Republikaner-Skandale Sex, Drogen und Schmiergelder

Seit Watergate waren nicht mehr so viele Republikaner in handfeste Skandale verwickelt. Der jüngste Fall: Ein Massenprediger kauft Drogen und war Callboy-Kunde. Eine Chronik der Doppelmoral.

New York - New York - Ted Haggard war eine Schaltstelle zwischen dem Weißen Haus und der christlich-konservativen Wählerbasis. Als Präsident der National Association of Evangelicals führte er 45.000 Kirchen mit 30 Millionen Mitgliedern. "Time" zählte ihn als einen der 25 mächtigsten Glaubensmänner der USA. Montags nahm er oft an einer Schaltkonferenz mit Washington teil, in der er sich etwa dafür einsetzte, dass die Regierung einen steifen Kurs gegen die Schwulenehe und außerehelichen Sex hielt.

Doch Haggard (verheiratet, fünf Kinder) führte offenbar selbst ein Jekyll-Hyde-Doppelleben. Jetzt beichtete er, einen schwulen Callboy getroffen und die Party-Droge Crystal Meth gekauft zu haben. Er habe den Callboy "nur für eine Massage" angeheuert und das Meth gleich "weggeworfen", beteuerte der Kirchenführer zwar, von Reportern im Auto erwischt, neben ihm seine konsternierte Gattin Gayle. Doch der Callboy erzählt eine andere Geschichte: Er habe mit Haggard eine dreijährige Sex-und-Drogen-"Geschäftsbeziehung" unterhalten.

Haggard, 50, trat freiwillig von seinem Führungsamt zurück. Gestern wurde er dann auch noch von seiner eigenen Megakirche in die Wüste geschickt, der New Life Church in Colorado Springs mit 14.000 Anhängern - wegen "sexuell unmoralischem Benehmen". Offenbar glaubten seine Jünger lieber dem Callboy. Und so nimmt der jüngste Skandal in diesem skandalösen Wahlkampf seinen Lauf.

Sex, Drogen, Betrug, Korruption, Mauschelein: Lange nicht mehr sind so viele Scheinheilige enttarnt worden wie in diesem US-Wahljahr - vor allem im Dunstkreis der republikanischen Partei, der selbsternannten Hüterin von Sitte und Moral der Nation. "So viele verschiedene Skandale zur gleichen Zeit, das ist ziemlich einmalig", staunte der Historiker Julian Zelitzer in der "Washington Post". "Die Zahl der Geschichten ist geradezu überwältigend."

Die meisten Abgeordneten korrupt?

Und sie gefährdet die ohnehin wackligen Wahlschancen der Republikaner-Kandidaten in der Provinz - auch wenn die sich abstrampeln, sich von den inkriminierten Herrschaften zu distanzieren. Doch die christlich-konservative Basis, deren massiver Mobilisierung die Partei ihre letzten Wahlsiege allein zu verdanken hatte, droht nun desillusioniert, verärgert und aus Protest auf ihren Stimmen sitzen zu bleiben. Zumal der Kongress viele damalige Wahlversprechen an sie (Reduzierung des Defizits, Rentenprivatisierung) nicht erfüllt hat.

Das Volk resigniert. Einer aktuellen Gallup-Umfrage zufolge ist die Hälfte aller Amerikaner fest davon überzeugt, "dass die meisten Kongressmitglieder korrupt sind". Jeder Dritte glaubt, dass auch sein "eigener Abgeordneter ein Betrüger" sei. Doch nicht nur die Politiker selbst sorgen für diese trübe Stimmung, sondern auch die, mit denen sie Händchen halten in den düsteren Fluren von Macht und Religion. Hier eine Chronik der jüngsten Skandale - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Sex, Drogen, minderjährige Boys

Der Fallout der Haggard-Affäre dürfte bis weit über den Wahltag am Dienstag hinaus reichen. "Ich war in Versuchung", flehte Haggard, ganz der reuige Sünder, um Vergebung für sein Drogendeal mit dem feschen Callboy. "Ich habe es gekauft. Aber ich habe es nie genommen." Haggards Halbbeichte erinnert an Bill Clintons klassisches Marihuana-Bekenntnis von 1992, ebenfalls in einem Wahlkampf ("experimentiert", aber "nicht inhaliert").

Mike Jones, 49, der inzwischen pensionierte Callboy, beharrt auf seiner Version. Schon rudert das Weiße Haus panisch zurück: Haggard habe allenfalls an "ein paar" Schaltkonferenzen teilgenommen und sei nur "ein- oder zweimal" im Weißen Haus gewesen. Ach ja, der alte Degradierungstrick: Lästige Freunde werden zu flüchtigen Bekannten.

Ähnliches widerfuhr auch dem korrupten Ex-Lobbyisten Jack Abramoff (siehe unten). Doch der Schaden ist angerichtet. "Sexuelle Sünde, ob homosexuell oder heterosexuell, hat ernsthafte Folgen", donnerte James Dobson, der Gründer der Basisgruppe Focus on the Family, die seit langem Missmut mit den Republikanern zeigt. "Diese persönliche Tragödie wird öffentliche Konsequenzen haben", warnte auch Tony Perkins vom ultrakonservativen Family Research Council.

Konsequenzen auch für die Wahl? Schon sagen viele, der wahre Sündenfall sei nicht der Sex, sondern die politische Heuchelei. Ähnlich wie beim letzten Fall, als ein bigotter Moralwächter hinter verschlossener Tür genau das auslebte, wogegen er selbst gepredigt hatte: Mark Foley.

Schweigegeld für die Mätresse

Der Republikaner Foley - damals Vorsitzender der Arbeitsgruppe für missbrauchte und misshandelte Kinder, so was lässt sich nicht erfinden - ließ sich dabei erwischen, minderjährigen Kongressboten anzügliche E-Mails geschickt zu haben. Er trat zurück, doch etliche Kollegen, die um Wiederwahl kämpfen, sehen sich nun mit in den Strudel gerissen. Der New Yorker Abgeordnete Tom Reynolds musste sich öffentlich dafür entschuldigen, von Foleys Benehmen gewusst, doch geschwiegen zu haben.

Auch die Abgeordneten Deborah Pryce, Sue Kelly und Heather Wilson, die mit für das Wohl der Laufburschen zuständig waren, können sich nun peinlichen Fragen nicht entziehen. Foleys Wahlkreis in Florida gilt derweil als verloren - es war schon zu spät, seinen Namen von den Wahlkarten zu tilgen.

Die Republikaner Don Sherwood und John Sweeney müssen derweil aus anderem Grund um ihre Sitze zittern. Sweeney soll seine Frau bei einem nächtlichen Streit verprügelt haben - wobei der Polizeibericht hilfreich klarstellt, dass beide zu dem Zeitpunkt "betrunken" gewesen seien. Sherwood wurde von einer langjährigen Geliebten auf Schmerzensgeld verklagte, weil er sie gewürgt habe. Sherwood sagt, es habe sich nur um eine "Massage" gehandelt (siehe Haggard). Anfang November wurde die Sache beigelegt; Sherwood soll 500.000 Dollar gezahlt und die Mätresse sich zum Schweigen verpflichtet haben. Jedenfalls bis zum Wahltag.

2. Korruption, Schmiergeld, Steuertricks

Der im März wegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilte, flamboyante Lobbyist Jack Abramoff reißt bis heute seine Amigos im Kongress mit ins Verderben. Rund ein Dutzend Abgeordnete sind in diese endlose Tentakel-Affäre verstrickt - und im Visier der Ermittler.

Etwa die bisher ihrer Wiederwahl sicheren Republikaner Richard Pombo und John Doolittle aus Kalifornien. Pombo - der auch mal Verwandte aus der Wahlkampfkasse bezahlte - war ein Top-Verbindungsmann Abramoffs und soll ihm politisch dienlich gewesen sei, im Gegenzug für Wahlspenden. Im Senat rächen sich die alten Abramoff-Connections für den Republikaner Conrad Burns, den am längsten gedienten Senator in der Geschichte Montanas. Das Rennen dort ist nun Kopf an Kopf.

Der frühere republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Tom DeLay ("der Hammer"), trat bereits im Juni zurück. Zwei seiner engsten Mitarbeiter waren im Rahmen des Abramoff-Skandals zu Haft verurteilt worden; er selbst wurde wegen Verstoßes gegen diverse Spendengesetze angeklagt. Auch DeLays Name bleibt auf den Wahlkarten, einen neuen Kandidaten gibt es nicht. Sein Wahlkreis in West-Texas gilt als aufgegeben.

In Connecticut steckt Christopher Shays mit im Abramoff-Sumpf. Der Top-Republikaner soll unter anderem eine Reise nach Qatar vertuscht haben, finanziert von einer mit Abramoff verbandelten Gruppe. Außerdem machte er von sich reden, indem er den Folterskandal von Abu Ghureib mit den Worten abtat: "Hier geht es mehr um Pornographie als um Folter."

Mafiamethoden in New Jersey

Der Ohio-Republikaner Bob Ney trat am Freitag zurück. Auch er war in die Abramoff-Sache verwickelt und hatte sich im Oktober - einen Monat verspätet, da er in Entzugskur war - der Korruption für schuldig erklärt: Er habe sich im Gegenzug für politische Gefälligkeiten Dinner, Sporttickets und Luxureisen schenken lassen. Ihm drohen nun über zwei Jahre Haft. Die Demokraten machen es seinem Nachfolger Joy Padgett schwer, das Thema zu wechseln.

Der Republikaner Curt Weldon aus Pennsylvania bangt gleichfalls um seinen Posten. Gegen ihn ermittelt die Justiz unter anderem, weil er seiner Tochter staatliche Lobbyisten-Verträge beschafft haben soll. Weitere Vorwürfe drehen sich um angebliche illegale Kontakte zu zwei russischen Firmen und zwei serbischen Brüdern, die wiederum mit dem serbischen Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic verbunden gewesen sein sollen.

Der Republikaner Rick Renzi aus Arizona steht ebenfalls im Zwielicht - wegen eines dubiosen Immobiliendeals und diverser merkwürdiger Händel. Die Interessengruppe Citizens for Responsibility and Ethics in Washington (CREW) nennt ihn einen der "20 korruptesten Kongressmitglieder". Sein Kongresskollege Jon Porter soll unterdessen Dutzende illegaler Spendenaufrufe aus seinem Büro getätigt haben - ein Verstoß gegen das Wahlgesetz.

Aber auch ein Demokrat muss sich gegen Korruptionsvorwürfe wehren. Senator Robert Menendez aus New Jersey hat Probleme, seine Beziehungen zur Sozialhilfeorganisation North Hudson Community Action Corporation zu erklären, die ihm über 300.000 Dollar an Miete gezahlt hat und zugleich Millionen Dollar an staatlicher Stütze bekam. Diesmal sind es die Republikaner, die den Skandal freudig ausschlachten und Menendez "Mafiamethoden" vorwerfen - kein neuer Vorwurf in New Jersey.

Die Regierungspartei ist darob so angeschlagen, dass sie inzwischen selbst ganz offen mit dem Ärgsten rechnet - wohl auch, um mit lauten Unkenrufen doch noch die Basis zu mobilisieren. "Dies ist das schlimmste politische Klima für republikanische Kandidaten seit Watergate", sagt der Demoskop Glen Bolger, der sich in mehreren republikanischen Spitzenrennen abrackert. Sein Kollege Joe Gaylord erwartet, dass die Partei 35 bis 30 Sitze verliert (zum Machtwechsel genügen den Demokraten 15): "Es sieht sehr düster aus."

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