"Reporter ohne Grenzen" Lage der Pressefreiheit hat sich in Europa verschlechtert

Weltweit geraten Medienschaffende zunehmend unter Druck. Das zeigt die jährliche Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen". Demnach nahm auch in Deutschland die Zahl der Angriffe auf Journalisten zu.

Demonstrationen der Organisation "Reporter ohne Grenzen"
DPA

Demonstrationen der Organisation "Reporter ohne Grenzen"


Hetze, tätliche Angriffe, Morde: Journalisten arbeiten zunehmend in einem Klima der Angst - vor allem in Ländern, in denen sie sich bisher im weltweiten Vergleich eher sicher fühlen konnten. Das geht aus der jährlichen Rangliste der Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) hervor. "Zu den Regionen, in denen sich die Lage am stärksten verschlechtert hat, gehört Europa. Auch die USA sind auf der Rangliste nach unten gerutscht", schreibt ROG. Verantwortlich dafür macht die Organisation unter anderem systematische Hetze gegen Journalisten.

"Wer Journalistinnen und Journalisten pauschal zu Sündenböcken für gesellschaftliche Missstände macht, bereitet den Boden für Übergriffe, Attentate und sogar Morde", sagte ROG-Vorstandssprecherin Katja Gloger. Besonders in Ländern mit nationalistisch-populistischen Regierungen werde Hass gegen Journalisten häufig von ranghohen Politikern geschürt, heißt es in dem Bericht.

Mehrere europäische Staaten sind im Vergleich zum Vorjahr regelrecht abgestürzt:

  • Österreich verschlechterte sich um fünf Plätze und belegt nun Rang 16. Seit Rechtspopulisten an der Regierung beteiligt seien, hätten medienfeindliche Rhetorik und Drohungen gegen Medienschaffende stark zugenommen, heißt es in dem ROG-Bericht.
  • Der EU-Beitrittskandidat Serbien stürzte um 14 Plätze ab. Dort bezeichnet Präsident Aleksandar Vucic kritische Journalisten als "Lügner" oder "ausländische Spione". Die Gewalt habe besonders zugenommen gegen Journalisten, die über Korruption berichten.
  • In der Slowakei, wo der ehemalige Regierungschef Robert Fico Medienschaffende nach Kritik an seiner Regierung öffentlich als "dreckige antislowakische Huren" beschimpfte, wurden im Februar 2018 der Investigativ-Reporter Jan Kuciak und seine Verlobte erschossen. Die Tat ist bisher nicht vollständig aufgeklärt. Das Land fiel um acht Plätze auf Rang 35.
  • Deutschland ist hingegen von Platz 15 auf Platz 13 geklettert. "Dies liegt jedoch vor allem daran, dass sich die Situation in anderen Ländern verschlechtert hat", schreibt ROG. Demnach sei die Zahl tätlicher Angriffe in der Bundesrepublik sogar gestiegen: ROG hat mindestens 22 Fälle gezählt, 2017 waren es 16. Vor allem am Rande rechtspopulistischer Veranstaltungen und Kundgebungen sei es zu Gewalt gekommen. Als Beispiel führt die Organisation Proteste in Chemnitz an. Bei den Kundgebungen im Sommer 2018 herrschte aus Sicht von ROG ein so medienfeindliches Klima wie seit der Hochphase der Pegida-Bewegung im Jahr 2015 nicht mehr.
Rechte Kundgebung in Chemnitz: So medienfeindlich wie seit der Hochphase der Pegida-Bewegung nicht mehr
DPA

Rechte Kundgebung in Chemnitz: So medienfeindlich wie seit der Hochphase der Pegida-Bewegung nicht mehr

Auch in den USA, wo Präsident Donald Trump kritische Medien seit seinem Amtsantritt immer wieder als "Volksfeinde" diffamierte, erhielten Journalisten im vergangenen Jahr mehr Mord- und Bombendrohungen als je zuvor. Im Vergleich zum Vorjahr verschlechterten sich die USA um drei Plätze und liegen nun auf Rang 48.

Am freiesten können hingegen Journalisten in Skandinavien arbeiten. Zum dritten Mal in Folge führt Norwegen das Ranking an. Auf Platz zwei und drei folgen Finnland und Schweden. Die letzten drei Plätze belegen wie schon in den Vorjahren Turkmenistan, Eritrea und Nordkorea.

Die größten Aufsteiger liegen in Subsahara-Afrika. Dort verzeichnete Äthiopien eine enorme Verbesserung und stieg um 40 Plätze auf Rang 110. Nach einem Regierungswechsel im April 2018 entließ der neue Präsident Abiy Ahmed Ali alle inhaftierten Medienschaffenden aus dem Gefängnis und gab mehr als 200 Medien und Webseiten frei, die bis dahin blockiert waren.

Ähnliches gilt für Gambia. Auch dort wurden nach der Präsidentenwahl 2017 Reformen erlassen, die für mehr Medienpluralität gesorgt haben. Nachdem sich das Land bereits im Vorjahr um 21 Plätze verbesserte, rückte es diesmal um weitere 30 Plätze nach oben (auf Rang 92).

Die Organisation ROG vergleicht in seiner jährlichen Rangliste die Situation für Journalisten und Medien in 180 Staaten und Territorien. Grundlagen der Rangliste sind ein Fragebogen zu verschiedenen Aspekten journalistischer Arbeit sowie die von ROG ermittelten Zahlen von Übergriffen, Gewalttaten und Haftstrafen gegen Medienschaffende.

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claus7447 18.04.2019
1. Die vierte Gewalt
Man muss sie schützen. Die freie Presse ist der Feind der Rechten. Das hat ja schon Gauland angekündigt, dass nach Übernahme durch die AfD erst mal die Presse "bereinigt" wird. Gott und der Wähler möge es verhindern.
draco2007 18.04.2019
2.
Platz 48 ist für das "Land of the free" schon sehr armseelig...
christoph_schlobies 18.04.2019
3.
Zitat von claus7447Man muss sie schützen. Die freie Presse ist der Feind der Rechten. Das hat ja schon Gauland angekündigt, dass nach Übernahme durch die AfD erst mal die Presse "bereinigt" wird. Gott und der Wähler möge es verhindern.
Bitte um ein Originalzitat!
tucson58 18.04.2019
4. Pressefreieheit ein wichtiges Gut
Ich denke es ist unbestritten das die Pressefreiheit ein wichtiges Gut ist und dieses nicht beschnitten oder behindert werden darf . Aber auch die Medien , müssen sich kritisch hinterfragen lassen , ob sie nicht auch ein Stück weit selber Schuld sind das sie immer mehr Gegenwind wird bekommen! Einer sachlich und neutralen Berichterstattung weicht doch immer mehr der Sensationsgier und dem Schlagzeilenjournalismus, das sich offensichtlich besser verkaufen lässt .. Zu oft und zu schnell wurden schon Behauptungen und Anschuldigungen gegen Personen aufgestellt ohne das sich jemals davon was beweisen lies. Dann sind die Medien heute nur auf Negative Berichterstattung aus , das es in unserer Welt auch vieles gutes gibt fällt völlig unter den Tisch . Je negativer berichtet wird desto besser .. so scheint es jedenfalls ! Unter dem Strich muss man sich auch nicht wundern, wenn man den ganzen Tag nur Negatives hört und liest dieses sich auch irgendwann im Umgang mit den Medien zeigt . Kritik ist auch so eine Sache , das können die Medien selten ertragen , wie der Fall der Pressekonferenz des FC Bayern zeigte . Man kann über diese Art und den Sinn dieser Pressekonferenz denken was man will , aber gezeigt hat es eben auch, das die Medien lange und zum Teil heute noch darauf rumreiten , nur weil Hoeneß und Rummenigge die Berichterstattung über den FC Bayern und ihren Spielern in den Medien kritisierten . Darf man über die Medien sich nicht auch kritisch äußern ? Die Medien leiden nach meiner Meinung auch stark unter einem selber verursachten Glaubwürdigkeitsmangel und das sollten sie einfach auch mal Selbstkritisch erkennen ! Insofern sollten die Medien sich auch durch seriösere und neutralere Berichterstattung und nicht nur über Schlagzeilenjournalismus präsentieren und eine Ausgewogenheit von Negativem und Positiven in ihrer Berichterstattung bringen , dann steigt die Glaubwürdigkeit und somit auch das Ansehen der Medien und Angriffe auf die Pressefreiheit werden im Keim erstickt .
Akonda 18.04.2019
5. Unglaublich....
...dass in 2019 wieder ähnliche Ankündigungen widerstandslos hingenommen werden - wo leben wir denn? Allerdings hat der Herr Gauland noch einen weiten Weg vor sich - sofern er überhaupt dort ankommt, wohin er möchte!
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