Rentenproteste in Frankreich Demonstranten blockieren Flughafen von Marseille

Blockierte Benzindepots, Flughäfen, Autobahnen: In Frankreich ignorieren wütende Demonstranten die Warnungen von Präsident Sarkozy. Sie spielen Katz und Maus mit der Polizei, die Regierung gerät immer stärker unter Druck.

AFP

Paris - Präsident Nicolas Sarkozy kündigte ein hartes Vorgehen der Polizei an - doch die Proteste gegen seine geplante Rentenreform gehen weiter. Am Donnerstagmorgen blockierten Demonstranten den Zugang zum Flughafen von Marseille. Zahlreiche Reisende mussten ihre Autos am Straßenrand stehen lassen, um zu Fuß zum Airport zu gelangen. Flüge wurde zunächst nicht gestrichen.

Auch zahlreiche Schulen und Universitäten sind nach wie vor von Protestaktionen betroffen, in der Gegend von Le Havre sperrten Demonstranten eine Autobahn. Leichte Verbesserungen gab es im französischen Bahnverkehr, doch weiterhin fällt etwa jeder vierte Zug aus.

Nach Angaben des Umweltministeriums blockierten die Protestler weiterhin mindestens 14 Benzindepots. Sarkozy hatte am Mittwoch angekündigt, alle Blockaden brechen zu lassen - doch das ist offenbar leichter gesagt als getan. Die Demonstranten liefern sich Katz- und Mausspiele mit der Polizei und besetzen die Depots immer so lange, bis die Sicherheitskräfte auftauchen. Eines der wichtigsten Öllager in Rouen im Nordwesten des Landes sei in der Nacht befreit worden, sagte Industrieminister Christian Estrosi.

Wegen der Blockaden war es zu Engpässen an vielen Tankstellen gekommen. Es gebe allerdings eine "wirkliche, langsame Verbesserung", sagte Umweltminister Jean-Louis Borloo Donnerstagmorgen. Borloo war in die Kritik geraten, weil er die Schwierigkeiten bei der Benzinversorgung anfangs nicht richtig wiedergegeben hatte. "Er hat sich um eine Null vertan und von 300 statt von 3000 Tankstellen ohne Benzin gesprochen", schimpfte ein ungenannter Ministerkollege in der Tageszeitung "Figaro". Auch Innenminister Brice Hortefeux räumte ein, dass weiterhin Schwierigkeiten bei der Verteilung des Benzins bestünden. "Es gibt aber Reserven für mehrere Wochen", sagte er dem Sender Europe 1. Ein Viertel der Tankstellen habe kein Benzin, der Rest sei wenigstens teilweise versorgt. Schwierig sei nach wie vor die Lage im Großraum Paris.

Doch selbst wenn alle Depots wieder zugänglich sein sollten, ist das Versorgungsproblem noch nicht gelöst. Mittlerweile sind alle zwölf Raffinerien des Landes komplett heruntergefahren. Sie wieder in Betrieb zu setzen, dürfte allein aus technischen Gründen mehrere Tage dauern.

"Frankreich gehört nicht den Randalierern"

Die Massenproteste richten sich gegen die umstrittene Rentenreform Sarkozys. Demnach soll das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre angehoben werden. Der Senat will die Reform frühestens am Donnerstagabend und spätestens am Wochenende verabschieden.

Die Proteste waren in den vergangenen Tagen immer radikaler geworden. Allein am Mittwoch seien knapp 200 mutmaßliche Randalierer in Polizeigewahrsam gekommen, sagte Innenminister Hortefeux. Seit dem 12. Oktober wurden 1900 Menschen vorübergehend festgenommen, unter ihnen auch Minderjährige, die dem Jugendrichter vorgeführt wurden. "Frankreich gehört nicht den Randalierern. Einige nutzen Teile unseres Landes als Schlachtfeld, das ist so nicht hinnehmbar", so Hortefeux.

Die anhaltenden Streiks haben die Fluggesellschaft Air France-KLM bislang etwa 25 Millionen Euro gekostet. Das berichtete die Zeitung "La Tribune" unter Berufung auf einen Unternehmenssprecher. Jeder Streiktag mache etwa fünf Millionen Euro aus. Auf den Pariser Flughäfen Charles de Gaulle und Orly waren an den vergangenen Tagen zahlreiche Flüge gestrichen worden.

Auch das kulturelle Leben leidet unter den Protesten. Popstar Lady Gaga gab auf ihrer Homepage bekannt, dass zwei geplante Konzerte in Paris verschoben werden sollen - es sei nicht gesichert, dass die Lastwagen das nötige Equipment für die Show liefern können.

hut/dpa/AP



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