Revolution im Gaddafi-Reich Wie Libyen Osama und Victory im Stich lässt

Ihre Wege kreuzen sich nicht: Osama fährt nach Libyen, um im Krieg gegen Gaddafi mitzukämpfen. Victory flüchtet von dort, um nicht im Krieg erschossen zu werden. Doch eins eint die Männer: Das Land enttäuscht ihre Hoffnungen.

Flüchtlinge an der libysch-tunesischen Grenze: "Wir erwarten nichts vom Leben"
DPA

Flüchtlinge an der libysch-tunesischen Grenze: "Wir erwarten nichts vom Leben"

Aus Bengasi berichtet


Einen Monat noch, dann hätte Osama seine Freiheit gehabt. Norwegische Staatsbürgerschaft, sagt er, das heißt: Fahren, wohin Du willst, selbst nach New York. Stattdessen fährt Osama nach Bengasi, ausgerechnet Bengasi, der Hauptstadt der Rebellen im Ostteil Libyens. Nach acht Jahren drängt er zurück in seine Heimat und in einen Krieg. "Ich war nie ein Soldat", sagt er, "aber es kann nicht so schwer sein zu kämpfen. Jeder kann mit einer Waffe umgehen." Er streckt Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand zu einer Pistole. Unsicher schaut er darauf. Und man fragt lieber nicht, warum er auf seinen eigenen Kopf zielt.

Victory hat Angst vor Waffen. Das letzte Mal feuerte er eine vor zwanzig Jahren ab. Das war in einem Reisfeld, im Bundesstaat Edo in Nigeria. Victory war zehn Jahre alt und er schoss auf die Vögel, damit sie den Reis nicht klauen. Die Waffe war eine Steinschleuder. Dann schenkte ihm Pastor Mike eine Bibel und das war besser, als Steine zu werfen. Er lernte lesen und später Elektrotechnik, und deshalb konnte er irgendwann mehr Geld in einem Monat verdienen als sein Bruder in einem Jahr. Genug war es trotzdem nie.

In der Bibel liest er immer noch, am liebsten Psalm 23: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." Irgendwann wird der Herr ihn auch auf einer grünen Aue weiden, glaubt Victory, und ihn zum frischen Wasser führen, auch wenn er die letzten zwei Jahren in einem Ölfeld in der libyschen Wüste verbracht hat.

Revolution oder Krise?

Osama kommt aus Libyen, er arbeitet in Norwegen, weil er dort mehr Geld verdient. Victory kommt aus Nigeria, er arbeitet in Libyen, weil er dort mehr Geld verdient. Osama will zurück in sein Land, um zu schießen. Victory will raus aus dem Land, um nicht erschossen zu werden.

Osama möchte nicht, dass sein Nachname online steht. Er will kein Held sein, sagt er. Victory sagt, die ganze Welt könne seinen Nachnamen sehen, er heiße Victory Ibhasabemon, geboren in Ekpoma, Bundesstaat Edo, Nigeria, und falls irgendjemand einen Mann namens Onus findet, dann soll der endlich den Koffer rausrücken, den das Schwein ihm gestern geklaut hat.

"Revolution", nennt Osama das, was im Land passiert. "Krise", sagt Victory. Einig sind sich beide vielleicht nur in ihrer Meinung über Muammar al-Gaddafi. Osama findet, Gaddafi sei ein Arschloch. Dann entschuldigt er sich, das wäre noch der falsche Ausdruck. Er überlegt kurz und korrigiert: "Das größte Arschloch auf dem Planeten." Jaja, natürlich sei Gaddafi ein Arschloch, sagt Victory, aber noch viel schlimmer: Er sei der Antichrist. Das könne jeder erkennen, der klaren Geistes sei und seine Verse kenne.

Fotostrecke

18  Bilder
Kämpfe in Libyen: Gewehrsalven, Jubelfeiern und Wüstensand
Als Osama in einem Taxi zu den ersten Grenzkontrollen Richtung Libyen kommt, winkt er mit seinem grünen libyschen Pass. Libya! Libya! Jalla! Jalla! - Libyen, Libyen, schnell, schnell. Der Polizist lacht und winkt sie durch. Ein Mitfahrer verteilt Wick-Bonbons, die er aus Schweden mitgebracht hat. Er dachte, das mit den Wick-Bonbons passe ganz gut, denn Wick komme ja von Victory - Sieg.

Zu Hause könne schon sein zweijähriger Sohn singen "Weg mit Gaddafi" und die Arme ausbreiten zum Tanz. "Wir erwarten nichts vom Leben" sagt Osama, "nur den Moment, in dem Gaddafi fällt. Dann brauchen wir nichts mehr." Es sei ihr call of duty, ihre Pflicht, mitzukämpfen. Wer könne denn jetzt als Libyer wirklich noch vor dem Fernseher sitzen.

Sieben Ägypter, ein Deutscher und ein versteckter Nigerianer

Victory erwartet von seinem Leben vor allem mal irgendetwas Positives. Als der Kleinbus, in dem er mitfährt, die ersten Grenzkontrollen Richtung Ägypten erreicht, hält der Fahrer an, zeigt mit dem Daumen nach hinten und sagt: "Sieben Ägypter, ein Deutscher". "Ach, ein Deutscher", sagt der Beamte, "das ist ja lustig. Na, dann, gute Fahrt." Es ist schon dunkel, viele Wagen sind heute schon durch die Kontrolle gefahren, den Nigerianer ganz hinten, der sich hinter dem Vorhang versteckt, hat keiner gesehen. Wieso hat der Fahrer ihn verschwiegen? "Ich bin ein Problem", sagt Victory.

Osama hat von den Demonstrationen in Libyen über Facebook gehört. Drei Tage las er die Nachrichten und wurde immer aufgeregter. Revolution in Tunesien ja, in Ägypten vielleicht - aber in Libyen, mit ihrer verschlafenen, bekifften Jugend? Dann dachte er nicht mehr an die 5000 Euro, die er monatlich in Norwegen verdient, sondern an seine Mutter, seine drei Brüder und fünf Schwestern. Denn er las von den Söldnern, die Gaddafi eingeflogen hatte. Es seien schwarze Söldner aus Afrika, las er, und Osama wusste, wer seine Feinde sein würden. Er zahlte die restliche Miete, warf den Schlüssel in seinen Briefkasten und flog nach Kairo.



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aronsperber 05.03.2011
1. Obama unterstützt die neuen "Osamas"
Wie es sich für einen Friedensnobelpreisträger geziemt, wird Obama nicht militärisch in den libyschen Bürgerkrieg eingreifen. http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/04/die-friedens-prasidenten-und-ihre-realpolitik/ Stattdessen wird er die Rebellen mit schönen Worten und wohl auch mit Waffen unterstützen. Genauso hatte es auch sein Vorgänger als Präsident und Friedensnobelpreis-Gewinner gehalten: Unter Jimmy Carter wurden die Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt. Ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen, wollte man den Sowjets ein eigenes Vietnam bescheren. Obwohl es sich hierbei um Realpolitik in Reinkultur handelte (unter demokratischer Federführung), wurde die Aufzucht der Mudschaheddin später den Neocons angekreidet.
CLS 05.03.2011
2. verlogen
Seit wann wird denn hierzulande propagiert, dass Regierungen dem "Druck der Straße" nachzugeben haben – zumal, wenn der Sturz der Regierung das erklärte Ziel ist!? Alle Regierungen dieser Welt, gerade auch die demokratischen des Westens, sind auf den Fall vorbereitet, dass eine Unzufriedenheit im Volk zu aufrührerischen Aktionen führt, und halten entsprechende Kräfte und Gegenmittel vor – in Deutschland gibt es seit 40 Jahren eine eigenen "Notstands"-Gesetzgebung, die die rechtmäßige Außerkraftsetzung der `normalen´ Einschränkungen im Einsatz der Staatsgewalt gegenüber aufmüpfigen Bürgern regelt.
wsachsenroeder 06.03.2011
3. Das Land enttäuscht ihre Hoffnungen
Wer will bei so vielen enttäuschenden Ländern eigentlich noch behaupten dass Deutschland so schlimm ist. Nur unsere Problemchen zu haben ist für viele ein absolut unerfüllbarer Traum.
mehrMutbitte 06.03.2011
4. Quell des Verstehens
Viel diskutieren kann man über diesen Artikel wohl nicht, aber nachdenken … darüber, dass es dort vor allem um Menschen geht. Diese Art der Berichte, weitgehend wertfrei, helfen mir den nötigen Abstand zu all zu abstrakten Diskussionen zu gewinnen, und die Distanz zu den mir scheinbar so fremden Menschen zu verlieren. Wozu? Empathie ist eine wichtige Voraussetzung für Verständnis, für Kommunikation – und diese hilft die in den Diskussionen aufgeworfenen "Probleme" zu bewältigen. Danke.
aronsperber 06.03.2011
5. Unterschied zwischen Libyen und Deutschland
Zitat von CLSSeit wann wird denn hierzulande propagiert, dass Regierungen dem "Druck der Straße" nachzugeben haben – zumal, wenn der Sturz der Regierung das erklärte Ziel ist!? Alle Regierungen dieser Welt, gerade auch die demokratischen des Westens, sind auf den Fall vorbereitet, dass eine Unzufriedenheit im Volk zu aufrührerischen Aktionen führt, und halten entsprechende Kräfte und Gegenmittel vor – in Deutschland gibt es seit 40 Jahren eine eigenen "Notstands"-Gesetzgebung, die die rechtmäßige Außerkraftsetzung der `normalen´ Einschränkungen im Einsatz der Staatsgewalt gegenüber aufmüpfigen Bürgern regelt.
im Gegensatz zu den Libyern hat unser Volk die Möglichkeit durch Wahlen zu bestimmen, wer regiert. unsere ewigen Revoluzzer-Demonstranten stellen eine kleine Minderheit dar, die bei Wahlen keine Chance haben. und repräsentieren keineswegs den Willen des Volkes
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.