Regionalwahl Nach dem Schock gehen mehr Franzosen wählen

In Frankreich läuft die entscheidende Runde der Regionalwahl. Die große Frage: Folgt Teil zwei von "Le Choc?" Kann der rechtsextreme FN eine der Regionen erobern? Auf jeden Fall ist die Wahlbeteiligung höher als vergangene Woche.


In Frankreich wird ein knappes Ergebnis bei der zweiten Runde der Regionalwahlen erwartet. Offen ist, ob der fremdenfeindliche Front National (FN) erstmals die Spitzenposten in einigen Regionen erobern kann. Aus der ersten Runde war die von Marine Le Pen geführte Anti-Europa-Partei in sechs der 13 Verwaltungseinheiten als Siegerin hervorgegangen.

Offenbar beteiligen sich an dieser zweiten Runde mehr Wähler als in der vergangenen Woche. Bis zum Mittag zog es knapp 19,6 Prozent der rund 45 Millionen Stimmberechtigten ins Wahllokal. In der ersten Runde waren es zu diesem Zeitpunkt 16,3 Prozent. Vor allem die Linken trommelten in den letzten Tagen zur Mobilisierung ihrer frustrierten Genossen. Die Regionalwahlen sind die letzte landesweite Entscheidung vor der Präsidentschaftswahl 2017.

Im ersten Durchgang hat keiner der Kandidaten die Mehrheit erreicht. Beim zweiten Votum entscheidet nun die höchste Stimmenzahl. Das führte zu Listen-Fusionen im linken wie im rechten Lager.

Präsident François Hollande stimmte in seinem Wahlkreis in der zentralfranzösischen Stadt Tulle ab. FN-Chefin Le Pen ging in der nordfranzösischen Stadt Hénin-Beaumont zur Wahl.

In der ersten Runde hatte die FN mit 27,7 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis erzielt - vor den Konservativen um Ex-Präsident Nicolas Sarkozy (26,7) und dem Bündnis der regierenden Sozialisten von Staatschef Hollande (23,1).

Drei Siegchancen für den FN

Um den Rechtsextremen den Weg an die Spitze zu verbauen, zogen die Sozialisten nach dem "Schock" vom vergangenen Sonntag aussichtslose Kandidaten zurück. In Nord-Pas-de-Calais-Picardie, wo die FN-Chefin Le Pen vergangenen Sonntag mit 40,6 Prozent klar vorn lag, sehen Umfragen nach dem Rückzug des sozialistischen Kandidaten den Republikaner Xavier Bertrand rund sechs Punkte vor Le Pen.

In der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur hatte die 26-jährige Marion Maréchal-Le Pen, Nichte der Parteichefin, ebenfalls mit knapp 41 Prozent gewonnen. In Umfragen rangiert sie nun zwei bis acht Punkte hinter dem Kandidaten der Konservativen, Christian Estrosi. Auch in dieser Region hatte der sozialistische Kandidat den Weg für eine Mehrheit gegen die FN durch einen Verzicht freigemacht.

In der Grenzregion zu Deutschland verweigerte dies der Sozialist Jean-Pierre Masseret. In Umfragen führt dennoch der Konservative Philippe Richert mit 43 Prozent zwei Punkte vor FN-Vize Florian Philippot, der vergangenen Sonntag noch an der Spitze gelegen hatte.

In anderen Regionen dürften Sozialisten, die von Grünen und anderen Linksparteien unterstützt werden, und der bürgerliche Block unter den Republikanern laut Umfragen das Rennen jeweils unter sich ausmachen.

ler/Reuters/dpa

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licorne 13.12.2015
1. Spieglei, Spieglein an der Wand..
Kaffeesatz: ich denke, beim ersten Wahlgang hat der Front National seine Wähler schon mehr mobilisiert als die anderen Parteien. Vielleicht kommen die jetzt mehr in die Gänge. Im allgemeinen ist dieses System mit 2 Wahlgängen sehr unbefriedigend, da beim 2. Wahlgang mit taktischen Winkelzügen versucht werden kann, den Ausgang zu beeinflussen und Gegner auszutricksen.
bartsimpsen 13.12.2015
2. Madame Le Pen vs. Frau Merkel
Wie heute Abend die zweite Runde der Regionalwahlen in Frankreich ausgesehen werden, bleibt erst einmal ein Geheimnis. Wenn es der Front National unter Marine Le Pen schaffen sollte, 3 - 4 Regionen zu erobern, dann wäre das ein gigantischer Erfolg. Dagegen wären zwei gewonnene Regionen - ein großer Erfolg. Viele Kommentatoren, die vor Marine Le Pen und ihrem FN warnen, tun dies aus folgenden Gründen: Frau Le Pen ist leidenschaftlich, rhetorisch überzeugend, intelligent und angriffslustig. In diesen Disziplinen macht ihr keiner etwas vor oder nach. Ihre Politik ist ausschließlich auf die Belange der eigenen Bevölkerung zugeschnitten. Davor fürchtet sich auch Angela Merkel. Denn, wenn Le Pen heute Abend der große Gewinner sein sollte, dann hat BK Merkel eine neue Mitspielerin bzw. Gegnerin in der politischen Arena. Präsident Hollande wird dann, in den letzten 17 Monaten seiner Amtszeit, nur noch das fünfte Rad in Frankreich und in der EU spielen können. Tja, wenn der Wähler die Wahl hat, dann läßt er viele Politiker und Medien alt aussehen. Oder, um es mit den Worten des ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill zu sagen: "Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen."
amdorf 13.12.2015
3. Warten wir es ab
Wenn in einer Demokratie die stärkste Partei nicht gewinnt, stimmt doch irgend etwas nicht. Für mich ist es keine Demokratie, wenn man mit Tricks ein Wahlergenis manipulieren kann.
Sonia 13.12.2015
4. Nachdenken
egal, wie es ausgeht; es lohnt sich, mal zu hinterfragen, watum in einer gut bürgetlichen, nicht armen Region, Frankreichs, was Alpes de Cote Azur ist, so hohe Werte von FN erzielt werden konnten. Ich kenne diese Region gut; dort schaut nicht das auch in Frankreich vorhandene wirkliche Elend aus allen Ritzen. Was sich dort aber veränderte: Steigende Kriminalität, Verschmutzungen, Müll an den Stränden, Überfãlle, viele Alte wagen sich abends nicht mehr raus, Kinder nicht mehr allein zur Schule, Flüchtlinge Tag u. Nacht an den Stränden, Polizei hilflos. FN wird diese Probleme, die vor allem auf den schlimmen sozialen Zuständen basieren, nicht ändern. FN hat teilweise võllig absurde wirtschaftliche Vorstellungen, die noch linker sind als die linker Parteien, die die Wirtschaft abwürgen.
ditor 13.12.2015
5. Schock
Warum sollte der erste Wahlgang für Franzosen ein Schock gewesen sein? Die werden doch ein bisschen die Grundstimmung im Lande kennen und es ist nicht gerade so als ob die FN gerade erst aus dem Nichts gekommen wäre.
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