präsident Bill Clinton ein Gesetz, das die staatlichen Behörden verpflichtete, ihr altes geheimes Material öffentlich zu machen. CIA, FBI und Co. wuchsen die Aktenmassen jedoch über den Kopf, die Regierung setzte den Behörden immer neue Fristen. Nach der Amtsübernahme durch US-Präsident George W. Bush befürchteten Historiker, dass dieser das Gesetz kippen werde. Bush blieb in dieser Angelegenheit aber auf der Linie seines Amtsvorgängers Clinton. "Dass das Gesetz nicht gescheitert ist, ist auch Bushs Verdienst", sagte der Forscher Steven Aftergood der "Washington Post".

Jahr für Jahr müssen die Ämter nun ihr 25 Jahre altes Geheim-Material freigeben. Aftergood hofft in der ersten Veröffentlichungs-Runde vor allem auf Enthüllungen zum Kalten Krieg. Der US-Forscher bittet aber um Geduld: "Wir brauchen Generationen von Wissenschaftlern, um uns durch dieses Material zu kämpfen", so der Historiker.

Bislang mussten Forscher bei ihren Recherchen für jedes Dokument eine Anfrage starten. William Leonard, Mitarbeiter im Nationalarchiv, hat die Freigabe-Maßnahmen der Behörden überwacht. Ordentlich verstaubt seien die Archive gewesen, sagt er - damit sei jetzt Schluss. Die Anordnung, die geheimen Daten komplett veröffentlichen zu müssen, sei ein wohltuender Schauer in der Bürokratie-Wüste gewesen.

Welche US-Bürger wurden vom FBI überwacht?

Alleine das FBI gibt am 1. Januar 270 Millionen Seiten geheimes Aktenmaterial frei. Die Richtung ihrer ersten Recherchen haben einige Forscher schon öffentlich gemacht: Sie wollen neue Erkenntnisse darüber ergattern, welche US-Bürger vom FBI verdächtigt wurden, mit dem Kommunismus zu sympathisieren. Kleiner, aber mindestens genauso brisant ist das Archiv des US-Geheimdienstes, der National Security Agency (NSA). Hier schlummern unter anderem Aufzeichnungen zum Vietnam-Krieg.

So viel Euphorie angesichts des Gesetzes, das endlich in Kraft tritt - der frühere Geheimdienst-Mitarbeiter Britt Snider, der das Weiße Haus bei der Aktenfreigabe berät, tritt da lieber erst einmal auf die Bremse: "Die meisten Regierungsdokumente, auch die streng geheimen, sind einfach nur langweilig."

anb



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