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31. August 2012, 21:41 Uhr

Wahlkämpfer Romney

Obamas bester Mann

Aus Tampa, Florida, berichtet

Alles andere als ein Durchbruch: Mitt Romney hat sich auf dem Republikaner-Parteitag in Tampa nicht neu erfinden können. Stattdessen spricht Amerika am Tag danach von einem Hollywood-Greis und seinem Stuhl. Für US-Präsident Obama ein Glücksfall.

Wie bezeichnend, dass nach der wichtigsten Rede des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney alle nur über eines zu reden scheinen: den skurrilen Auftritt von Hollywood-Greis Clint Eastwood, der auf dem Parteitag der Republikaner ein Zwiegespräch mit einem leeren Stuhl hielt, auf dem Eastwood Präsident Barack Obama imaginierte.

Dazu hat jetzt jeder etwas zu sagen: Einfach irre, der Alte, heißt es bei den einen. Oder dass das doch gar nicht so schlecht war, recht lustig gar und bei den Delegierten prima ankam, beharren die anderen. So oder so, zu Clint Eastwood hat jeder eine Meinung.

Aber zu Mitt Romney? Eher nicht. Was wollte der Mann uns sagen? Warum hielt er eine solch "banale Rede" ("New York Times")? Wer der echte Romney ist hinter dem kühl wirkenden, steifen Kandidaten - das hat Amerika nach einer Woche Parteitag mit zig Reden über Romney und einer von Romney selbst noch immer nicht erfahren dürfen.

Was für eine Gelegenheit hat er da verstreichen lassen! Von "Framing" - also einrahmen - sprechen Kommunikationsexperten, wenn sie jenen Prozess beschreiben, bei dem sich der Kandidat in der Öffentlichkeit ein Image zulegt. Romney hätte sich in Tampa einen Rahmen zimmern können, durch den er in Zukunft wärmer, emotionaler, kurzum: menschlicher wahrgenommen würde. Er hatte die Aufmerksamkeit eines Millionenpublikums, live, eine Dreiviertelstunde lang.

Romney verzichtete. So werden jetzt andere dem Mann ein Framing verpassen. Vorneweg Obamas Wahlkampfteam. Der kühle Geschäftsmann, der Polit-Roboter, der Opportunist ohne Rückgrat - all diese Stereotype werden sie wieder und wieder in der heißen Phase des Wahlkampfs anbringen. Auch die Unwahrheiten, derer sich Romney-Vize Paul Ryan in seiner Parteitagsrede bediente, werden Obamas Leute in den kommenden Tagen - am Dienstag beginnt der Parteitag der Demokraten in Charlotte - noch zu thematisieren wissen.

Obamas Team lästert über Romney

Romney muss drei TV-Debatten gegen Obama, den begnadeten Rhetoriker, durchstehen. Wenn er aber noch nicht mal seine Chance genutzt hat, als er auf der eigenen Krönungsmesse die ungetrübte Aufmerksamkeit der Amerikaner hatte, wie will er dann im Duell mit Obama ein positives Bild von sich vermitteln?

Romney-Sprecherin Andrea Saul stellte fest: "Obama führt einen Wahlkampf persönlicher Erniedrigung gegen Romney, um eine Debatte über seine miese Bilanz in der Wirtschaftspolitik zu vermeiden." Das ist natürlich reichlich dick aufgetragen, dennoch ist zweifelsohne richtig: Obama hat eine schlechte wirtschaftspolitische Bilanz, Romney aber hat daraus noch keinen entscheidenden Nutzen ziehen können.

Hinzu kommt: Seine außenpolitischen Vorstellungen bleiben neblig. Kaum ein Wort verlor er auf dem Parteitag darüber. Die "New York Times" kommentiert: "Während Präsident Obama im innenpolitischen Bereich angreifbar ist, haben die Republikaner in der Außen- und Sicherheitspolitik nichts zu bieten."

So musste sich das Team Obamas am Tag danach kaum Romneys Konzepte vornehmen, sondern lästerte über den Eastwood-Auftritt. "Was zur Hölle ist das?", twitterte Obamas Top-Stratege David Axelrod. Und Obama selbst ließ über den Kurznachrichtendienst nur die Botschaft verbreiten: "Dieser Stuhl ist besetzt", inklusive Foto des Präsidenten auf seinem Stuhl.

"Uni-Absolventen sollten nicht auf verblassende Obama-Plakate schauen"

Hohn und Spott sind im politischen Geschäft eine scharfe Waffe. Ist ein Politiker erst auf dem Weg zur Karikatur seiner selbst, schwinden die Wahlchancen. Und zu verpuffen droht jene Taktik, die sich die Republikaner sorgfältig für ihren Parteitag zurechtgelegt hatten: Sie wollten an jene appellieren, die 2008 wegen der Versprechen von "Hope" und "Change" für Obama gestimmt hatten, dann aber enttäuscht wurden.

Paul Ryan erntete Jubel mit dem Spruch, dass Uni-Absolventen nicht noch als Endzwanziger "in ihren Kinderzimmern leben, auf die verblassenden Obama-Poster an der Wand starren und sich fragen sollten, wann sie endlich ausziehen und mit ihrem eigenen Leben loslegen können". Romney umgarnte die Obama-Wähler von 2008 ebenfalls, sprach vom "Reiz", den die Botschaften des Präsidenten damals gehabt hätten. Aber: Wer könne schon sagen, dass es ihm heute besser gehe als vor vier Jahren?

Das war alles gut gedacht. Nur verpufft es einerseits unter der Last der Belanglosigkeit von Romneys Rede - sie bot keine Visionen, keine Leidenschaft, keine Erzählung - und andererseits unter der Klamauk-Rede von Clint Eastwood. Barack Obama hatte eine gute Woche mit Blick auf diesen Republikaner-Parteitag.

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