Republikaner-Debatte Clash der Kandidaten

Schluss mit der Schonzeit: Erstmals gehen die Präsidentschaftsbewerber der Republikaner aufeinander los. Die Favoriten Giuliani und Romney bekommen plötzlich Druck - ein Liebling der religiösen Rechten profitiert.

Rudy Giuliani guckt noch nicht einmal rüber zu Mitt Romney, als er seine Bombe zündet. Er weiß, dass jetzt jedes Wort genau sitzen muss, deswegen starrt er konzentriert geradeaus.

Romney hat ihm gerade vorgeworfen, als Bürgermeister habe er New York in eine Zufluchtsstätte für illegale Einwanderer verwandelt. Für Giuliani ein heikles Thema - er hat selbst italienische Vorfahren und vertritt eine weit liberalere Haltung als die meisten seiner Mitbewerber. Jetzt, in der Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber, setzt er zum Konter an: "Wenn man meine Stadt als Zufluchtsstätte sieht, dann hat Romney doch ein Zufluchtshaus geschaffen." Er habe als Gouverneur in Massachusetts bei der Renovierung seiner Residenz selber illegale Immigranten beschäftigt.

Das sitzt. Romney scheint einen Moment lang gar nicht glauben zu können, dass Giuliani das wirklich gesagt hat.

Rivalen Romney, Giuliani: Der Kampf hat begonnen

Rivalen Romney, Giuliani: Der Kampf hat begonnen

Foto: REUTERS

"Bürgermeister, das wissen Sie doch besser", sagt er dann, doch Giuliani ruft nur störrisch: "Nee." - "Dann hören sie zu!", entgegnet Romney lauter und beginnt eine langatmige Erläuterung, wie sich die illegalen Einwanderer in seine Residenz verirrt hätten. Und überhaupt: Solle er die Papiere von jedem überprüfen, der bei ihm arbeite und einen komischen Akzent habe? Romney redet, aber er hat keine Chance mehr - Giuliani brummelt einfach weiter vor sich hin: "Sie haben illegale Einwanderer direkt unter Ihrer Nase beschäftigt."

Plötzlich ist bei den Republikanern Kampf angesagt

Erst als Romney fast schreit, gönnt Giuliani ihm endlich einen Blick. So etwas müsse Romney schon aushalten, wenn er sich so gern als Heiliger darstelle, zischt er giftig.

Fünf Minuten dauert das Schlachtfest, und es ist ein Wendepunkt im Präsidentschaftswahlkampf der Republikaner. Bisher mussten alle Bewerber heftige Kritik von Experten und Parteifreunden einstecken: Sie seien zu wenig inspirierend. Doch die Kritik schien sie eher noch zusammenzuschweißen. Allesamt erinnerten sie in ihren Debatten lieber nostalgisch an Ronald Reagan oder verdroschen verbal Senatorin Clinton. Persönliche Attacken wie bei den Demokraten zwischen Hillary Clinton, Barack Obama und John Edwards waren die Ausnahme.

Jetzt aber, knapp fünf Wochen vor der ersten Vorwahl in Iowa, fahren sie die Ellenbogen aus.

Die Republikaner haben noch keinen sicheren Favoriten für die Kandidatur. Zwar führt Giuliani deutlich in den meisten nationalen Umfragen. Doch in den beiden ersten wichtigen Vorwahlstaaten, Iowa und New Hampshire, liegt Mitt Romney deutlich vor ihm. In Iowa hat sich sogar Mike Huckabee, der ehemalige Gouverneur von Arkansas, in manchen Befragungen an die Spitze gesetzt - er gilt als Liebling der religiösen Rechten. Denen ist Giuliani mit seiner liberalen Haltung zu Abtreibung und Schwulenehe nicht geheuer und Romney ebenso wenig wegen seines mormonischen Glaubens.

"Die versuchen ja heute alle, mich zu übertreffen"

Und nun dieser schmutzige Schlagabtausch in der Fernsehdebatte von CNN und YouTube. Bürger durften für die Sendung per Internet-Videos Fragen an die Bewerber richten, 5000 haben sich gemeldet, und gleich mehrere drehten sich um die Einwanderungspolitik. Warum bekommen Kinder illegaler Immigranten Nachlässe bei College-Gebühren? Werden die Bewerber versprechen, als Präsident niemals eine Amnestie für illegale Einwanderer zu unterzeichnen?

Lautstark versprechen daraufhin Kandidaten wie der Ex-Senator Fred Thompson mehr Beschränkungen - der radikale Außenseiter Tom Tancredo kann auf der Bühne sein Glück kaum fassen. Er hat den Kampf gegen die Einwanderung zum Schwerpunkt seiner Kampagne gemacht, er ruft nun begeistert: "Die versuchen ja heute alle, mich zu übertreffen."

Buhrufe, Widersprüche - und ein Außenseiter mit Überraschungschancen

Eine halbe Stunde dauert es, bis der Irak erstmals Thema wird. Der Kongressabgeordnete Ron Paul meldet sich. Durch seinen Widerstand gegen den Irak-Krieg ist er mittlerweile ein Liebling vor allem junger Internet-Wahlkampfspender geworden - er merkt zum Haushaltsbudget an, ein Abzug aus dem Irak könne Unsummen sparen.

Das lässt ihm Senator und Militärheld John McCain nicht durchgehen: "So eine Art von Isolationismus hat den Zweiten Weltkrieg verursacht und Hitler an die Macht gebracht." Er habe gerade Thanksgiving mit Soldaten im Irak gefeiert. Die hätten ihn gebeten: "Lasst uns Zeit, hier zu gewinnen."

McCain, dessen bedingungslose Unterstützung des Irak-Kriegs ihn in Umfragen zurückgeworfen hat, erntet Buhrufe für diese Sätze. Aber das scheint ihn gar nicht zu irritieren - und auch deshalb ist es ein starker Moment für ihn. Denn seine furchtlosen Bemerkungen erinnern daran, warum er seit langem als Politiker mit Rückgrat in Washington so respektiert ist.

Romney muss einstecken an diesem Abend

Als seine Mitbewerber auf der Bühne sich in den Fragen zur Einwanderungspolitik mit populistischen Vorschlägen überbieten, seufzt McCain vernehmlich und sagt: "Das sind doch auch Gottes Kinder." Zu einer YouTube-Einspielung, ob simuliertes Ertränken nun Folter sei oder nicht, liefert McCain den Satz des Abends: "Das ist ja hier nicht '24'." In der Fernsehserie wird schon mal gefoltert, um wichtige Informationen zu erhalten. Wie man das Menschen antun könne, übersteige sein Vorstellungsvermögen, sagt McCain zu Romney - der sich nicht zu einer klaren Antwort auf die Frage durchringen kann.

John McCain saß selbst fünf Jahre in Vietnam in Einzelhaft und wurde brutal gefoltert. Neben ihm wirkt Romney in dem Moment einfach wie ein blasser Politiker.

Er muss noch mehr einstecken an diesem Abend. Jeder Bewerber darf während der Debatte ein Filmchen selbst einspielen. Fred Thompson zeigt noch nicht mal sein eigenes Gesicht, sondern widersprüchliche Aussagen seiner Rivalen. Prominent an erster Stelle: Romney, der als Gouverneur von Massachusetts vor wenigen Jahren das Recht auf Abtreibung verteidigte - und nun im Wahlkampf genau das Gegenteil verlangt.

Solche Widersprüche wirken auf Video besonders verheerend. Es ist nach der Debatte der Demokraten im Juli das zweite Mal, dass YouTube als Hilfsmittel für die Kandidatenentscheidung genutzt wird - und dieses neue Instrument scheint sich zu bewähren.

Zwar sind nur wenige Video-Einspielungen aufwendig produziert. Aber es wirkt einfach plastisch, wenn auf einem eingeblendeten Dollarschein der Stand der Staatsschulden mitläuft, während ein Mann dazu eine Frage stellt. Manchmal sind die Zuschauerfragen simpler und origineller, als es Journalisten wohl einfiele: Was würde Jesus zur Todesstrafe sagen?, fragt einer. In einem Video hält ein angespannt wirkender junger Mann einfach eine Bibel in die Kamera: "Glauben Sie jedes Wort darin?"

"Hillary darf als erster Mensch auf den Mars"

Bei beiden Fragen punktet vor allem Mike Huckabee. Jesus? "Der war viel zu schlau, um sich für ein öffentliches Amt zu bewerben", witzelt er. Zur Bibel sagt der ehemalige Prediger schlicht, natürlich glaube er jedes Wort. Giuliani dagegen windet sich, als habe er eine Interpretationsaufgabe für den Schulaufsatz zu erledigen.

Beflügelt bringt Huckabee noch einen Spruch zu Hillary Clinton unter. Als ein Bürger per Video nach den Chancen einer US-Marsmission fragt, befürwortet der Ex-Gouverneur sie - "und Hillary kann als erster Mensch mitfliegen".

Nach dem Schlagabtausch taucht Huckabee noch persönlich im Reporter-Raum auf - äußerst ungewöhnlich für Kandidaten. Jemand fragt ihn, wieso er so viel Aufwind spürt. Huckabee antwortet fröhlich, er halte sich eben aus den Schlammschlachten unter den Rivalen heraus. Glaubt er ernsthaft, dass er eine Chance gegen Giuliani und die anderen hat? "Es gibt ein First-Class-Ticket, ein Business-Class-Ticket, ein Economy-Class-Ticket. Mal schauen, welches es für mich wird", sagt er und grinst.

Das klingt für viele, als ziele Huckabee auf das Amt als Vizepräsident. Aufgeregt schnattern schon die ersten Kommentatoren, das sei doch eine gute Kombination: Der liberalere Giuliani als Kandidat, Huckabee als sein Schutzschild gegen die Kritik der religiösen Rechten. Durchaus eine interessante Variante.

Trotz des schwierigen Erbes, das Präsident Bush hinterlassen wird, und trotz aller derzeitigen Vorteile für die Demokraten: Die Republikaner sind gerissene Wahlkämpfer. Und den Wahlkampf haben sie spätestens gestern begonnen.

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