Regierungsoffensive in Südafghanistan 25 Aufständische getötet, Taliban drohen mit neuen Anschlägen

Hubschrauberangriffe, Einmarsch von afghanischen Soldaten, Meldungen über getötete Aufständische: Noch ist die Lage in einer von den Taliban besetzte Region in Südafghanistan unübersichtlich. Die Koran-Krieger jedenfalls zeigen sich von der Regierungsoffensive unbeeindruckt.


Berlin / Masar-e-Sharif – Die Versionen über eine groß angelegte Operation in Südafghanistan zur Befreiung eines von Taliban-Trupps eingenommenen Gebiets nördlich der Provinzmetropole Kandahar könnten unterschiedlicher nicht sein: Während die afghanische Regierung und die Nato erste Erfolge melden, zeigen sich die angegriffenen Taliban unbeeindruckt. Kabul und das Hauptquartier der internationalen Schutztruppe Isaf sprechen von mindestens 25 getöteten Aufständischen - die Taliban melden stolz Verluste auf der anderen Seite.

Soldaten der Afghan National Army (ANA) beim Aufmarsch: Propaganda-Krieg mit den Taliban
DPA

Soldaten der Afghan National Army (ANA) beim Aufmarsch: Propaganda-Krieg mit den Taliban

Die öffentlich verbreitete unterschiedliche Einschätzung der Gefechtslage spiegelt die Bedeutung der Situation wieder. So wollen Kabul und die Nato dringend und schnell beweisen, dass sie die Einnahme des strategisch wichtigen Gebiets um den Arghandab-Fluss durch rund 500 Taliban-Kämpfer nicht akzeptieren wollen und dass die afghanische Armee mit Hilfe der Nato in der Lage ist, eine Gegen-Operation erfolgreich durchzuführen. Für die Taliban hingegen ist die Einnahme und eine mögliche Verteidigung des Gebiets ein Beweis, dass sie militärisch besser denn je aufgestellt sind.

Kabul meldet erste Erfolge

Ein klares Bild war am Mittwoch kaum zu gewinnen. Das afghanische Verteidigungsministerium teilte mit, bei den Gefechten nördlich von Kandahar seien seit Beginn der Operation am frühen Morgen mindestens 23 Rebellen und zwei afghanische Soldaten getötet worden. Bei den Angriffen der aus Kabul eingeflogenen Soldaten, assistiert durch Nato-Kampfhubschrauber, seien "örtliche und ausländische Terroristen" ausgeschaltet worden, drei weitere Rebellen sowie zwei afghanische Soldaten wurden demnach bei späteren Schusswechseln getötet.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, dass gepanzerte Fahrzeuge kanadischer Nato-Einheiten durch Arghandab fuhren. Niedrig fliegende Kampfhubschrauber schossen demnach Leuchtraketen ab. Aus umliegenden Dörfern war sporadisches Gewehrfeuer zu hören. Immer wieder stieg auch Rauch auf – offenbar nach Raketenangriffen. Die Isaf beteiligte sich mit einer "bedeutenden" Zahl Soldaten an der Offensive. Das afghanische Verteidigungsministerium teilte mit, Tausende Soldaten seien in den Süden des Landes verlegt worden.

Ahmad Wali Karzai, Chef des lokalen Parlaments in Kandahar und Bruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, sprach auf einer Pressekonferenz in Kandahar ebenfalls ausschließlich von Erfolgen. Unter den 25 getöteten Taliban sei auch ein wichtiger Kommandeur der Aufständischen gewesen, so Karzai. Schon am ersten Tag der Operation seien fünf der rund zehn eingenommenen Ortschaften zurückerobert worden, sagte Karzai. Den Namen des angeblich getöteten Kommandeurs gab er mit Mullah Shokor an.

Taliban kündigen neue Anschläge an

Die Taliban ließen die Angaben durch ihren Sprecher Kari Youssuf Ahmadi umgehend dementieren. "Keiner unserer Mudschahidin wurde getötet, vielmehr haben wir der afghanischen Armee und den Kanadiern Verluste zugefügt", behauptete Ahmadi in einem Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unsere Kämpfer berichten mir von vielen getöteten Feinden, besonders die befreiten Brüder aus dem Gefängnis in Kandahar sind hoch motiviert, weitere Soldaten zu töten", so Ahmadi. Er sprach auch von Angriffen, bei denen Armeefahrzeuge erbeutet wurden.

Bisher ist es unmöglich, die Angaben beider Seiten zu verifizieren. Neben einigen lokalen Reportern haben fast alle Einwohner das Gebiet seit dem Einmarsch der Taliban verlassen. General Amenullah Pattyanie, nach eigenen Angaben an der Frontlinie der Kämpfe, sagte SPIEGEL ONLINE am Telefon, die Angaben der Taliban seien falsch. "Wir töten die Feinde, nicht sie uns", so der General. Die Operation soll nach seinen Worten noch drei Tage andauern. "Wir werden die Taliban vertreiben", kündigte der General optimistisch an.

Testfall für Hamid Karzai

Ein Taliban-Sprecher dagegen kündigte vollmundig neue Anschläge und Attacken der Kämpfer an. Konkret habe man mehrere Teams von am vergangenen Freitag befreiten Mudschahidin nach Kandahar entsandt, um dort erneut zuzuschlagen. Am späten Freitagabend hatten die Taliban mit einer kommandoartig geplanten Aktion das Tor des Gefängnisses der südafghanischen Stadt gesprengt und Hunderte Insassen befreit. Der Angriff gilt als Symbol für die instabile Sicherheitslage im Süden Afghanistans.

Die Einnahme der Region nördlich von Kandahar wird in westlichen Militärkreisen als bewusste Provokation der Taliban gesehen, mit der sie Stärke beweisen wollen. Für die Regierung von Hamid Karzai ist die nun angelaufene Operation gerade deshalb so wichtig. Gelingt der afghanischen Armee die Vertreibung der Taliban, wäre dies zumindest ein Beweis von Handlungsfähigkeit, auch wenn die Armee lediglich reagiert, statt dauerhaft für die Sicherheit in der Region sorgen zu können. Misslingt das Vorhaben, steht Karzai schwächer denn je da.

Matthias Gebauer, Shoib Najafizada



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