Religion und Europawahl Polens Kampf um die Kirche

Ein erschütternder Dokumentarfilm, Priester, die ihre Missbrauchsopfer um Vergebung anflehen: In der Schlussphase dominiert die Kirche den Europawahlkampf in Polen. Trennen lassen sich Religion und Politik kaum.

Katholische Kirche in Stary Lichen, Zentralpolen
Kacper Pempel/REUTERS

Katholische Kirche in Stary Lichen, Zentralpolen

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Der Täter schleicht mit winzigen Schritten durch seine Wohnung, er trägt Filzpantoffeln. Er streitet die Vorwürfe nicht ab. Im Gegenteil, er sagt: "Ich hätte das niemals tun dürfen." Früher war der Mann Priester, heute ist er nur noch ein gebrochener Greis, der weinend um Vergebung fleht: "Darf ich Ihre Hand küssen?"

Es ist eine versteckte Kamera, die diese Bilder liefert. Vor dem Geistlichen in Rente sitzt eine Frau, 39 Jahre alt. Sie ist gekommen, nach Jahrzehnten, um ihren Peiniger zu stellen. Der Mann hat sie als Kind begrapscht, hat sie gezwungen, ihn mit den Händen zu befriedigen: "Du warst so ein höfliches Mädchen", stammelt er.

"Das hat Spuren in meinem ganzen Leben hinterlassen", sagt sie, steht auf und lässt ihn mit seiner Schuld allein.

Diese Szene stammt aus dem Dokumentarfilm "Tylko nie mow nikomu" - "Sag es niemandem", der bei YouTube zu sehen ist. Mehr als 20 Millionen Mal wurde er dort abgerufen, das ist eine gewaltige Quote bei 38 Millionen Menschen in der polnischen Bevölkerung. Der Film hat eine schon lange schwelende Debatte über die katholische Kirche und ihre Rolle in der Gesellschaft aufgeheizt. Sie hat nur Tage vor der Europawahl auch die Politik erfasst. Für die regierende nationalkonservative PiS-Partei ist die Kirche noch immer Bewahrerin der nationalen Idee, für die liberale und linke Opposition ein Verein von Greisen mit zweifelhaften Absichten.

Für "Sag es niemandem" haben die Brüder Tomasz und Marek Sekielski mehrere Missbrauchsopfer heimlich mit der Kamera begleitet. Sie sind dabei, wenn die Täter herumdrucksen, herunterspielen, sich freikaufen wollen - und die Opfer am Starrsinn der Kirche verzweifeln. Anwälte, einer von ihnen selber Missbrauchsopfer, schildern, wie die Geistlichkeit mauert.

Aktivisten reißen in einer kalten Februarnacht das Denkmal des Priesters Henryk Jankowski in Danzig um. Der 2010 Verstorbene war zwar Kaplan der legendären Gewerkschaft Solidarnosc. Er steht aber auch seit Jahren im Verdacht, Ministranten belästigt zu haben. Genauso wie Franciszek Cybula, der einst Beichtvater des Friedensnobelpreisträgers, Solidarnosc-Führers und Präsidenten Lech Walesa war.

Ein "marginales Problem"

Eine Psychologin erklärt, dass es sich bei den Tätern keineswegs um Pädophilie im klinischen Sinn handle. Diese Männer seien eigentlich nicht auf Kinder fixiert, hätten aber durch das Zölibat keine Chance, ihre Sexualität auszuleben. "Daher werden Kinder, die Schwächsten, ihre Opfer." Zwischen 1990 und 2018 seien bei der Kirche 382 Fälle von Missbrauch durch Geistliche gemeldet worden. Doch schätzen Experten die Dunkelziffer viel höher ein.

Der Streit um den Film entzweit nun die polnische Kirche selbst. So sagt einerseits Primas Wojciech Polak, der Film verursache "Schmerz": "Niemand kann sagen, dass es nicht zu solchen Fällen kommt. Das ist keine Attacke auf die Kirche, sondern das Gegenteil." Jetzt müsse die Kirche endlich aktiv gegen sexuellen Missbrauch vorgehen.

Doch ein erheblicher Teil des Klerus hält es mit dem konservativen Erzbischof Stanislaw Gadecki, der sagt: Das Ganze sei ein "marginales Problem". "Die Parole von Pädophilie in der Kirche" diene allein dazu, die Autorität der Kirche zu untergraben.

Zwar bekennen sich 92 Prozent der Polen katholisch, doch gehen nur noch 40 Prozent von ihnen in die Kirche. Nirgendwo, so hat eine Studie des Pew Research Centers festgestellt, schwindet die Religiosität derzeit so schnell wie in Polen. Der Klerus genießt einen schlechten Ruf, als reich, ein wenig aus der Welt gefallen, gar bigott, eine Truppe alter Männer, die von der Wirklichkeit im Boomland Polen nichts verstehen - und trotzdem sogar in den Betten mitreden wollten.

Die Empörung über die Geistlichkeit schürte zusätzlich im vergangenen September der Spielfilm "Kler", Klerus. Er zeigt das Schicksal dreier Priester. Der eine bricht das Zölibat mit seiner Haushälterin, der zweite will es in den Vatikan schaffen und missbraucht Ministranten, der dritte wurde selber als Kind von einem Geistlichen belästigt.

Der katholische Glaube ist zentraler Bestandteil des Polentums

Kein Wunder also, dass nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pollster eine Mehrheit der Befragten fordert, das polnische Episkopat möge doch geschlossen zurücktreten. Die Krise der Kirche hat längst auch die Politik erreicht, denn sie ist eng verbunden mit Identitätsfragen: Was für ein Polen wollen wir?

Der katholische Glaube ist in nationalistischer Sicht zentraler Bestandteil des Polentums, die katholische Kirche gilt als dessen Bewahrerin. Denn in der Zeit der Teilungen, unter den Nazis und den Kommunisten, sei sie es gewesen, die den Glauben an nationale Unabhängigkeit aufrecht gehalten habe. Wer für die PiS stimmt, stimmt also auch für die altehrwürdige Institution der Kirche. Jaroslaw Kaczynski, Führer der regierenden Rechten, sagt: "Wer die Hand an die Kirche legt, legt seine Hand an Polen."

Jaroslaw Kaczynski
WOJCIECH OLKUSNIK/EPA-EFE/REX

Jaroslaw Kaczynski

Für die linke und liberale Opposition dagegen ist die katholische Kirche ein Hort der Reaktion: schwulen- und lesbenfeindlich, gegen die Gleichberechtigung der Frau und im Zweifel auch gegen Europa. Sie unterstellt, dass sich PiS und Klerus untergehakt hätten. Für politische Unterstützung von der Kanzel erhalte die Kirche Zuschüsse und Privilegien. Wer für die Linken und Liberalen stimmt, bekennt sich - so die Lesart - also zu einem modernen Polen.

Robert Biedron, linksliberal und schwul, fordert die Kirche mit seiner Bewegung "Frühling" direkt heraus. Er will Steuer- und andere geldwerte Vorteile des Klerus beseitigen. Und Grzegorz Schetyna, Führer der liberalen "Europäischen Koalition", entgegnet Kaczynski: "Wer seine Hand an unsere Kinder legt, legt seine Hand an Polen."



insgesamt 21 Beiträge
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Pascal Meister 25.05.2019
1. Endlich...
Wenn auch unter negativen Vorzeichen, ist es aus säkularer Sicht sehr zu begrüssen, wenn ein so religionsdurchdrungenes Land wie Polen aufwacht. Und die Trennung von Staat und Religion in Ansätzen absehbar wird. Und ja, liebe Bayern, euer friedliches Land wird auch noch aufwachen. Was zum Beispiel in eurem Schulgesetz zur Religion steht, geht für einen aufgeklärten Menschen unter keine Kuhhaut.
luciusvoldemort 25.05.2019
2. Leider habe ich den Film nicht mit deutschen Untertiteln
gefunden, habe mir die Version mit spanischen Untertiteln angesehen. Es ist einfach unglaublich was da abgeht. Und das Besondere ist, wir hatten hier in der Dominikanischen Republik auch einige polnische Kirchenwürdenträger die sich als Kinderschänder entpuppten. Als es kurz vor einer Anklage vor hiesigen Gerichten kam, wurde die Typen einfach per kirchlichen Befehl zuerst nach Rom berufen und dann anderenorts wieder eingesetzt. ZITAT:"Der Vatikan hat seinen Botschafter in der Dominikanischen Republik nach Missbrauchsvorwürfen abberufen. Papst Franziskus habe den polnischen Erzbischof Josef Wesolowski persönlich von seinen Aufgaben entbunden." Er hat die kinder mit Süssigkeiten bezahlt um bei ihm zu masturbieren. Oder der hier Zitat: "Mutmaßlicher pädophiler Priester in Polen aufgespürt. Geistlicher wurde auf Betreiben der Dominikanischen Republik von Interpol gesucht! Warschau/Vatikanstadt - Die polnische Polizei hat den von Interpol gesuchten Priester Wojciech G. im Haus seiner Eltern in der Nähe von Krakau angetroffen, berichtete am Mittwoch die Zeitung "Super Express". Ein Polizeisprecher bestätigte das gegenüber dem Fernsehsender TVN24. G. soll in der Dominikanischen Republik regelmäßig Buben missbraucht und diese auch auf Reisen nach Italien und Polen mitgenommen haben." Und so gibt es noch mehrere, und eigenartigerweise immer wieder polnische Priester. Man kann von der Dominikanischen Republik halten was man will, gerade auf SEX bezogen, aber Kinderschänder werden hier verfolgt und wenn es sich um Ausländer handelt über die Grenzen hinaus bis in die Heimatländer. Und das allerschönste ist, hier stehen sie in der Zeitung mit Abbild und dem Wohnsitz und der Pass bzw. Cedula Nummer (Personalausweis). Lucius
Schartin Mulz 25.05.2019
3. Die Kombination
von Kirche und Macht bringt nie etwas gutes hervor. Weder für den Staat noch für die Kirche. Deshalb war die Kirche auch stark im Ostblock, als sie quasi in der Opposition war. Aus dem NT lässt sich kein Konservatismus ableiten. Im Gegenteil.
babbi7 25.05.2019
4. Nicht vrrwunderlich!
Ich finde, wer freiwillig auf absolut menschliche Bedürfnisse verzichtet, nämlich körperliche Nähe zu anderen erwachsenen Menschen, egal ob Mann oder Frau, das ist jedem selbst überlassen, mit dem stimmt etwas nicht. Früher oder später gewinnen die Triebe. Wer hatte nur duese verrückte Idee mit diesem Zölibat. Dann dich lieber vier Frauen, als keine Frau und viele Kinder! Ironie: AUS!
Ontologix II 25.05.2019
5. Die Bedeutung der katholischen Kirche ...
... wird in Polen noch weiter abnehmen. Im Kommunismus diente sie als Hort der Opposition gegen die Diktatur. Dieses Motiv fällt nun weg, und die jungen Polen werden so normal und weltlich wie die im Rest Europas. Dass sich der Zölibat nicht mehr lange halten lässt, ist ohnehin absehbar.
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