Revolte gegen Präsident Maduro Venezuela wartet, Venezuela wütet

Juan Guaidó hat sich zum Staatschef Venezuelas erklärt - noch schlägt das Regime von Präsident Maduro nicht zurück. Steht das Land vor dem Umsturz? Das entscheidet sich in den kommenden 72 Stunden.

Von , Mexiko-Stadt


Venezuelas Hauptstadt erwachte an diesem Donnerstag mit zwei Präsidenten und einer entscheidenden Frage: Wird die Regierung den selbst proklamierten Staatschef Juan Guaidó festnehmen lassen? Wie sie es schon so oft gemacht hat, wenn sich Oppositionspolitiker gegen die Regierung stellten.

Allein die Tatsache, dass Guaidó noch auf freiem Fuß ist, bedeutet bereits einen Sieg für die Opposition, die Gegner des linksnationalistischen Präsidenten Nicolás Maduro. Denn je länger er als "Übergangspräsident" agiert, desto mehr Unterstützung erhält er im Ausland, desto ermutigter sieht sich die Bevölkerung, ihren Protest gegen die ungeliebte Regierung fortzusetzen.

"Die Menschen brauchten das, sie brauchten so einen unerwarteten Schritt, daran können sie sich festhalten, endlich verläuft sich nicht mehr alles nur in Demonstrationen, sondern führt zu konkreten Aktionen", sagt José Quintero, der früher Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation Pro Catia in Caracas war und seit einigen Jahren in den USA im Exil lebt.

Proteste hat es gegen Maduro über die Jahre immer wieder gegeben, zuletzt wochenlang in Sommer 2017. An deren Ende waren mehr als hundert Tote zu beklagen, aber Maduro saß noch immer im Präsidentenpalast Miraflores. Demonstrationen, Proteste mit Toten sowie Sanktionen und Isolation - alle Attacken hat Maduro bisher pariert. Aber die Selbstproklamation von Guaidó bringt eine neue Situation. Ein entscheidender Unterschied zu den anderen Protesten ist die große internationale Anerkennung, die der junge Politiker erfährt.

Juan Guaidó
AFP

Juan Guaidó

Und so ist der Konflikt längst kein rein venezolanischer mehr, es ist jetzt auch ein internationaler. Binnen kurzer Zeit erkannten die USA, Kanada und die Organisation Amerikanischer Staaten Guaidó noch am Mittwoch als Präsidenten an. Russland, die Türkei und Kuba stellten sich hinter Maduro. Sowohl China als auch Russland und in der jüngsten Zeit die Türkei haben alles auf Maduro gesetzt, ihn mit Milliarden unterstützt und sich dafür Zugriff auf die lukrativen Ölvorkommen gesichert. Venezuela ist das Land mit den größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Die genannten Staaten werden einiges tun, um den angeschlagenen Autokraten an der Macht zu halten.

In Venezuela selbst ist Guaidó, der vor drei Wochen nur Insidern ein Begriff war, gelungen, woran all seine Vorgänger gescheitert sind: Er hat die Opposition geeint. Auch weil sie weiß, dass der jetzige Aufstand vielleicht die letzte Chance ist, den Machthaber loszuwerden, der sich in den vergangenen Jahren vom gewählten Staatschef zum rücksichtslosen Autokraten entwickelt hat. Maduro hat die Gesetze gebeugt, die Institutionen gleichgeschaltet und Parlamente geschaffen oder entmachtet, so wie es ihm gerade nützlich war. Alles nur, um an der Macht zu bleiben.

"Guaidó arbeitet hart, ist bescheiden, und er kann vereinen", sagt Lilian Tintori, Frau von Leopoldo López, dem Oppositionsführer der Partei Voluntad Popular, der im Hausarrest sitzt. "Aber er geht ein enormes Risiko ein", so Tintori. "Es kann sein, dass sie mit Guaidó umgehen wie mit meinem Mann und ihn einsperren".

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Politische Unruhen in Venezuela: Adiós, Maduro!

Wird Maduro einen offenen Konflikt mit Washington riskieren?

Mit Guaidó habe die Opposition plötzlich ein neues, unverbrauchtes Gesicht, sagt die Politologin Margarita López Maya. Das könnte helfen. "Die Menschen sind frustriert und haben die immer gleichen Vertreter der Opposition satt, die im Kampf gegen die Regierung immer nur gescheitert sind". Zudem gehört Guaidó nicht der Oligarchie des Landes an, gegen die viele Menschen genauso viele Vorbehalte hegen wie gegen die Chavisten. Sein Vater arbeitet als Taxifahrer in Teneriffa.

Der Mittwoch hat gezeigt, wie groß der Wunsch nach einem Oppositionsführer ist, hinter dem sich die Menschen versammeln können. Hunderttausende folgten im ganzen Land seinem Aufruf, am 23. Januar auf die Straße zu gehen. Es ist ein symbolisches Datum für das Land, weil an diesem Tag im Jahr 1958 der letzte venezolanische Diktator Marcos Pérez Jiménez gestürzt wurde. Selbst aus den Armutsvierteln, in denen die Menschen bisher Maduro die Treue hielten, beteiligten sich viele an den Protesten.

Nicolás Maduro
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Nicolás Maduro

Und noch etwas spricht für Guaidó: Seit der Protestwelle 2017 haben sich die Rahmenbedingungen entscheidend geändert. Die wirtschaftliche und soziale Situation mit Inflation, fehlenden Lebensmitteln und Medikamenten führt zu mehr Krankheiten, mehr Toten und noch mehr Hoffnungslosigkeit und Wut. Die Lage in dem südamerikanischen Land ist so dramatisch, dass die Menschen schlicht nur noch eines wollen: diese Regierung aus dem Amt jagen.

Entscheidend werden die kommenden 72 Stunden. Am Samstagabend Ortszeit läuft das Ultimatum von Maduro an die US-Diplomaten ab, das Land zu verlassen. Washington hat bereits angekündigt, der Ausweisung nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen nicht Folge zu leisten. Und Guaidó bat die US-Regierung schriftlich, ihre Vertreter nicht aus Caracas abzuziehen. Wird Maduro sie mit Gewalt aus dem Land schaffen lassen und einen offenen Konflikt mit Washington riskieren?

Spätestens dann wird auch klar sein, ob die militärische Führung weiter zu Maduro steht, wie es sich am Mittwochabend andeutete. Wenn die Offiziere die Seiten wechseln, sind die Tage des Autokraten in Caracas endgültig gezählt.

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whitewisent 24.01.2019
1.
Oh mein Gott, wann kommt die Schlagzeile von der nächsten XYZ-Revoulution? Die Inszenierung ist aber diesmal ziemlich schlampig gelungen, und nicht wirklich erfolgsversprechend. Trums Regierung dürfte sich ein Eigentor schießen, denn Venezuela ist dann doch etwas größer als Grenada oder Panama. Und wenn man das Land nun "befreit", könnte ein paar Hundertausend auf die Idee kommen, die Freiheit zu nutzen, um in die USA überzusiedeln. Wollen viele schon heute, und denken, es wäre der böse Maduro, der sie davon abhält. Venezuela zeigt doch beispielhaft, wie zerrissen die südamerikanischen Gesellschaften sind. Man wähnt sich dank der Petroldollars als Schwellenland, ist aber eigentlich nur ein weiteres postkoloniales Drittweltland ohne eigene Wirtschaftsleistung, dafür mit einem viel zu großen Bedarf und Erwartung nach Importgütern, die man nicht selbst bezahlen kann. Aber die Menschen sind weiterhin naiv, und erwarten tatsächlich durch "freie Wahlen", dass es besser wird, obwohl nur die alten Kleptokraten und neue Oligarchen übernehmen werden. Die dann aber nach Washingtons Gnaden, wobei man zurzeit sich derer auch nur tageweise sicher sein kann.
syracusa 24.01.2019
2. regime change? Ja bitte!
Unisono, im völligen Gleichklang, ergreifen alle Altstalinisten, Sozialfaschisten, rechte wie linke Autokraten und Diktatoren, Putinisten, Erdoganisten, Nazis und andere Feinde der Demokratie und der Menschenrechte Partei für Maduro, und verteufeln die westliche Parteinahme für Guaidó wieder mal als Versuch eines westlich angeführten "regime change". Leider hat noch keiner dieser Feinde der Demokratie erklären können, was an einem regime change denn so falsch sein soll, wenn der sich gegen einen Diktator richtet. Nein, ein geknechtetes Volk kann sich nur durch einen "regime change" aus seiner Unterdrückung befreien. Und ja, selbstverständlich muss bei so einem Aufstand gegen die Diktatur auch hingenommen werden, dass sich dabei instabile Verhältnisse entwickeln, und dass ganz und gar nicht jeder Aufstand gegen eine Diktatur auch unmittelbar zu Demokratie und Freiheit führt.
oli69 24.01.2019
3. Militär
Die korrupten Offiziere müssten bei einem Machtwechsel zuerst verhaftet werden. Dank diesen konnte sich Maduro überhaupt so lange an der Macht halten. Dafür hat er Ihnen den Drogenhandel und Geldwäscherei überlassen. Wenn da also jemand weg soll, ist es nicht nur Maduro sondern auch seine Generäle und Offiziere die alles ausgeführt haben, auch Gewalt gegen die eigene Bevölkerung.
peterpeterweise 24.01.2019
4. Maduro ist wie Somoza oder Batista
Maduro verkündet zwar Sozialismus zu betreiben, aber in der Realität sichert er nur die Macht von seiner Familie und von guten Bekannten. Also nichts anderes als damals Somoza in Nicaragua oder Batista in Kuba. Es wird Zeit, dass sich die Menschen in Venezuela von dieser Plage befreien.
go-west 24.01.2019
5. Ich drücke den Venezuelanern
die Daumen, daß sie sich endlich dieses Despoten entledigen. Und ja, mal wieder treiben die Russen ihr unheilvolles Spiel. Die Welt täte gut daran ihnen ein für alle Mal die Zähne zu ziehen. Dafür braucht es jedoch den Schulterschluss mit China, mit Trump's äußerst begrenztem diplomatischen und strategischen Fähigkeiten wird das aber wohl erstmal nichts.
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