Revolte in Ägypten Mubarak stemmt sich gegen seinen Sturz

Dafür sind die Ägypter nicht auf die Straße gegangen: Um kurz nach Mitternacht versprach der langjährige Machthaber Husni Mubarak in einer TV-Ansprache Reformen und eine neue Regierung. Er selbst will Staatsoberhaupt bleiben - die Demonstranten reagierten sofort: "Wir wollen ihn nicht mehr!"

REUTERS/ Egyptian state TV

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash


Kairo - Nein, er hat nicht verstanden, weswegen an diesem Freitag Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende Unzufriedene auf die Straße gingen und sich stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Anstatt seinen Rücktritt zu verkünden, erklärte der ägyptische Präsident Husni Mubarak in seiner mit Spannung erwarteten und bis spät in die Nacht verschobenen TV-Ansprache lediglich, dass er eine neue Regierung einsetzen wolle.

"Ich übernehme Verantwortung für die Sicherheit des Volkes", erklärte Mubarak, der seit 1981 regiert und in den vergangenen Jahren immer diktatorischer auftrat. Er äußerte Verständnis für Forderungen nach mehr Demokratie und wirtschaftlichen Reformen, kritisierte jedoch gewalttätige Demonstrationen.

Die Rede dürfte für die Demonstranten wie Hohn klingen. Sie haben sich sehr diszipliniert gezeigt, haben praktisch keine Gewalt eingesetzt. Kurz vor Mubaraks Rede hatten Gerüchte das Land elektrisiert, Mubarak sei bereits aus dem Land geflohen.

Nun sieht es so aus, als würden sie ihren ewigen Präsidenten doch nicht so schnell loswerden. Am späten Freitagabend schien alles möglich: Die Armee war in Kairo und an anderen Orten eingerückt und wurde von den Demonstranten freudig begrüßt - auch in der Hoffnung, dass sie sich auf die Seite des Volkes stellen würde und die Macht übernehmen könnte. Aber offenbar ist die Armee nach wie vor loyal gegenüber dem Präsidenten. Hätte sie seine Entmachtung unterstützt, hätte sie sie vermutlich auch durchgesetzt.

Mubaraks Rede dürfte die Demonstranten kaum zufriedenstellen

Das dürfte bedeuten, dass die Proteste in dem größten arabischen Land in den kommenden Tagen und Wochen weitergehen werden. "30 Jahre an der Macht sind genug": Das war ein Mantra der Demonstranten gewesen. Am Freitag hatten sie immer wieder in Sprechchören gerufen: "Das Volk will den Sturz des Systems."

Mubaraks Rede bedeutet einen Dämpfer für die Revolte - aber nicht ihr Ende, wie sich, zumindest TV-Sendern zufolge, bereits abzeichnet. Laut CNN und "Guardian" waren die Reaktionen der Opposition und der Demonstranten unmittelbar nach der Rede ablehnend. "Wir wollen ihn nicht mehr", riefen einige von ihnen in Sprechchören nach der Rede, andere "Nieder mit Mubarak!".

Was als nächstes passiert, ist nun wieder völlig offen. Für einen kurzen Moment schien Ägypten ganz nah an einer Revolution zu sein, ähnlich wie vor zwei Wochen Tunesien. Nun sind die Karten neu gemischt. Aber vorbei ist der Aufstand am Nil noch nicht.

insgesamt 77 Beiträge
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BuenaBanana 29.01.2011
1. .
Selbst wenn die Armee ihn unterstützt: Keine Armee, keine Polizei der Welt kann einn 20 Millionen Moloch wie Kairo kontrollieren. Diese Proteste werden nicht abflachen. Der Präsident wird gestürzt werden.
gallstone, 29.01.2011
2.
Zitat von sysopDafür sind die Ägypter nicht auf die Straße gegangen: Um kurz nach Mitternacht versprach der langjährige Machthaber Husni Mubarak in einer TV-Ansprache Reformen und eine neue Regierung. Er selbst will Staatsoberhaupt bleiben - die Demonstranten reagierten sofort: "Wir wollen ihn nicht mehr!". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742357,00.html
Bedrückende Bilder, v.a. das hier: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-64052-14.html Sehr mutiger Fotograf, Hut ab.
Gandhi, 29.01.2011
3. Wer bekommt mehr Antworten?
Mubarak stemmt sich? oder Mubarak klammert sich?
jomo3 29.01.2011
4. Warum stemmt sich Mubarak so sehr ?
Er ist - wie überall bei Diktatoren - nicht allein, sondern in einem Geflecht aus Familie und Freunden wacht er über den Staat, SEIN Geld in der Schweiz, das Volk in Armut und Unwissenheit, auf seinem Konto wächst die Dividende . Nicht viel anders läufts bei uns. Aber nicht mehr lange.
amarildo 29.01.2011
5. Meinung
Zitat von sysopDafür sind die Ägypter nicht auf die Straße gegangen: Um kurz nach Mitternacht versprach der langjährige Machthaber Husni Mubarak in einer TV-Ansprache Reformen und eine neue Regierung. Er selbst will Staatsoberhaupt bleiben - die Demonstranten reagierten sofort: "Wir wollen ihn nicht mehr!". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742357,00.html
30 Jahre an der Macht. Kein Wunder das die Leute die Nase voll haben. Ich hoffe das Volk ist erfolgreich und wird in los.
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