Republikaner Boehner Neuer Kopf der Contra-Bande

Er ist das Gesicht des Machtwechsels, der künftige Gegenspieler Barack Obamas: John Boehner, stets braun gebrannter Republikaner aus Ohio, wird zum neuen Regisseur im US-Repräsentantenhaus. Sein Erfolg ist auch ein Triumph für den alten Washingtoner Lobby-Klüngel.


Hamburg - John Boehner ist seltsam blass geworden. Der Republikaner, sonst mit einem tiefdunklen Teint gesegnet, ist in diesen Tagen mit deutlich hellerer Gesichtsfarbe unterwegs. Eine Folge des Wahlkampfstresses, mutmaßen manche. Der Golfliebhaber Boehner habe einfach nicht mehr genug Zeit gehabt, sich beim Putten die Sonne aufs Gesicht scheinen zu lassen.

Andere, die ihn schon immer der Bräunungs-Nachhilfe verdächtigten, vermuten hingegen einen politischen Schachzug. In Zeiten der Wirtschaftskrise könne die gepflegte Bräune Wähler abschrecken. Ein wenig Blässe täte gut, habe Boehner offenbar beschlossen.

Was auch immer der Grund ist, eins steht fest: Der konservative Abgeordnete aus Ohio wird in Washington keine blasse Figur mehr sein.

Nach dem Triumph der Republikaner bei den Kongresswahlen löst Boehner, 60, die Demokratin Nancy Pelosi als "Speaker" des US-Repräsentantenhauses ab. Formal ist es das drittwichtigste Amt der Republik, tatsächlich verfügt aber wohl nur der Präsident über noch mehr Macht.

Boehner entscheidet künftig, welche Agenda das Repräsentantenhaus mit seinen 435 Abgeordneten verfolgt, von denen die Republikaner nun die klare Mehrheit stellen. In den ersten beiden Amtsjahren konnte Obama dort mit Hilfe Pelosis seine Projekte vorantreiben - und so den eher zögerlichen Senat zum Mitmachen zwingen.

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Damit dürfte es nun vorbei sein.

"Die Stimme der Amerikaner wurde gehört", sagte Boehner nach dem Triumph der Republikaner. Er versprach, weitere Konjunkturpakte und Ausgaben zu beenden, "all dieser Unsinn". Seine Ansprache ist knapp: "Ich werde mich kurz fassen, es gibt viel Arbeit zu tun."

So war es auch im Wahlkampf, Boehners Standardrede war da auf knappe sechs Minuten getrimmt. "Ich bin nicht wie Nancy Pelosi oder Barack Obama", dröhnte er mit tiefer Stimme, der zwei Päckchen Zigaretten pro Tag deutlich anzuhören sind. "Ich sage einfach, was ich meine - und ich meine, was ich sage."

Genau das erwarten seine Republikaner vom ehemaligen Chef einer Firma für Plastikwaren, der seit fast 20 Jahren den achten Wahlkreisbezirk in Ohio vertritt. Sie wünschen sich als "Speaker" einen Terrier, einen aggressiven Vertreter ihrer Agenda - ganz so wie Pelosi es in den vergangenen vier Jahren für Obamas Demokraten war.

"Hell, no"

Boehner kann das, er hat es als Fraktionschef im Repräsentantenhaus bewiesen. Obama war gerade Präsident, da wollte er bei einem Besuch im Kongress für überparteilichen Konsens zu seinem milliardenschweren Konjunkturpaket werben. Nicht mit Boehner. Der berief kurz vorher eine Pressekonferenz ein und würgte Obamas Projekt früh ab.

Als die Abgeordneten später Obamas Gesundheitsreform berieten, donnerte Boehner ihnen seine Ablehnung entgegen: "Hell, no".

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Die Wahl in Bildern: Der Triumph der Republikaner
Schließlich hatte er den besten Lehrmeister, den man sich für Radikalopposition vorstellen kann: Newt Gingrich, einst Anführer des Republikaner-Protests gegen Bill Clinton. Boehner kam Anfang der neunziger Jahre als frisch gebackener Abgeordneter nach Washington, Gingrich nahm ihn unter seine Fittiche - gemeinsam entwarfen sie mit anderen zusammen einen "Contract with America", einen Vertrag mit Amerika, und machten Clinton so das Leben im Weißen Haus zur Hölle.

Zupacken kann Boehner sowieso. Er wuchs in Ohio als Zweitältester von zwölf Geschwistern auf, sein Vater betrieb eine kleine Bar, früh musste der Sohn aushelfen. So lernte der Politiker, wie er selber sagt, mit jedem "Idioten", der in die Bar spazierte, fertig zu werden.

Teures Steak, guter Wein, tanzende Lobbyisten

Als Boehner in seiner ersten Ansprache nach dem Triumph der Republikaner über seinen eigenen "amerikanischen Traum" spricht, schießen ihm die Tränen in die Augen.

Der hat sich für ihn ja auch erfüllt. Boehner schätzt gesellige Abende bei teurem Steak und gutem Wein, in seinem Abgeordnetenbüro gilt das strenge Rauchverbot des US-Kongresses nicht. Damit steht er fast für die Karikatur eines alten Washingtons, mit dem Obama brechen wollte - einem Ort, an dem sich Lobbyisten und Politiker im Hinterzimmer einigen.

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Die Brachial-Konservativen: Gewinner und Verlierer der Tea Party
In diesem Kosmos ist Boehner der ultimative Strippenzieher. Als Abgeordneter führte er beliebte wöchentliche Treffen zwischen Politikern und Lobbyisten ein, er fand nichts dabei, eine Wohnung von einem bekannten Interessenvertreter zu mieten. Einmal verteilte er während der Beratungen über eine neue Tabak-Gesetzgebung Schecks der Industrie im Parlament.

Bei Treffen mit reichen Parteispendern ist er in Shorts und gut gelaunt zu sehen, er tanzt dann gerne, oft umringt von hübschen Lobbyistinnen. Wenn Kritik daran aufkommt, sagt er: "Ich rede die ganze Zeit mit allen möglichen Leuten."

Boehner umgarnt die Tea-Party-Bewegung - zögerlich

Doch auch Teile seiner eigenen Partei hassen diese Washington-Auswüchse - etwa die meisten Vertreter der Tea-Party-Bewegung, die nun etliche neue Abgeordnete stellt. Lobbyisten sind ihnen genauso suspekt wie Barack Obama, sie sind gegen Big Business genauso wie gegen Big Government.

Boehner kann mit den zornigen rechten Protestlern wenig anfangen. Doch sie sind zu stark geworden, er beginnt zögerlich, sie zu umgarnen. Als die Republikaner unter seiner Federführung im September ihren "Pledge to America" vorstellten - eine Art Abklatsch des Vertrages mit Amerika - fügte er eine Klausel ein, jedes Gesetz müsse seine verfassungsmäßige Grundlage darlegen. Deren Umsetzung ist zwar wenig wahrscheinlich. Doch es freut die Tea-Party-Bewegung.

Aber auch in den eigenen Reihen muss Boehner aufpassen: Eine Gruppe junger Republikaner, sie nennen sich Young Guns, haben gerade ihr eigenes Aktionsprogramm vorgelegt. Sie wollen noch weniger Staat, noch mehr Widerstand gegen Obama.

Boehner ist ihnen zu lasch. Als der Kompromissbereitschaft für Obamas Steuerideen signalisierte - die ein Ende der Steuersenkung für Superreiche vorsehen - jaulten sie auf. Der "Speaker" in spe musste bald zurückrudern.

Für Obama könnte er daher ein angenehmerer Partner sein als radikalere Republikaner. Zwar hat das Weiße Haus eine zeitlang versucht, Boehner zur neuen Feindfigur aufzubauen. Obama reiste eigens in dessen Heimat Ohio, um ihn in einer Rede persönlich anzugreifen. Aber die Attacke verpuffte, viele Amerikaner kannten Boehner gar nicht - höchstens als den Mann, über den selbst Obama mal witzelte, er sei ja auch ein Mann von Farbe.

Außerdem gibt Boehner sich ja derzeit alle Mühe, versöhnlich zu klingen. Der Republikaner sagt: "Es ist Zeit, dass Amerikaner zusammenkommen und eine erwachsene Diskussion über die ernsten Herausforderungen führen, denen sich das Land gegenüber sieht."

Ziemlich genau so sprach Barack Obama, als er gelobte, Washington zu verändern. Gerade mal zwei Jahre ist das her.



insgesamt 36 Beiträge
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Carla, 03.11.2010
1.
Sein Erfolg ist auch ein Triumph für den alten Washingtoner Lobby-Klüngel in seiner hässlichen Form. Ich find's immer gut, wenn SPIEGEL-Autoren dem Leser die Wertung gleich mitliefern. Das spart das lästige Nachdenken darüber, wie man was finden soll. Die altmodische Trennung zwischen "Artikel" (objektiv) und "Kommentar" (subjektiv) ist doch total überholt. Wir brauchen mehr Journalisten wie bei der Aktuellen Kame...öh...ich meine: so generell, die dem Konsumenten bei der Meinungsbildung behilflich sind. Oder besser noch: ihm total abnehmen. Ansonsten stelle ich mit Erleichterung fest, dass diese bizarre Messias-Darstellung von Obama nun zumindest ansatzweise einer realistischen Darstellung gewichen ist. Köstlich aber immer noch solche Beiträge wie in der ARD letzte Nacht, wo der Autor nach wie vor jede Pleite Obamas entschuldigte und sich offen auf seine Seite schlug, nicht ohne die politische Einseitigkeit von Fox etc. moralisierend anzuklagen. ARD halt.
hohez 03.11.2010
2. Parteienjournalismus
Zitat von sysopEr ist das Gesicht des Machtwechsels, der künftige Gegenspieler Barack Obamas: John Boehner, stets braun gebrannter Republikaner-Kopf aus Ohio, wird zum neuen Regisseur im US-Repräsentantenhaus. Sein Erfolg ist auch ein Triumph für den alten Washingtoner Lobby-Klüngel in seiner hässlichen Form. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726869,00.html
Da wird wieder einmal von einem unverhohlen parteiischen Journalisten, der wütend ist, dass sein Lager verloren hat, ein Buhmann aufgebaut, der in Zukunft verprügelt werden soll. Dazu Informations-Firlefanz wie "braun gebrannt" und "blass" - ziemlich schwaches Niveau, wenn nicht sogar Desinformation. Einige Fakten (sich gibt es noch andere) über den Buhmann, u.a. auch was seine für Herrn Schmitz offenbar undenkbare konstruktive Zusammenarbeit mit Obama angeht, sind hier zu lesen: http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~EF987D222A7C54F7DBB10EF8C579E2112~ATpl~Ecommon~Scontent.html
meslier 03.11.2010
3. Boehner - Mann der Wall Street
Zitat von sysopEr ist das Gesicht des Machtwechsels, der künftige Gegenspieler Barack Obamas: John Boehner, stets braun gebrannter Republikaner-Kopf aus Ohio, wird zum neuen Regisseur im US-Repräsentantenhaus. Sein Erfolg ist auch ein Triumph für den alten Washingtoner Lobby-Klüngel in seiner hässlichen Form. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726869,00.html
Was hat der Spiegel gegen Boehner? Boehner ist ein Mann der Wall Street. Geht es der Wall Street gut, geht es allen Leuten gut.
Gandhi, 03.11.2010
4. Les cons waeren besser dran
Zitat von sysopEr ist das Gesicht des Machtwechsels, der künftige Gegenspieler Barack Obamas: John Boehner, stets braun gebrannter Republikaner-Kopf aus Ohio, wird zum neuen Regisseur im US-Repräsentantenhaus. Sein Erfolg ist auch ein Triumph für den alten Washingtoner Lobby-Klüngel in seiner hässlichen Form. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726869,00.html
mit einem anderen Fuehrer, denn Boehner bekennt sich offen zu seinen Lobbyisten-Freunden. Mal sehen wie die angeblich den Lobbyisten negativ gegenueberstehenden Tea Bagger sich zu ihm stellen werden. Sollten sie sich unterordnen, droht ihner Bewegung eine kritische Zerreissprobe, sollten sie zu ihrem Wort stehen, droht eine solche der Fraktion.
thomas bode 03.11.2010
5. Was in diesen Köpfen vorgeht...
Die zentrale Frage ist die: was wollen Boehner, oder auch die "Young Guns" eigentlich? Seltsamerweise wird dies meist irgendwie als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt. Es wäre aber wichtig dem auf den Grund zu gehen. Nicht zuletzt weil es solche Typen zur genüge auch bei uns gibt, einflussreiche Typen. Offensichtlich liegt ihrer Wut auch eine Ideologie zugrunde (nicht nur Besitzstand-Wahrung). Sollte man diese nicht genauer analysieren? Die Absicht Steuergeschenke an Superreiche zurück zu nehmen, erzeugt beispielsweise ihre Wut. Was um Himmels willen geht in diesen Köpfen vor? Wenn das nicht gleichzeitig bekennende Christen wären, müsste man annehmen dass es sich um eine extreme Form von Materialismus handelt. Das maximale Glück liege im maximalen Profit und Besitz. Und da es kein Jenseits gebe, würde jede Begrenzung von Reichtum die Menschen um die Möglichkeit bringen, diesen Gipfel der Vollkommenheit zu erreichen. Ein Stück weit dürfte so eine Denke tatsächlich eine Rolle spielen. Menschen sind nun mal widersprüchlich. Und Religiosität ist, trotz große Inbrunst, oft verdreht oder schizophren. Wie man an den vielen Skandalen mit US-Predigern sieht. Das empörte Beben in der Stimme der Vertreter unserer Reichen-Lobby (auch FDP genannt), wenn es um Reichensteuer geht, die Respektlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den "sozial Schwachen", bei führenden Vertretern der C-Parteien (was sagte Jesus über die Armen?), all das ist nicht ganz so krass, aber durchaus vergleichbar mit diesen US-Phänomenen. Ein mentaler Sumpf ist das, der nur durch Hinterfragen trocken gelegt werden kann.
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