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Republikaner-Kandidat Gingrich Good Newt, Bad Newt

"Ich bin ein ziemlich guter Stratege": Newt Gingrich ist gerade erst zum Spitzenreiter der republikanischen Präsidentschaftsbewerber aufgestiegen, da fühlt er sich schon wie das nächste US-Staatsoberhaupt. Bei einem Auftritt in Washington wird seine ganze Selbstüberschätzung sichtbar.

Unter den 44 bisherigen Präsidenten der Vereinigten Staaten gibt es nur sehr wenige, die es mit Newt Gingrich aufnehmen können. Unweigerlich jedenfalls drängt sich dieser Eindruck dem Betrachter auf, verbringt er nur eine Viertelstunde mit dem aktuellen Spitzenreiter der republikanischen Präsidentschaftskandidaten in einem Raum. Dieser Mann hat, man muss das so sagen, mächtig Oberwasser.

Es ist Mittwochnachmittag, ohne Unterlass fällt der Regen auf die Hauptstadt, und Newt Gingrich schnoddert sich bei der Republican Jewish Coalition (RJC), der Plattform der jüdischen Parteianhänger, mit dem Gestus des Allwissenden durch sein Programm. "Diese Wahl ist die wichtigste seit 1860", sagt er. Erster Hinweis des Tages auf Abraham Lincoln; jenen Präsidenten, der damals die Wahl gewann, in einen Bürgerkrieg zog, die Union rettete und die Sklaverei abschaffte. Lincoln gilt nicht als der Geringste unter den US-Präsidenten.

Profiteur von Cains Abgang

Für Gingrich ist das genau die richtige Kragenweite. "Euch allen wurde im Juni und Juli erzählt, dass ich verschwunden bin. Und es muss ein großer Schock sein, dass ich wieder auftauche." Gingrich grinst. Tatsächlich liefen dem 68-Jährigen im Sommer die Mitarbeiter davon - sie hatten kein Vertrauen mehr in seine Kampagne. Gingrich ("Ich bin ein ziemlich guter Stratege") schien aus dem Rennen.

Durch stets selbstverliebte und teils aggressive Auftritte in den TV-Debatten mit seinen republikanischen Kontrahenten schaffte er das Comeback. Seit schließlich Herman Cain am vergangenen Wochenende wegen anhaltender Sex-Vorwürfe und eines Affären-Gerüchts aus dem Rennen ausgestiegen ist, wechseln dessen Anhänger in Scharen zu Gingrich - und bescheren ihm in Umfragen mittlerweile einen zweistelligen Vorsprung vor Mitt Romney, dem Ex-Gouverneur von Massachusetts.

Im wichtigen ersten Vorwahlstaat Iowa liegt Gingrich einer Umfrage der "New York Times" zufolge unter republikanischen Parteigängern derzeit bei 31 Prozent. Mitt Romney (17 Prozent), Ron Paul (16 Prozent) und Rick Perry (11 Prozent) folgen mit großem Abstand.

Ja, da geht was, muss sich Gingrich denken. Bei der republikanisch-jüdischen Koalition in Washington spricht er bereits nicht mehr wie ein Kandidaten-Kandidat, sondern wie der (siegessichere) Herausforderer von US-Präsident Barack Obama. Den will er im kommenden Jahr "in drei Sieben-Stunden-Debatten" zur Rede stellen. Ungefähr so wie es damals - richtig! - Abraham Lincoln mit Gegner Stephen Douglas gemacht hat.

Nancy Reagan und Laura Bush mit einem Schuss Jackie Kennedy

Selbstverliebt, überheblich, arrogant - wenn sich Newt Gingrich in diesem Aggregatzustand zeigt, nennen sie ihn den "Bad Newt". Einer, der das, was er sich gerade aufgebaut hat, wieder einreißt. Einer, der seine Ideen, seinen Redefluss nicht kontrollieren kann. Weil er seine Frau Callista mit der weißblonden Helmfrisur schlecht auch noch als Lincoln-Reinkarnation vermarkten kann, hat er sich da neulich etwas anderes ausgedacht: Sie sei eine Mischung aus den früheren First Ladies Nancy Reagan und Laura Bush mit einem Schuss Jackie Kennedy. Nun denn.

Gingrich hat für solcherlei Angebereien schon büßen müssen in seiner langen Karriere. In den neunziger Jahren blockierte er als Sprecher des Repräsentantenhauses über Monate mit großer Geste den Haushalt von Präsident Bill Clinton, der seine Beamten zeitweise nicht mehr bezahlen konnte. Auch das Amtsenthebungsverfahren gegen Clinton trieb Gingrich voran, Motto: "Neuformung des amerikanischen Charakters". Dabei war er zu dem Zeitpunkt selbst schon zweimal verheiratet und bandelte gerade mit Ehefrau Nummer drei an, die damals aber noch anderweitig gebunden war.

Am Ende jedenfalls war Gingrich einer der unpopulärsten Politiker Amerikas. Er machte sein Geld fortan mit Politikberatung, nutzte seinen Einfluss auf politische Entscheidungsträger in Washington. Lobbyismus? So will Gingrich das heute natürlich nicht nennen. Dabei hat er mindestens 1,6 Millionen Dollar ausgerechnet von der Hypothekenbank Freddie Mac kassiert. Freddie Mac ist jener vom Staat während der Finanzkrise gerettete Konzern, den Gingrich in der Öffentlichkeit stets kritisiert hatte.

"Jede Menge Jugendliche in Teilzeit beschäftigen"

Die Obama-Leute meinen, dass Gingrich wegen all des historischen Ballasts, den er mit sich trägt, einen leichteren Gegner abgeben könnte als Mitt Romney, auf den sie sich eigentlich schon eingeschossen hatten. Andererseits ist Gingrich für sie vor allem eines: unberechenbar, seine Aktionen sind schwer vorherzusagen.

Und tatsächlich kommt er ja trotz aller Eskapaden erstaunlich gut an bei konservativen Wählern. Da hilft es Romney nicht, dass er einen Videospot mit Aufnahmen seiner Familie in Umlauf bringt, sich als verlässlichen Vater und Ehemann präsentiert - und damit auf Gingrich zielt. Auch Rick Santorum, der einzige katholische Bewerber im Feld, erntet beim RJC in Washington weniger Applaus als Gingrich, obwohl Santorum extra darauf hingewiesen hatte, dass zwar alle Kandidaten für die Ehe seien, Reden und Handeln aber nicht bei allen zusammenpasse.

Gingrich ist sich seiner selbst so sicher, dass er schon das zweite Mal seit Beginn seines Höhenflugs für die Lockerung der Gesetze gegen Arbeit von Jugendlichen wirbt (siehe Video). Seine Idee soll Schule machen: "Ein neuer Hausmeister verdient doppelt so viel wie ein junger Lehrer wegen der Gewerkschaften. Mein Modell sähe einen erwachsenen Hausmeister und einen Assistenten vor. Dann nimmt man den Rest des Geldes und beschäftigt jede Menge Kids in Teilzeit." Der "Bad Newt" hat wieder zugeschlagen.

Doch Gingrichs größtes Problem ist wohl das Geld. Er hat viel zu wenig einsammeln können über den Sommer. Jetzt wirbt er fast täglich und unermüdlich um Spender. Schon in vier Wochen steht der Iowa Caucus an, eine gute Woche später die Vorwahl in New Hampshire. Mitte Januar dann geht es nach South Carolina und schließlich nach Florida. In fast allen Staaten hat Gingrich Chancen auf einen Sieg - allerdings benötigt er dafür eine Basisorganisation vor Ort. Er muss dort Mitarbeiter haben, die für ihn kämpfen. Die "New York Times" hat gerade noch einmal die bitteren Zahlen zusammengetragen: Zum Ende des letzten Spendenzeitraums Ende September konnte Gingrich gerade einmal 2,9 Millionen Dollar für seine Kampagne verzeichnen; Mitt Romney dagegen 32 Millionen.

Aber andererseits: Warum sollte das in Gingrichs Welt ein Problem sein? Auch Lincoln ging schließlich als Underdog ins Rennen gegen Stephen Douglas. Genau, das hat Gingrich an diesem regnerischen Nachmittag selbstverständlich erwähnt.