Rennen ums Weiße Haus Obamas Wahlkampf spaltet Demokraten

Die Konservativen muss Barack Obama derzeit weniger fürchten als seine eigene Partei: Bis jetzt hat der Senator es versäumt, alle Demokraten von seinen präsidialen Fähigkeiten zu überzeugen. Dabei sind die Clinton-Anhänger noch seine harmlosesten Gegner.

Von Gabor Steingart, Washington


Washington - Heute Abend beginnt in Denver der Parteitag der Demokraten. Sie werden viel von "Einheit" sprechen, obwohl unter ihnen Zwietracht herrscht. Man wird einander beklatschen und umarmen, obwohl die eine den anderen lieber auf dem Mond als im Weißen Haus sähe.

Wenn man genau hinsieht, gibt es auch nicht die eine demokratische Partei. Es gibt derzeit mindestens drei davon.

Da ist zunächst die Partei des Barack Obama, die in Denver über wenig mehr als die Hälfte der Delegierten verfügt. 2118 Delegierte braucht man, um als Kandidat für das Weiße Haus nominiert zu werden, 2229 Delegierte hat er sich nach Rechnung der seriösen Web-Seite realclearpolitics.com in den Vorwahlen gesichert.

Die Obama-Demokraten sind eine Koalition bestehend aus den Jungen in der Partei, den Größen des Showbusiness und einigen alten Hasen der Clinton-Ära wie der ehemalige Arbeitsminister Robert Reich. Die Jungen setzen auf einen politischen Neuanfang, das Showbiz setzt auf die Jungen, und die alten Clinton-Leute erhoffen sich an der Seite des 47-jährigen Senators einen zweiten politischen Frühling. Barack Obama ist ihr Trophy-Weib.

Den Obama-Demokraten stehen die Clinton-Demokraten gegenüber. Sie verfügen über 1896 Delegierte, die ebenfalls für rund 18 Millionen Wähler stehen.

Die Clinton-Demokraten wollen auf dem Parteitag ein weithin sichtbares Zeichen ihrer Stärke setzen. Nicht nur das zwei Abende praktisch für sie reserviert sind; Hillary Clinton hält am Dienstagabend eine Grundsatzrede, Bill Clinton spricht am Mittwochabend.

Zusätzlich darf vor laufenden TV-Kameras ein Delegierten-Votum über den Präsidentschaftskandidaten Obama herbeigeführt werden, bei dem die Clinton-Delegierten noch einmal demonstrativ für ihre Vorfrau stimmen würden. Die Chefin ist allerdings frei, ihre Truppenteile auch ohne diese Abstimmung an den neuen Heerführer zu übergeben.

Dieses Verfahren hat sie ihm abgerungen, womöglich nur deshalb, um davon keinen Gebrauch zu machen. Es diene, so beteuert sie, der Einheit der Partei. In Wahrheit aber dient es dazu, die Obama-Demokraten zu demütigen. Die Botschaft lautet: Obama hat gewonnen, aber nicht gesiegt. Er ist der Kandidat, aber nicht der von allen.

Als ob die Gegnerschaft zwischen ihr und ihm nicht schon ausreichen würde, hat sich in den vergangenen Wochen eine dritte Gruppe gebildet. Deren Konturen sind weniger klar gezeichnet, sie verfügt nicht mal über einen Sprecher, obwohl gerade diese Gruppierung die Stimmung des Parteitages dominierten könnte. Es ist die Fraktion der Zweifler.

Diese Demokraten haben mit der Clinton-Vergangenheit vorerst abgeschlossen, sind aber auf dem Weg in die Obama-Zukunft ins Grübeln geraten. Ist ihr Mann politisch stark genug? Wirkte er nicht in der Georgien-Krise genau so unbedarft, wie es seine Gegner immer behauptet hatten? Warum findet er in Zeiten der Globalisierung nicht die richtigen und das heißt die einfachen Worte, um die Arbeiter von sich zu überzeugen? Ist er überhaupt ein richtiger Politiker - oder doch eher ein politischer Poet?

Die Zweifler haben Zulauf in diesen Tagen. Sie verfolgen den Kandidaten nicht mit Aggression, aber mit Argwohn. Ihr Herz schlägt für Obama, ihr Verstand aber sendet in zunehmender Frequenz andere Signale.

Die Wechselwähler, die man braucht um die Präsidentschaft zu gewinnen, verhalten sich ausweislich aller Umfragen eher apathisch. Auch Arbeiter, ältere Menschen und Frauen springen auf Obama nicht so recht an. Bei den Frauen verfügt er nach jüngsten Umfragen nur über einen Vorsprung von zwei Prozent, derweil demokratische Siegertypen wie Bill Clinton hier immer zweistellig absahnen konnten. Die Bitternis über die Niederlage der Hillary Clinton wirkt offenbar nach und könnte durchaus die Wahl entscheiden. Erst recht wenn McCain nun mit einer Frau als Vizepräsidentschaftskandidatin kontert.

Die Zweifler unter den Delegierten schauen nicht nur auf Volkes Stimmung. Sie schauen vor allem auf die voraussichtliche Zusammensetzung der Wahlmännerversammlung - das ist jenes Gremium, das nach dem Wahltag am 4. November den Präsidenten kürt. Da in Amerika das Mehrheitswahlrecht gilt, bringt ein gewonnener Bundesstaat die seiner Größe entsprechende Zahl an Wahlmännern. Wer einen Bundesstaat knapp verliert, geht bei der Jagd nach Wahlmännern leer aus. Seine Stimmen entfallen (Ausnahmen in den Bundesstaaten Maine und Nebraska).

270 Wahlmänner braucht man, um die Präsidentenwahl zu gewinnen. Bill Clinton hatte beim ersten Mal, das war im Jahr 1992, 370 Wahlmänner auf seiner Seite. Vier Jahre später waren es 379. So sehen Wahlsiege aus. Obama aber bringt es derzeit gemäß der Hochrechnung von realclearpolitics.com nur auf 228 Wahlmänner, wobei selbst die für ihn wackeligen Stimmen mitgezählt wurden.

Es wird immer deutlicher, das Obama-Fieber hat eben nicht ganz Amerika angesteckt, sondern Teile der Demokratischen Partei, die Mehrheit der US-Medien - und zwei Drittel der Deutschen. Die Wahlen aber werden da gewonnen, wo es politisch unkorrekt zugeht, wo Amerika am amerikanischsten und damit am undeutschesten ist, wo man große Autos fährt, Waffen trägt, die Todesstrafe als unverzichtbar betrachtet - und wo am Eingang des Supermarkts steht: Wir unterstützen unsere Truppen.

Die Zweifler unter den demokratischen Delegierten zweifeln nicht so sehr an der Fähigkeit Obamas, Präsident sein zu können. Aber sie zweifeln an der Bereitschaft der Amerikaner, den Rechtsgelehrten von der Harvard Law School als ihren Führer zu akzeptieren.

Sie wollen deshalb in Denver einen anderen Obama hören als den, den seine Anhänger so lieben. Sie erwarten, dass der Kandidat seine Botschaft von "Hoffnung" und "Wechsel" endlich in Alltagssprache übersetzt. Sie wollen, dass er aufhört nur von sich, seiner Mutter, seinem Vater und der Kindheit in Übersee zu sprechen. Sie wollen, dass er sich mit dem Herausforderer John McCain beschäftigt, nicht blumig, sondern deutlich.

Die Angriffe der Konservativen muss Obama derzeit weniger fürchten als die drei geteilten Demokraten. Eine nervöse Partei ist eine gefährliche Partei. Schwindende Siegeszuversicht war oft schon der Vorbote der Niederlage. Die Clinton-Demokraten lauern nur darauf, mit den Zweiflern eine Koalition zu bilden - für die Zeit nach Obama.

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