Republikaner-Hoffnung Gingrich Der Nächste, bitte!

Bald ist keiner mehr übrig: Die Republikaner haben schon wieder einen neuen Spitzenreiter im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur, diesmal ist es Newt Gingrich. Der war einst "Mann des Jahres" - hat sonst aber eine unrühmliche Vergangenheit. Welche Chancen hat der 68-Jährige?

Spitzenreiter Gingrich, dritte Ehefrau Callista: Anti-Romney für die Konservativen?
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Spitzenreiter Gingrich, dritte Ehefrau Callista: Anti-Romney für die Konservativen?

Von , Washington


Wer Präsident werden will, der sollte erst mal ein Buch schreiben. Oder ein paar mehr. Newt Gingrich hat schon Dutzende Bücher geschrieben. Während die anderen Präsidentschaftsbewerber der Republikaner nur ihre Autobiografien vermarkten, hat der geneigte Leser bei Kandidat Gingrich eine große Auswahl.

Wie wäre es mit dem neuesten Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg ("The Battle of the Crater"), quasi druckfrisch? Oder warum sich nicht mal erklären lassen, warum Barack Obama ein Sozialist ist ("To Save America")? Oder machen Sie das Gedankenexperiment eines Hitler-Sieges im Zweiten Weltkrieg ("1945"). Gibt's alles bei Gingrich.

Der 68-jährige Trivialliterat hat so ziemlich über alles geschrieben. Er traut sich auch alles zu. Und so will er jetzt Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden.

"Che Guevara der republikanischen Revolution"

Zurzeit läuft es tatsächlich gut für Gingrich. Mehreren Umfragen zufolge hat er die Führung im republikanischen Bewerberfeld übernommen, CNN taxierte ihn zuletzt auf 24 Prozent - vor Mitt Romney mit 20 Prozent. Könnte am Ende tatsächlich der gelernte Historiker den Amtsinhaber Obama herausfordern?

Gingrichs politische Zeit schien ja längst abgelaufen. Der machtverliebte Ideologe war in den Neunzigern auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn: als Sprecher des Repräsentantenhauses und Gegenspieler von Präsident Bill Clinton. Das "Time"-Magazin kürte ihn 1995 zum "Mann des Jahres", die "Washington Post" adelte ihn zum "Che Guevara der republikanischen Revolution". Gingrich selbst sprach ganz zurückhaltend von der "Neuformung des amerikanischen Charakters", die er sich zur Aufgabe gemacht habe.

Ein paar Jahre später war alles aus und Gingrich der unpopulärste Politiker Amerikas. Zuvor hatte er Clinton in den sogenannten Shutdown getrieben: Gingrich blockierte mit seiner Mehrheit über Monate den Haushalt, der Präsident konnte zeitweise die Beamten nicht mehr bezahlen. Anders als geplant kam aber schließlich der Republikaner als Sündenbock aus der Nummer heraus. Clinton sicherte sich seine zweite Amtszeit.

Warum ausgerechnet jetzt die Rückkehr des alten Manns an die Spitze? Tatsächlich scheint er die letzte Hoffnung vieler konservativer Republikaner zu sein. Mitt Romney, der seit Monaten stabil auf einem der vorderen beiden Plätze liegt, gilt zwar einerseits als der am Ende wahrscheinlichste Kandidat; andererseits aber schätzen ihn weite Teile der republikanischen Partei als zu moderat ein, nicht zuletzt wegen einer Gesundheitsreform, die er als Gouverneur von Massachusetts durchgesetzt hat und die an Obamas Politik erinnert. Außerdem ist Romney Mormone, eine Glaubensrichtung, die insbesondere die evangelikalen Christen auf der Rechten als Sekte einstufen.

Irgendeiner. Nur nicht Romney!

Also muss ein anderer her, irgendeiner. Die Suche dauert schon eine ganze Weile. Gingrich ist nur der letzte in einer langen Serie von zwischenzeitlich gepushten Romney-Gegenspielern. Am Anfang war es Tea-Party-Ikone Michele Bachmann, die in Umfragen plötzlich die Führung übernahm - aber nach wenigen Wochen verglühte dieser Stern wieder. Dann war es Texas-Gouverneur Rick Perry. Auf ihn folgte Ex-Pizzaketten-Chef Herman Cain.

Doch seitdem Cain wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung unter Druck geriet und parallel sein außenpolitisches Nichtwissen offenbarte ("Okay,...Libyen..."), ist der mehr oder weniger letzte Anti-Romney ins Blickfeld geraten: Newt Gingrich. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil Gingrichs Kampagne noch im Sommer zu implodieren schien, als ihm kollektiv mehrere Mitarbeiter den Rücken kehrten, während er in Griechenland urlaubte.

Plötzlich ist alles anders. Sogar die Mitarbeiter kehren zurück. Gingrich wandelt sich zum Hoffnungsträger der mehr und mehr verzweifelten Republikaner. Die Schwäche der anderen, ihre clownesken Auftritte - all das spricht für ihn.

Anders als die früheren Spitzenreiter Perry und Cain in vorhergehenden Sendungen leistete sich der erfahrene Gingrich bei seiner ersten TV-Debatte als Front-Runner am vergangenen Dienstag keine peinlichen Patzer. Dafür aber vergrätzte er in der Einwanderungsthematik ausgerechnet die Konservativen. Jene Illegalen, die schon seit Jahrzehnten in den USA lebten, sollten bleiben dürfen, hatte er vorgeschlagen. "Das sind mehr als elf Millionen Menschen", bezifferte Kontrahentin Bachmann prompt empört die Gesamtheit aller Illegalen. Gingrich dagegen hatte nur jene im Sinn, die schon sehr lange im Land leben.

Weniger arrogant und selbstverliebt?

Nun werden sie im Team von Gingrich sehr genau auf die nächsten Umfragen achten. Sie hoffen auf den "New Newt", den neuen Gingrich. Dass er weniger arrogant und selbstverliebt herüberkommen möge als in der Vergangenheit. Dass er nicht wieder im entscheidenden Moment zum Wählerschreck mutiert.

Kann das gelingen? Der Mann hat eine Fistelstimme à la Ulbricht, und seine Vergangenheit lastet wie ein Alb auf ihm. Beides schmälert seine Aussichten, tatsächlich die Nominierung der Republikaner zu gewinnen.

Und da ist auch noch sein Geschäftsgebaren. Nach seiner Polit-Karriere hat Gingrich in den letzten zehn Jahren Millionen gemacht mit einem Geflecht von Beratungsfirmen. So hat die Gingrich Group etwa 1,6 Millionen Dollar von der Hypothekenbank Freddie Mac kassiert. Ausgerechnet. Freddie Mac ist jener vom Staat während der Finanzkrise gerettete Konzern, den Gingrich in der Öffentlichkeit stets kritisiert hatte.

Dann sein Privatleben, in dem die Realität einfach nicht mit der Ideologie mithalten kann. Während sich Gingrich stets als gottesfürchtiger Parade-Konservativer zu inszenieren sucht, ist er bereits das dritte Mal verheiratet. Mit seiner ersten Frau Jackie verhandelte er Details der Scheidung einen Tag nach deren Krebsoperation im Krankenhaus. Zudem soll er über sie gesagt haben, sie sei "weder jung noch schön genug, um die Frau eines Präsidenten der Vereinigten Staaten zu werden".

Zwischenzeitlich hatte der Mann mit der strengen Haushaltsdisziplin auch noch eine halbe Million Dollar Schulden beim Juwelier Tiffany's. Und zuletzt empfahl er eine Lockerung der Gesetze gegen Kinderarbeit, damit Schüler den Hausmeisterjob in ihrer Schule übernehmen können.

Plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit, drohen Gingrich weitere Attacken der republikanischen Konkurrenten, sie könnten seine umstrittene Vergangenheit genüsslich auswälzen. Möglicherweise ist es mit dem Höhenflug dann bald vorbei. Gingrich könnte sich dann wieder der Literatur widmen. Schon jetzt trifft man ihn nach Wahlkampfauftritten meist in eigener Sache am Bücherstand. Beim Signieren seiner vielen bunten Werke.



insgesamt 83 Beiträge
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Stauss 26.11.2011
1. Dafür dient die demokratische Kandidatenkür,
dass sich öffentlich (!) von allen Schlechten der Bessere herausbildet. So in der Art: USA sucht den Superstar. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Kandidaten für Machtpositionen in den Hinterzimmern der Partei nach Proporzkriterien der Seilschaften ausgehandelt werden.
huberwin 26.11.2011
2. Demnächst gibst die Castingsshows bei Fox
Amerika sucht den Superpräsidenten: In der Jury Trump, Murdoch,Super Nanny Sarah ....dann wirds schon was. Dann kann das Volk über Ted abstimmen...jeder Click 1 $ und der Wahlkampf ist kostenlos. Die Show ist dann der Vorwahlkampf erspart noch mehr Kosten -and so on- wir leben ja schließlich in einer Mediengesellschaft. Der Top Präsident wäre ja sowieso ein virtueller Präsident dann könnte jeder mitmalen wie der dann jeweils aussehen soll. Die Bürger stimmen dann immer ab wie der entscheiden soll und so wirds dann gemacht...ein check ein click das nächste Problem bitte...kommt dann auch bei uns..Frau Merkel benutzt diese Methode ja bereits analog,demnächst dann aber auch digital..also auf zum fröhlichen klicken.
WhereIsMyMoney 26.11.2011
3. ...
Tsss, Gingrich. Lächerlich. Da sind sogar die Idioten Perry, Bachman und Cain eher wählbar. Die Medien geben sich weiterhin alle Mühe, aber Ron Paul hat schon so gut wie gewonnen. Die "Blue Republican"-Bewegung(Demokraten die für Ron Paul stimmen wollen) erreicht neue Dimensionen. Von Tag zu Tag erfahren auch immer mehr Republikaner, dass Ron Paul der einzig Ehrliche ist. Bei der letzten CNN-Debatte, in der Ron Paul endlich die verdiente Gesprächszeit bekam, hat er gleich Romney und Gingrich Mal wieder ausgeknockt.
joe49 26.11.2011
4. Der Artikel trifft den Nagel
so was von mitten auf den Kopf! Gingrich hat am Dienstag lange Zeit wirklich recht souveraen gewirkt. Bis zu dem Punkt als er etwas gemacht hat, was fast alle Praesidentem oder Praesidentschaftskandidaten machen wenn es darum geht Waehlerstimmen bei den Immigranten zu erheischen. Er hat gegen jegliche konservative Politik allen Illegalen die 25 Jahre im Land sind, arbeiten und Steuern zahlen und dann kommt noch der groesste Hammer fuer mich, regelmaessig in die Kirche gehen, 'permanentes Aufenthaltsrecht' versprochen und dass man die Familien nicht auseinander reissen soll. Aber der Spiegel hat wirklich recht, denn wer bleibt denn noch uebrig bei der GOP, da sich die Kandidaten selbst regelmaessig demontieren und Romney von den anderen demontiert wird.
Emil Peisker 26.11.2011
5. utopische Tagträume
Zitat von WhereIsMyMoneyTsss, Gingrich. Lächerlich. Da sind sogar die Idioten Perry, Bachman und Cain eher wählbar. Die Medien geben sich weiterhin alle Mühe, aber Ron Paul hat schon so gut wie gewonnen. Die "Blue Republican"-Bewegung(Demokraten die für Ron Paul stimmen wollen) erreicht neue Dimensionen. Von Tag zu Tag erfahren auch immer mehr Republikaner, dass Ron Paul der einzig Ehrliche ist. Bei der letzten CNN-Debatte, in der Ron Paul endlich die verdiente Gesprächszeit bekam, hat er gleich Romney und Gingrich Mal wieder ausgeknockt.
Die Positionen des Ron Paul sind bizarr, sie stellen für niemanden in den USA ein denkbare Alternative dar. Ein Staat wie die USA heute, kann nicht geführt werden, wie Anno dazumal die Gründungsstaaten. Ron Pauls Credo ist ein unstillbares Heimweh nach der "guten alten Zeit". Er verklärt im Rückblick die brutalen Verhältnisse der Zeit um den Beginn des 18. Jahrhunderts, und er trauert wohl um die vertane Chance, dass sich die USA in die Richtung entwickelten, wie er es gerne gesehen hätte. Das sind offensichtlich utopische Tagträume, die wie jedes gute Märchen, das Herz ergreifen, aber die sich niemals erfüllen. Basically, Paul seems to want to revert to the 18th century, when every bank could set its own monetary policy and every community ran its own schools — presuming, of course, the community wanted to pay for them. "The founders of this country were well educated, mostly by being home-schooled or taught in schools associated with a church," he reasons. Those of us who were not born in the gentry could presumably go back to sewing and reaping hay. http://www.nytimes.com/2011/11/26/opinion/ok-now-ron-paul.html?src=un&feedurl=http%3A%2F%2Fjson8.nytimes.com%2Fpages%2Fopinion%2Findex.jsonp
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