Republikaner-Wahlkampf Die unberechenbare Mrs. Palin

Tut sie's, oder tut sie's nicht? Tea-Party-Ikone Sarah Palin bleibt undurchschaubar - immer noch schweigt sie sich darüber aus, ob sie für die Präsidentschaft kandidieren will. Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr: Der Wahlkampf der Republikaner gewinnt an Fahrt.

Sarah Palin im Tea-Party-Wahlkampf: Kokettieren mit der Präsidentschaftskandidatur
AFP

Sarah Palin im Tea-Party-Wahlkampf: Kokettieren mit der Präsidentschaftskandidatur

Von , Washington


Sie wollen es jetzt wissen. "Run, Sarah, run!", skandieren die Leute von der Tea Party. Wieder und wieder. Aber Sarah Palin sagt es einfach nicht: dass sie die Nominierung der republikanischen Partei anstrebt. Dass sie Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden will. Kein Ton, nichts. Mit genießerischem Grinsen lässt die Frau ihre Fans zappeln.

Es ist Montagnachmittag, Labor Day, Feiertag. Der letzte Tag des Sommers, und, so sagen viele, der eigentliche Start des Kampfs bei den Republikanern um die Präsidentschaftskandidatur. Jetzt soll es ernst werden, endlich. Allein im September sind drei große TV-Debatten der Bewerber geplant, am Mittwoch geht es nach Kalifornien, Simi Valley, in die Ronald-Reagan-Bibliothek. Darauf folgen zwei Großereignisse in Florida. Es könnte ein entscheidender Monat werden.

Gott, Geschichte, Gerede

Es geht um viel Geld, das bei erfolgreichen Schlägen gegen die Rivalen nach den Debatten eingesammelt werden könnte. Viele Spender sind noch unentschlossen, man will schließlich nicht auf den Falschen setzen. Was bringt es, wenn der geförderte Kandidat am Ende nicht zum Zug kommt? Nur Palin, die Ikone der rechten und radikalen Tea-Party-Bewegung, macht nicht mit. Noch nicht?

Kerzengerade steht die 47-Jährige auf der Bühne in Manchester im Staat New Hampshire an der Ostküste. Der Blazer rot, die Hose schwarz, die Haare toupiert. Run, Sarah, run! "Ich weiß eure Unterstützung zu schätzen", ruft sie. "Wir brauchen Politiker, die mehr tun, als nur reden", hat sie eben noch mit in die Höhe schießender Stimme den Leuten zugerufen.

Und hat dann doch wieder nur geredet. Über die Tea-Party-Amerikaner, die für die Freiheit kämpften und sich niemals für ihr Land entschuldigten. Über die abgehobene politische Klasse in Washington. Über die Schuldenmacherei der Regierung. Über die Lügen der Medien und Präsident Barack Obamas Gerede von Hoffnung und Wandel. Jetzt müsse das Volk die Sache in die Hand nehmen: "Die Lösungen kommen von euch", ruft Palin unter dem Jubel ihrer Anhänger. Gott wird ebenso ausführlich gewürdigt wie die Geschichte. Beide stehen - logisch - auf Palins Seite.

Das war am Montag. Ziemlich ähnlich war es am Samstag in Indianola, Iowa. Es gibt zig Flecken in Amerika, wo Palin diese Platte schon gespielt hat. Und immer, ohne sich zu erklären: Tritt sie an, oder tritt sie nicht an? Seit Juni geht das jetzt schon so. Kreuz und quer reist die ehemalige Gouverneurin von Alaska auf ihrer "One-Nation-Bus-Tour" durchs Land, taucht mal hier und mal dort auf. Wenn möglich, überträgt CNN dann live. Und all das - einfach nur so?

Bis Ende September werde sie sich erklären, lassen ihre Büchsenspanner wissen. Das halten nicht wenige in der republikanischen Partei für zu spät. Im Januar schon beginnen schließlich die Vorwahlen. Mittlerweile ist man zudem recht genervt von Parteifreundin Palin, der Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008. Denn sie profiliert sich nicht nur gegen Obamas Regierung, sie inszeniert sich als Anti-Politikerin an der Seite des Volkes. Wir gegen die.

"Größer als irgendeine Person"

So wird selbst ihr eigenes Schweigen in Sachen Präsidentschaftsbewerbung zum Quasi-Regelverstoß und Statement gegen das verhasste Establishment: "Die Tea-Party-Bewegung ist größer als irgendeine Person, und es geht hier auch nicht um einen Kandidaten", beteuert sie. Jene Republikaner, die ihre Bewerbung bereits erklärt haben, dürfen das durchaus als Affront auffassen.

Indirekt - aber sicher gezielt - hat sich Palin in den vergangenen Tagen just die beiden Bewerber vorgenommen, die in den Umfragen derzeit vorn liegen: Mitt Romney, den glatten, moderateren Ex-Regierungschef von Massachusetts und Texas-Gouverneur Rick Perry, einen konservativen Hardliner, der wie Palin auf die Unterstützung der Tea Party setzt.

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Wahlkampf in Iowa: Aufmarsch der Präsidentschaftskandidaten
Letzterer hat derzeit nicht nur mit den Waldbränden daheim im Süden zu kämpfen, sondern auch mit Vorwürfen, dass er sich bei Wahlkampfspendern mit Staatsaufträgen revanchiert haben soll. Palin sagte am Samstag in Iowa: Man müsse auch manche Republikaner-Kandidaten fragen, was ihre Spender im Falle des Falls als Gegenleistung erwarten. Das müsse man schon wissen: "Wii niiid to know this", sagt Palin und setzt ihrer Stimme keine Grenze nach oben.

Und Romney, der sich am Wochenende erstmals auf einer Tea-Party-Veranstaltung zeigte und sogleich Protest erntete, wird am Montag in Manchester mit diesen Worten bedacht: "Mehr und mehr Leute erkennen die Bedeutung unserer Graswurzel-Bewegung und wollen mitmachen. Klar, besser spät als nie, speziell für manche Kandidaten!"

Texaner Perry liegt vorn

In der aktuellen Gallup-Umfrage liegt Perry mit 29 Prozent deutlich vor Romney (17 Prozent), dem marktliberalen, 76-jährigen Ron Paul (13 Prozent) und Tea-Party-Frau Michele Bachmann (zehn Prozent). Weil im Feld der Spitzenreiter somit bis auf Romney alle mehr oder weniger auf Tea-Party-Ticket fahren, wird der Raum für eine mögliche Palin-Kandidatur ziemlich eng.

Zudem gelten 35 Prozent der Tea-Party-Anhänger laut Gallup als Perry-Unterstützer, 14 Prozent sprechen sich für Bachmann aus, die zuletzt für Aufsehen sorgte, als sie Hurrikan "Irene" als Zeichen Gottes an die Verantwortlichen in Washington deutete. Erst beteuerte sie, es handele sich um einen Scherz, später beharrte sie darauf, metaphorisch gesprochen zu haben: Die Amerikaner hätten verzweifelt versucht, die Aufmerksamkeit Obamas zu erringen. Und der habe sie ihnen verweigert.

Klar ist: Die Tea-Party-Bewegung hat nicht nur Präsident Obama während der Schuldenkrise vor sich hergetrieben - sie ist gerade dabei, die republikanische Partei von Grund auf zu verändern. Dieser Druck von Rechtsaußen könnte letztlich Obama retten.

Für den Präsidenten war der Tod von Top-Terrorist Osama Bin Laden im Mai die letzte gute Nachricht, seitdem ging es nur abwärts. Die eigenen Anhänger enttäuschte Obama zuletzt am Freitag, als er auf eigentlich geplante strengere Anti-Smog-Regeln zugunsten der Wirtschaft verzichtete. Die Republikaner verspotten ihn als "President Zero", weil das Jobwachstum bei null liegt. Für kommenden Donnerstag hat Obama einen Befreiungsschlag angekündigt: Der Mann will endlich raus aus der Defensive und einen Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorlegen.

Und wenn sich bei den Republikanern tatsächlich Palin oder Perry durchsetzen sollten, steht ein harter und polarisierender Kampf um das Weiße Haus bevor. Dann könnte Obama seine enttäuschten Anhänger doch noch einmal motivieren, für ihn zu stimmen. "Schaltet ein am Donnerstag", ruft er am Labor Day mit Blick auf seine kommende Rede Tausenden Anhängern auf einer Gewerkschaftskundgebung in Detroit zu. Und erntet Jubel.

insgesamt 103 Beiträge
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Bamboo, 06.09.2011
1. Papagei
Zitat von sysopTut sie's , oder tut sie's nicht? Tea-Party-Ikone Sarah Palin bleibt undurchschaubar - immer noch schweigt sie sich darüber aus, ob sie für die Präsidentschaft kandidieren will. Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr: Der Wahlkampf der Republikaner gewinnt an Fahrt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784555,00.html
Dem Kommentar von John Cleese ist auch heute nichts hinzuzufügen: http://www.youtube.com/watch?v=jMyNk8J1c8g
UluKay 06.09.2011
2. Phantasie ?
Ich stell mir gerade vor, wie es wäre wenn Palin tatsächlich die Wahl gewinnen würde. An ihrem Wesen wird dann die Welt genesen ? Horror !
kjartan75 06.09.2011
3. Titellos glücklich!
Zitat von sysopTut sie's , oder tut sie's nicht? Tea-Party-Ikone Sarah Palin bleibt undurchschaubar - immer noch schweigt sie sich darüber aus, ob sie für die Präsidentschaft kandidieren will. Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr: Der Wahlkampf der Republikaner gewinnt an Fahrt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784555,00.html
Es würde mich nicht wundern, wenn die Pitbull-Hockey-Mum sich ein symbolträchtiges Datum wie 9-11 aussucht, um ihre Präsidentschaft zu verkünden. Sie ist halt einfach gestrickt, die Gute und das ist ihr großes Plus, um bei den einfachen Leuten anzukommen, die von Politik nun wirklich keine Ahnung haben.
Barksdale 06.09.2011
4. ...
Eine Dame, die nicht an die Evolution glaubt, die denkt Dinosaurier wären vor tausend Jahren ausgestorben und Nordkorea sei Ihr Verbündeter, nun, der ist wahrlich nicht mehr zu helfen.
Gandhi, 06.09.2011
5. Allerdings
Zitat von kjartan75Es würde mich nicht wundern, wenn die Pitbull-Hockey-Mum sich ein symbolträchtiges Datum wie 9-11 aussucht, um ihre Präsidentschaft zu verkünden. Sie ist halt einfach gestrickt, die Gute und das ist ihr großes Plus, um bei den einfachen Leuten anzukommen, die von Politik nun wirklich keine Ahnung haben.
ist die Konkurrenz sehr gross. Von Bachmann bis Perry , die sich um die gleiche Bevoelkerungsgruppe bemuehen.
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