Republikaner McCain Ein Schmerzensmann fürs Weiße Haus

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3. Teil: Die Qualen des "Hanoi Hilton"


Dort erwartete ihn eine mordlüsterne Menschenmenge. Jemand in Uniform stach ihn mit dem Bajonett in den Knöchel und die Leiste. Ein Gewehrkolben zerschmetterte seine Schulter. Man riss ihm die Uniform herunter. Sein rechtes Bein stand fast im rechten Winkel ab, der Knochen stand heraus. Einige Vietnamesen versuchten, die wütenden Angreifer abzuhalten. Schließlich landete er hinten auf einem Lastwagen und kam ins Hoa-Lison-Gefängnis, ins größte Lager für Kriegsgefangene in Nordvietnam. Die Amerikaner nannten es "Hanoi Hilton". Man schlug ihn, man trat ihn, man verweigerte ihm medizinische Versorgung, McCain starb fast. Dann besuchte ihn ein Gefängnisbeamter, den sie "die Laus" nannten, in der Zelle. "Dein Vater ist ein großer Admiral", sagte er. "Jetzt bringen wir dich ins Hospital." Ohne Betäubung machte sich ein Arzt an dem einen gebrochenen Arm zu schaffen und ignorierte den anderen.

Sein Vater rettete McCain erst das Leben. Die Prominenz der Familie sorgte dann aber auch dafür, dass ihm das Leben zur Hölle wurde. Er sollte ein Geständnis ablegen oder wenigstens etwas gegen den Krieg sagen. Sie versprachen ihm baldige Entlassung und gaben ihm Einzelhaft. McCain spielte nicht mit. Er war Soldat in der dritten Generation. Mehr noch als für andere besaß der militärische Ehrenkodex für ihn Gültigkeit, wonach es ihm verboten war, vom Feind Entlassung oder andere Vorzugsbehandlung anzunehmen.

Nach acht Monaten ließ ihn der Kommandeur des Gefängnisses, den sie "die Katze" nannten, vor sich bringen und fragte ihn, ob er entlassen werden wolle. Nein, antwortete McCain. Später sollte er vor einer nordvietnamesischen Abordnung seine Verbrechen eingestehen. Als er wieder ablehnte, schlugen sie ihn dermaßen, dass mehrere Rippen und Zähne brachen. Seine entstellten Arme wurden mit einem Seil hinter seinen Rücken gebogen. Tagelang wurde er geschlagen, weil er kein Geständnis ablegte. Wieder und wieder fiel er in Ohnmacht. Wenn er in seiner Zelle aufwachte, lag er in seinen Exkrementen.

"Das vietnamesische Volk rettete mein Leben"

Nach einer Woche war er am Ende. Er unterschrieb eine Erklärung, die besagte "Ich bin ein schwarzer Verbrecher und habe die Taten eines Luftpiraten ausgeführt. Fast wäre ich gestorben, und das vietnamesische Volk rettete mein Leben."

In den folgenden rund viereinhalb Jahren bemühte sich McCain, sich physisch und psychisch aufzupäppeln. Seine Arme konnte er nicht ganz ausstrecken, aber er vollführte Kniebeugen und Liegestützen und lief in seiner Zelle auf der Stelle. Am 30. Dezember 1972 befahl sein Vater, die Bombardierung des Nordens einzustellen. Als Henry Kissinger nach Hanoi reiste, um das Abkommen über das Ende des Krieges zu unterzeichnen, boten ihm die kommunistischen Führer an, er könne John McCain mit nach Hause nehmen. Kissinger lehnte ab, McCain dankte ihm später dafür.

Am 14. März 1973 kehrten etliche amerikanische Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. McCain war 36 Jahre alt, in der Gefangenschaft war sein Haar weiß geworden. Von der Einladung ins Weiße Haus gibt es ein Foto, McCain in blendend weißer Uniform, schwer auf Krücken gestützt, ihm gegenüber Richard Nixon "Alles hatte sich verändert", fand er. "Vom Kleidungsstil über die sexuelle Revolution bis zu einer Art Zynismus im Reden über die Regierung und hin zu einem Mangel an Vertrauen in Amerikas Zukunft."

Er las viel. Ihm wurde klar, dass die Generale und Admirale, auch sein Vater, lange schon gewusst hatten, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Er zog die Schlussfolgerung, dass die gesamte militärische Führung hätte zurücktreten müssen.

Privat kam es so, wie es oft kam in den Familien der Vietnam-Veteranen. Die Ehe hielt nicht, wohl vor allem deshalb nicht, weil McCain darauf versessen war, die verlorenen Jahre nachzuholen. Wieder folgte er den Spuren seines Vaters und ging für die Marine als Direktor des "Office for Legislative Affairs", angesiedelt im Senat, nach Washington. Als ihm bewusst wurde, dass er es mit seinen Behinderungen nicht zum Admiral schaffen würde, verließ er die Marine und ergriff die Gelegenheit, in die Politik überzuwechseln. Dabei begünstigte ihn der Umstand, dass er die schöne reiche Tochter eines Biervertriebshändlers, des fünftgrößten Amerikas, geheiratet hatte und nun in Arizona lebte.

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