Regime am Ende "Bagdad ist gefallen"

Amerikanische Panzer stehen vor dem Hotel "Palestine" in Bagdad, US-Soldaten werden teils mit Jubel begrüßt, Statuen von Saddam Hussein gestürzt. Das Regime von Saddam Hussein ist offenbar Geschichte. Gleichzeitig bricht in der gesamten Hauptstadt das Chaos aus. Überall sind Plünderer unterwegs. Das US-Zentralkommando warnt jedoch: Der Krieg ist noch nicht vorbei.




Saddam fällt: Mit Hilfe von US-Soldaten haben Iraker eine Säule ihres bisherigen Diktators niedergerissen
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Saddam fällt: Mit Hilfe von US-Soldaten haben Iraker eine Säule ihres bisherigen Diktators niedergerissen

Bagdad - Das Regime des irakischen Präsidenten Saddam wurde nach einem Vierteljahrhundert Herrschaft auch symbolisch gestürzt. Mit der Hilfe von US-Marines wurde vor dem Journalisten-Hotel "Palestine" auf dem Firdus-Platz im Zentrum Bagdads eine große Metallstatue Saddams vom Sockel gerissen. US-Soldaten hatten zuvor das Gesicht Saddams zuerst mit einer US-Flagge und danach mit einer irakischen Fahne bedeckt. Eine begeisterte Menschenmenge führte Freudentänze auf.

Nach Agenturberichten breiten sich die Plünderungen indes von dem Stadtviertel Saddam-Stadt immer weiter auch auf andere Teile Bagdads aus. Dies berichtete ein Reporter des britischen ITN-Fernsehens. Die öffentliche Ordnung sei völlig zusammengebrochen, erklärte er nach einer Rundfahrt durch die Stadt. Die Menschen trugen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, aus verlassenen Gebäuden heraus. Gestürmt wurden unter anderem die Zentrale der Verkehrspolizei, das Büro des Olympia-Komitees, Lagerhäuser des Handelsministeriums und die Zentrale der staatlichen Ölhandelsgesellschaft. Ungehindert von irakischen Sicherheitskräften zogen die Plünderer mit Computern, Fernsehgeräten, Möbeln und anderen Geräten davon.

Blumen für die Amerikaner
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Blumen für die Amerikaner

US-Soldaten hatten im letzten Moment verhindert, dass Plünderer mit Fahrzeugen der Uno-Waffeninspektoren davonfuhren. Die weißen und klar gekennzeichneten Fahrzeuge sind von den Inspektoren bis kurz vor Kriegsbeginn benutzt und dann zurückgelassen worden. Der Reporter berichtete, einige Plünderer seien bewaffnet. Er habe beobachtet, wie einer im Streit um ein Möbelstück einen anderen erschossen habe. Nach Einschätzung des Journalisten haben die amerikanischen Streitkräfte inzwischen rund 15 Quadratkilometer der Fünf-Millionen-Stadt unter ihrer Kontrolle. Sie stießen kaum noch auf Widerstand.

"Es ist als ob irakische Panzer die Fifth Avenue rauffahren"

US-Panzer erreichten das Hotel "Palestine" im Zentrum von Bagdad erreicht, von wo aus Journalisten aus aller Welt seit Kriegsbeginn über die Lage in der irakischen Hauptstadt berichten. Ein Dutzend und mehr Panzer vom Typ "Abrams" seien bis vor das Hotel gerollt, ohne dass ein Schuss abgefeuert worden sei. "Es ist als ob irakische Panzer die Fifth Avenue in New York oder den Picadilly Cirkus in London rauffahren", sagte Reuters-Korrespondent Khaled Yacoub Oweis, der im Hotel ist. "Bagdad ist gefallen."

Iraker reißen ein Plakat Saddam Husseins herunter
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Iraker reißen ein Plakat Saddam Husseins herunter

Wie viele Einwohner seit dem ersten amerikanischen Vorstoß in die Hauptstadt vom Samstag ums Leben gekommen sind, ist unbekannt. Zahllose Menschen wurden in Krankenhäuser eingeliefert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte, dass die Kliniken kaum noch das erforderliche Material hätten, um Wirbelsäulenbrüche, Verbrennungen und Schrapnell-Wunden zu behandeln.

Das US-Zentralkommando warnte jedoch vor voreiliger Siegesfreude angesichts der Jubelszenen in Teilen der irakischen Hauptstadt Bagdads. Die Militäraktionen liefen weiter nach Plan, die Fortschritte seien erheblich, und das Bagdader Regime befinde sich im Chaos, sagte General Vincent Brooks vor Journalisten in Katar. Aber der Krieg sei damit noch nicht vorbei. "Es gibt noch viel zu tun", erklärte Brooks.

Zu den Plünderungen jubilierender Iraker in Bagdad und Basra sagte Brooks, die USA erwarteten, dass sich die Situation nach und nach beruhigen werde. Die Menschen freuten sich über ihre Befreiung, "und eine Menge Energie wird bei ihnen frei gesetzt".

Regime offenbar völlig zusammengebrochen

In Bagdad deutet alles auf einen völligen Zusammenbruch des Regimes von Saddam Hussein hin. Auf den Straßen sind weder irakische Militärs zu sehen noch zivile Vertreter der Staatsmacht. Nach Angaben von Augenzeugen stieß das US-Militär lediglich vereinzelt auf Widerstand. Im Osten der Stadt gebe es noch "Probleme mit Heckenschützen", hieß es.

Auch die britische Regierung sprach von deutlichen Zeichen für einen Zusammenbruch der Befehlsstrukturen des irakischen Regimes. Die Fernsehbilder aus Bagdad "sprechen eine deutliche Sprache", erklärte heute das Büro von Premierminister Tony Blair. Zugleich äußerte die Regierung in London aber auch die Einschätzung, dass der Widerstand der Anhänger von Saddam Hussein noch nicht bezwungen ist. Die zu erwartenden Kämpfe könnten noch hartnäckig und heftig sein.

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Der arabische Fernsehsender al-Dschasira zeigte Bilder von einem Schusswechsel in der zentralen al-Raschid-Straße. Es sei jedoch nicht klar, ob es sich nicht eventuell um Kämpfe zwischen bewaffneten Bürgern und irakischen Polizisten handele. Mehrere arabische und amerikanische TV-Sender strahlten Bilder von Hunderten von Menschen im Nordosten der Hauptstadt aus, die riefen: "Saddam ist der Feind Gottes". Andere skandierten: "Wir sind mit den Amerikanern." Bilder des Machthabers wurden heruntergerissen.

Iraker begrüßen einmarschierende US-Soldaten in Bagdad
DPA

Iraker begrüßen einmarschierende US-Soldaten in Bagdad

Ausländische Journalisten konnten erstmals ohne jede staatliche Überwachung berichten. Ein Korrespondent der britischen BBC berichtete, das staatliche Kontrollsystem sei völlig zusammengebrochen. Der irakische Informationsminister Mohammed Saïd al-Sahhaf tauchte nicht mehr auf. Das Schicksal von Saddam Hussein selbst bleibt weiter ungewiss, nachdem am Montag ein Haus bombardiert worden war, in dem sich der Machthaber aufgehalten haben soll.

Die amerikanischen Bodentruppen weiteten ihre Präsenz in der Fünf- Millionen-Stadt unterdessen weiter aus. CNN zitierte einen hohen Militär, der die Verdoppelung der Truppenzahl in den kommenden 48 Stunden ankündigte. Bisher ist nach US-Angaben eine gepanzerte Infanteriebrigade in der Stadt. Das sind etwas mehr als 2000 Mann.

Saddams Schicksal ungewiss

Über das Schicksal des irakischen Staatschefs Saddam Hussein lagen keine Informationen vor. Einen zweiten gezielten Bombenangriff der US-Streitkräfte hat er nach Informationen aus Geheimdienstkreisen offenbar überlebt.

Russische Diplomaten dementierten Medienberichte, der gestürzte irakische Präsident Saddam Hussein habe sich in die russische Botschaft in Bagdad geflüchtet. "Das ist kompletter Unsinn", sagte ein Mitarbeiter des Außenministeriums in Moskau der Agentur Interfax zu den angeblichen Berichten arabischer und westlicher Medien. Bis auf eine Notbesetzung hat Russland seine Diplomaten aus der Botschaft in Bagdad abgezogen.

Das US-Oberkommando berichtete von Luftangriffen auf Einheiten der Adnan-Division der Republikanischen Garde bei Tikrit, 150 Kilometer nördlich von Bagdad. US-Spezialeinheiten lieferten sich dort heftige Kämpfe mit irakischen Truppen. Tikrit ist die Geburtsstadt von Saddam Hussein und gilt als Hochburg seiner Anhänger.

Auch um Mossul, dem Zentrum der irakischen Ölindustrie im Norden, wurde am Mittwoch heftig gekämpft. US-Spezialeinheiten nahmen zusammen mit kurdischen Kämpfern eine Gebirgsregion nordöstlich von Mossul ein. Der Sprecher der Demokratischen Partei Kurdistans, Hoschjar Sebari, sprach von den bisher wichtigsten Geländegewinnen für die Kurden. Sebari erklärte, die kurdischen Kämpfer stimmten ihr weiteres Vorgehen mit dem Pentagon ab.

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