Republikaner-Vorwahlkampf Kampf der Kulturen

Die Attacken im Vorwahlkampf der US-Republikaner werden härter. Kurz vor der wichtigen Entscheidung in New Hampshire versuchen die Erzkonservativen, den moderaten Spitzenreiter Mitt Romney noch einzufangen. Gelingt es ihnen nicht, könnte das Rennen vorbei sein, bevor es richtig begonnen hat.

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Aus New Hampshire berichtet


Eigentlich waren es nur Spaghetti. Aber die müssen richtig gut gewesen sein. Mitt Romney jedenfalls geht es nach dem Essen super. Oh, wie er dieses Land liebe, flötet er in die Aula der Tilton School, eines alten Elite-Internats im Norden New Hampshires. Durch die Gänge zieht nach Speisung seiner mehr als 200 Anhänger der Duft von Tomatensauce. Ein Rentner in Reihe eins wirft jetzt ganz spontan ein, dass man sich niemals für Amerika entschuldigen solle. Herrliche Vorlage.

Hey, sagt der aufgekratzte Romney, hat vielleicht jemand mein Buch hier? Er greift hinter sich. Oh, da ist ja eins! Siehst du den Titel, siehst du das, fragt er den Rentner und hält ihm das Buch direkt vors Gesicht: "Keine Entschuldigung", steht darauf.

"Verdammt, Europa funktioniert nicht mal in Europa"

Der alte Mann nickt anerkennend. Es läuft. Ob vielleicht Militär-Veteranen im Raum seien, fragt Romney dann. Der alte Mann und ein paar andere heben die Hand. "Danke, danke, danke, danke, danke euch sehr", sagt Romney. Ach, es könnte alles so schön sein, wenn da nur dieser Typ im Weißen Haus nicht wäre: "Obama will, dass wir ein europäischer Wohlfahrtsstaat werden", schmettert Romney in den Saal: "Liebe Leute, verdammt, Europa funktioniert nicht mal in Europa." Jubel.

Wenige Tage vor den republikanischen Vorwahlen in New Hampshire am kommenden Dienstag inszeniert der sonst so roboterhafte Romney an diesem Abend in Tilton Lockerheit. Oder besser: Er hämmert den Leuten seine vermeintliche Coolness ein - mit vorbereiteten Witzeleien und angeblich zufällig entdeckten Büchern.

Romney, der knappe Sieger von Iowa, fühlt sich im Aufwind. In den Umfragen von New Hampshire führt er mit beinahe 30 Prozentpunkten; in South Carolina, wo am 21. Januar gewählt wird, liegt er ebenfalls vorn. Das Rennen der Republikaner könnte schon Ende Januar, nach der Vorwahl in Florida, entschieden sein. Kein Geheimnis, dass Romneys Strategen mittlerweile auf einen Durchmarsch hoffen. Siegt Romney in allen vier Staaten, dann ist die Sache gelaufen.

Der unbedingte Wille zum Sieg ist dem Mann anzumerken. Kühl kalkulierend bahnt er sich seinen Weg. Souveränität im Umgang mit der eigenen Person, gar eine Portion Selbstironie - all das scheint ihm fremd. Seit fünf Jahren bereitet sich der 2008 noch Gescheiterte nun auf diese Kandidatur vor. Fünf Jahre hat er investiert. Diesmal soll es endlich klappen. Aber gerade weil der einst moderate und sich jetzt mehr und mehr konservativ gebende Romney ganz offensichtlich alles tun würde für einen Sieg, erreicht er die Herzen der republikanischen Basis bisher nicht. In landesweiten Umfragen klebt er an der 20-Prozent-Marke.

Suche nach dem konservativen Einheitskandidaten

Die Konservativen dagegen haben ein ganz anderes Problem: Zwar treffen sie den republikanischen Zeitgeist, sie haben aber zu viele Kandidaten im Rennen. Rick Santorum, Rick Perry, Newt Gingrich - sie alle buhlen ums "conservative vote". Und nehmen sich gegenseitig die Stimmen. Das gilt auch nach dem Aus der Fünf-Prozent-Kandidatin und Tea-Party-Ikone Michele Bachmann. Führende Christkonservative wollen angeblich am Wochenende in Texas Kriegsrat halten, um sich zu verständigen. Es ist die Suche nach dem konservativen Einheitskandidaten. Könnte das Rick Santorum sein? Der erzkonservative Katholik, der in Iowa überraschend nur acht Stimmen hinter dem Erstplatzierten Romney mit seiner Multi-Millionen-Kampagnenkraft landete?

Im Wahlkampf von New Hampshire jedenfalls sind die neuen Fronten längst zu spüren. Gingrich lobt Santorum und attackiert Romney ("Lügner"). Durchaus möglich, dass sich Gingrich und Santorum noch zusammenschließen. Es sind vor allem diese beiden, die - anders als der texanische Gouverneur Perry - den Neuengland-Staat beackern, zig Auftritte absolvieren. Gelingt es ihnen, hier den Abstand auf Romney zu verkürzen, könnten sie seiner Kampagne den Schwung nehmen und dann im konservativeren South Carolina besser mobilisieren. Romney ist sich dieser Gefahr wohlbewusst: Umfragen, mahnt er im Internat von Tilton, "können sich über Nacht auflösen". Und fügt hinzu: "Bitte gebt mir einen größeren Vorsprung als acht Stimmen." Rick Santorum, der sich selbst einen "Jesus-Kandidaten" nennt, sagt: "Bei der letzten Umfrage lag ich 39 Prozentpunkte hinter Romney. Aber ich habe das Gefühl, dass es so nicht ausgehen wird."

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Entscheidung in New Hampshire: Die Attacken werden schärfer
Das hofft auch Jon Huntsman. Allerdings sieht er die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive. Huntsman - Ex-Gouverneur von Utah, Obamas Ex-US-Botschafter in China - ist ein weit gereister, gebildeter Mann. Also einer, der es in der republikanischen Partei, Version 2012, schwer hat. Er leugnet noch nicht mal den Klimawandel. Gerade haben mutmaßliche Anhänger von Kontrahent Ron Paul ein Video auf YouTube eingestellt, das Huntsman als "China-Jon" verspottet, der amerikanische Werte verrate. Der Grund? Huntsman spricht fließend Mandarin und hat eine chinesische Adoptivtochter. Paul selbst, in dessen Unterstützerkreis ohnehin bereits rassistische Gruppen aktiv sind, sagt, er kenne den Spot nicht; sein Wahlkampfteam rügte die Macher. Der Clip ist bezeichnend für die Stimmungslage.

So dümpelt Huntsman seit Monaten in den Umfragen ganz unten, in den TV-Debatten kommt er selten zu Wort, im konservativen Iowa hat er sich gar nicht erst um Stimmen bemüht. Aber im liberaleren New Hampshire. Huntsman setzt alles auf eine Karte, ist seit Monaten im Land unterwegs. "New Hampshire mag die Underdogs", sagt er. Wenn er hier einen Achtungserfolg erringt - oder mehr? - dann kommt seine Kampagne vielleicht in Schwung. Wenn nicht, ist er wohl in Kürze raus aus dem Rennen.

Am Freitag tritt der 51-Jährige vor Studenten in New Hampshires Hauptstadt Concord auf. Es ist ausgerechnet jener Ort, wo am Vortag Kontrahent Santorum wüst gegen die Homo-Ehe wetterte und eine nachfragende Studentin mit aggressiven Gegenfragen ("Du bist für die Ehe zwischen Mann und Mann? Was ist mit drei Männern? Oder fünf?") zum Heulen brachte. Als nun Huntsman in dem Saal auftaucht, ist es, als ob jemand das Fenster aufgemacht hat, um mal durchzulüften.

Wo Santorum über den Abwehrkampf gegen "sogenannte neue Realitäten" sprach und die gute alte Reagan-Zeit in den Achtzigern hochleben ließ, spricht Huntsman vor den Studenten übers 21. Jahrhundert: "Ich will ein Beschleuniger des Wechsels sein." Das Land müsse einig in die Zukunft gehen, "zuerst und vor allem sind wir Amerikaner". Das klingt alles ein bisschen wie Obama 2008. Und möglicherweise ist das auch Huntsmans größtes Problem: dass ihn die Republikaner als verkappten Demokraten sehen.

Die US-Truppen will er rasch aus Afghanistan abziehen, die Macht der großen Finanzkonzerne brechen: "Wenn sie zu groß sind, um zu scheitern ('too big to fail'), dann sind sie zu groß." Steuern? "Anders als die anderen unterschreibe ich diese lächerlichen Versprechen nicht." Gemeint ist der Schwur, niemals Steuern zu erhöhen, den nahezu alle Konkurrenten abgegeben haben.

Santorum und Gingrich gegen Romney. Huntsman gegen sie alle. Es ist ein Kampf der Kulturen in der Republikanischen Partei. Der einflussreiche "Boston Globe" hat gerade die Wahl Huntsmans empfohlen - obwohl Boston bekanntlich in Massachusetts liegt, jenem Staat, den einst Romney regierte.

Irgendwann steht im Saal von Concord eine Studentin auf: "Warum eigentlich bist du als Mann der Mitte der Underdog in diesem Rennen?" Ach, er sei Realist, entgegnet Huntsman. Nächsten Dienstag werde man klarer sehen. "Wenn die Leute an der Wahlurne stehen, müssen sie entscheiden: Gefällt ihnen dieser Zirkus der dummen Versprechen, dieses politische Theater - oder geht es ihnen um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika?"

So, wie es derzeit aussieht, geht es auch den Republikanern von New Hampshire eher um den Zirkus. In den letzten Umfragen liegt Huntsman bei gut zehn Prozent.

insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
ottoleckmich 07.01.2012
1. Ron Paul
Zitat von sysopDie Attacken im Vorwahlkampf der US-Republikaner werden härter: Kurz vor der wichtigen Entscheidung in New Hampshire versuchen die Erzkonservativen, den moderaten Spitzenreiter Mitt Romney noch einzufangen. Gelingt es ihnen nicht, könnte das Rennen vorbei sein, bevor es richtig begonnen hat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807765,00.html
Wenn Ron die Stimmen nicht von den GOPern kriegt, dann von den "Demokraten"! Wann kapiert ihr das endlich?
blurps11 07.01.2012
2. Offensichtlich...
Zitat von ottoleckmichWenn Ron die Stimmen nicht von den GOPern kriegt, dann von den "Demokraten"! Wann kapiert ihr das endlich?
...gehören zur Ron-Mania inzwischen auch Wahnvorstellungen.
kevinsteve79 07.01.2012
3. Ich WAR
Registrieter Demokrat und hab mich extra fuer Ron Paul als REP registrieren lassen um fuer ihn meine Stimme in Florida abzugeben!! Finde es auch ziemlich laecherlich, das dieses Video ueber John Huntsman, die Arbeit von Ron Paul Anhaegern sein sollte was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann!
Geheimagent 07.01.2012
4. Wahlkampfthemen
Zitat von sysopDie Attacken im Vorwahlkampf der US-Republikaner werden härter: Kurz vor der wichtigen Entscheidung in New Hampshire versuchen die Erzkonservativen, den moderaten Spitzenreiter Mitt Romney noch einzufangen. Gelingt es ihnen nicht, könnte das Rennen vorbei sein, bevor es richtig begonnen hat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807765,00.html
Zum Glück ist Amerika nicht pleite, es gibt kaum Arbeitsplose und auch keine Massenverarmung, da bleibt dem Wahlkämpfer natürlich nichts anderes übrig, als sich solch immens wichtiger Themen wie, Verbot der Schwulenehe und Abtreibung anzunehmen. Sehr wichtig ist natürlich vor allem auch die Frisur des Wahlkämpfers (Mitt Romney). Da könnte man als Europäer glatt neidisch werden...
Zero Thrust 07.01.2012
5.
Zitat von GeheimagentZum Glück ist Amerika nicht pleite, es gibt kaum Arbeitsplose und auch keine Massenverarmung, da bleibt dem Wahlkämpfer natürlich nichts anderes übrig, als sich solch immens wichtiger Themen wie, Verbot der Schwulenehe und Abtreibung anzunehmen. Sehr wichtig ist natürlich vor allem auch die Frisur des Wahlkämpfers (Mitt Romney). Da könnte man als Europäer glatt neidisch werden...
Warum auch sollten sie Themen anreißen, für die sie alle (ausgenommen Ron Paul, der hat 'ne Lösung für alles und sogar für die noch eine!) keine Lösung parat haben? Denn genau das wäre das erste, was dabei offenkundig würde und das weiß selbst dieses Horrorkabinett von Kandidaten, bzw. ihre Berater. Da hilft man sich doch lieber mit Themen, wie Sie sie anführen, denn was ist einfacher als das: "Schwulenehe ist inakzeptabel - und ich bin nicht schwul. Abtreibung kommt nich in Frage - und ich bin nicht schwanger. Romneys Frisur ist das Letzte - und meine ist besser." ;-) So einfach kann "Wahlkampf" sein.
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