Republikaner-Dilemma McCain - Kandidat mit zwei Gesichtern

Ist John McCain ein zweiter George W. Bush - oder ein republikanischer Querdenker, der die USA als Präsident neu ausrichten würde? Im Wahlkampf spielt er zurzeit beide Rollen. Das wird zum riesigen Problem für ihn, sobald Barack Obama als Kandidat der Demokraten feststeht.

Von , Washington


Washington - John McCain zu beobachten, ist zurzeit besonders spannend. Man weiß nämlich nie, welcher McCain auftauchen wird. Manchmal lassen sich sogar zwei verschiedene an einem Tag bestaunen. Einer am Vormittag, einer am Nachmittag.

McCain: Das richtige Schießeisen für die Entenjagd
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McCain: Das richtige Schießeisen für die Entenjagd

Zum Beispiel am Freitag vor anderthalb Wochen: McCain macht einen Wahlkampfstopp in West Virginia. In dem Bundesstaat leben viele Menschen, die an ihren Waffen hängen. McCain steht mit seiner Ehefrau in einem Waffenladen, CNN zeigt Gewehre in langen Reihen. Der Journalistenpulk ist da, um McCain mit Waffen zu sehen. Doch der ignoriert die Schießeisen - und kauft bloß Angelzeug, wie die Nachrichtenagentur AP enttäuscht notiert. In diesem Moment ist er der John McCain, der keine Gewehre zu Hause hat. Der sich mit der ultrarechten Waffen-Lobby NRA angelegt hat, weil er die Kontrollen für Waffenbesitz verschärfen wollte.

Ein paar Stunden später tritt McCain in Louisville, Kentucky, auf. Die Mitglieder der NRA tagen. McCain tritt aufs Podium - und jetzt ist er plötzlich der Kandidat, der die Stimmen dieser Waffenbrüder dringend braucht.

Die Demokraten wollten gesetzestreuen Bürgern ihre Gewehre und Pistolen wegnehmen, donnert er. Und macht sich dann über Barack Obama lustig, der nicht einmal wisse, mit welchem Kaliber man auf Entenjagd geht. Die Zuhörer lachen herzhaft, McCain nimmt nach der Rede ein Bad in der Menge.

Ein Tag, zwei Botschaften.

John McCain darf in dieser Wahl den einflussreichen rechten Flügel seiner Partei nicht verprellen. Aber er muss sich zugleich als Republikaner profilieren, der ein bisschen anders ist, Ecken und Kanten hat. Nur so kann er unabhängige Wähler gewinnen, die George W. Bushs Politik leid sind. Rund 80 Prozent der Amerikaner glauben, unter Bush marschiere das Land in die falsche Richtung - doch in Umfragen sagen auch viele, McCain stehe für die richtigen Werte. Dieser Unterschied ist entscheidend für ihn.

McCain war in den Vorwahlen der Republikaner wie ein Unabhängiger aufgetreten. Der einflussreiche konservative Flügel der Partei beäugte ihn skeptisch: Seine Immigrationspolitik war ihnen nicht hart genug, er versprach ihnen nicht genügend Steuersenkungen. Die Konservativen bejubelten lieber jene Bewerber, die das Kriegsgefangenenlager Guantanamo ausbauen oder gewaltige Zäune entlang der Grenzen bauen wollten. McCain gelobte stattdessen, unter seiner Präsidentschaft werde niemand gefoltert.

Verborgener Zickzackkurs des Kandidaten

Jetzt allerdings hat McCain, der Überraschungssieger der Vorwahlen, an ein breiteres Publikum zu denken - und das ist nicht problemfrei. Er fährt einen Zickzackkurs, der bisher vielen Amerikanern verborgen bleibt, weil die Endphase des Zweikampfs zwischen Clinton und Obama immer noch die Schlagzeilen beherrscht. Was aber, wenn sich Obama die Kandidatur endgültig gesichert hat: Muss sich McCain dann nicht klarer positionieren?

Der 46-jährige Obama gegen den 71-jährigen McCain - wird es ein Duell zwischen Naivität und Erfahrung, wie es McCain will? Oder um Vergangenheit gegen Zukunft, was Obama hofft? Republikaner beklagen, McCains Team habe die Vorbereitung auf die Herausforderung verschlafen. Das unverhoffte Geschenk der Schlammschlacht bei den Demokraten habe man nicht richtig genutzt: "Jeder Republikaner, der seine Panik nicht zugibt, macht sich etwas vor", sagte Stratege Ron Kaufman der "New York Times".

Gerade die Wackeltaktik ist es, die in der Partei Sorgen provoziert. Zum Beispiel der Umgang mit dem amtierenden Präsidenten: Zwar sind weniger als 30 Prozent der US-Bürger noch zufrieden mit George W. Bush. Aber das ist die stramm rechte Basis, die den Präsidenten zweimal ins Weiße Haus trug. McCain braucht auch sie.

Er braucht Bush - und muss sich von ihm absetzen

Im Jahr 2000 waren Bush und McCain im Vorwahlkampf noch erbitterte Rivalen. Doch später hat McCain den Irak-Krieg so unterstützt wie kaum ein anderer in Washington. Nun ist der Präsident vor allem wegen dieses Krieges so unpopulär im Land, dass er zur Bürde für den Nachfolge-Bewerber geworden ist. "Eine Stimme für McCain ist eine Stimme für eine dritte Amtszeit für Bush", sagen Demokraten, um McCains Zukunft mit der Bush-Vergangenheit zu verknüpfen. Der Kandidat weiß um die Gefahren, die dieses Argument birgt - darf aber auch nicht zu viel Distanz zu Bush wagen. Denn der amtierende Präsident ist noch immer ein effektiver Spendensammler im stramm rechten Lager, und McCain tut sich mit dem Eintreiben von Unterstützer-Geldern nach wie vor schwer.

Und so hält McCain einmal eine Rede zum Klimaschutz, in der er eine Abkehr von Bushs Politik verspricht. Das gefällt moderaten Wählern. Dann gelobt er ein paar Kundgebungen später, dass er Bushs Steuersenkungen für Reiche, die er einst kritisiert hat, nun doch verlängern will. Und verspricht, konservative Richter an den Obersten Gerichtshof zu ernennen - die wohl die Abtreibung verbieten würden. Das gefällt den Rechten in der Partei.

Manchmal wendet er sich in einer Ansprache gleich an beide Lager: Am Memorial Day, an die USA gefallener US-Soldaten gedenken, hält McCain den demokratischen Rivalen vor, dass ihre Abzugspläne den Irak im Stich ließen. Danach kritisiert er Bushs Kriegsführung. Selbst McCains Worte gegen Folter sind weniger deutlich geworden. Zwar verspricht er noch immer, das Gefangenenlager Guantanamo zu schließen - hat aber gegen schärfere Vorschriften zu CIA-Verhörmethoden gestimmt.

Fleißigen Lobbyisten im Team des Anti-Lobbyisten

Ähnlich heikel ist, dass seit Wochen immer wieder engste Mitarbeiter McCains als fleißige Lobbyisten enttarnt werden. Einer trat zurück, weil er für die Militärjunta in Burma tätig war. Ein anderer betrieb Imagepflege für zwielichtige Machthaber in aller Welt. Dabei profiliert sich McCain bei fast jedem Auftritt als Gegner von Lobbygeldern im Wahlkampf. Obama spottet: "George W. Bushs Lobbyisten kontrollieren John McCains Wahlkampf."

Obama ist im Dauer-Duell mit Clinton vom unumstrittenen Hoffnungsträger zu einem Kandidaten mit einigen Schwächen geschrumpft. Aber er hat immer noch zigtausende begeisterte Anhänger und viele Spendenmillionen - und beides könnte er schon bald geballt gegen McCain mobilisieren.

Viele Republikaner drängen McCain jetzt, Obama schnellstmöglich aggressiv als unpatriotisch, elitär, abgehoben zu attackieren. Umstritten ist, ob dabei auf irgendeine Weise auch auf die Hautfarbe des Gegners eingegangen werden soll - das Wahlkampfteam hat sich noch nicht entschlossen, wie es dazu steht.

Will McCain wirklich mit Hilfe einer Schmutzkampagne gewinnen? Er hat das bisher abgelehnt, aber das ist vielleicht die spannendste Frage dieses Wahlkampfes.

Medienberater Mark McKinnon, der für McCain in den Vorwahlen mitreißende Werbespots schuf, hat jedenfalls seinen Dienst quittiert. Er ließ verlauten, gegen einen so inspirierenden Kandidaten wie Obama wolle er keine Video-Attacken zusammenstellen.



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