Revolution in Russlands Hinterhof Opposition verkündet Machtübernahme in Kirgisien

Sie kontrolliert Regierungssitz, Parlament, Polizei, Medien: Nach Kämpfen mit mindestens 65 Toten hat die Opposition in Kirgisiens Hauptstadt eine neue Regierung gebildet. Der autoritäre Präsident Bakijew ist geflüchtet. Unklar ist, ob er zurückgetreten ist - oder eine Gegenrevolte vorbereitet.

AP

Bischkek - Die Lage in Kirgisien ist noch immer nicht ganz klar. Offenbar hat in der zentralasiatischen Republik die Opposition aber erfolgreich die Macht übernommen. Die Hauptstadt Bischkek hat sie unter ihre Kontrolle gebracht. Parlament, Regierungssitz, Polizei und Medien sowie der Flughafen würden nun von den Gegnern des autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew geführt, meldete die kirgisische Agentur Akipress am Donnerstag. Die Opposition hatte am Vorabend den Sturz der Führung in Bischkek verkündet und eine Übergangsregierung unter Leitung der früheren Außenministerin Rosa Otunbajewa gebildet.

Bakijew soll auf der Flucht sein. Inzwischen sei er auch zurückgetreten, berichten kirgisische Medien am Donnerstag unter Berufung auf Behördenangaben in der Stadt Dschalal-Abad im Süden des Landes, wo Bakijew seine Wurzeln hat. Dagegen teilte die Opposition in Bischkek mit, dass der Präsident im Süden seine Anhänger versammeln wolle. "Wir bestehen darauf, dass er zurücktritt", sagte Oppositionsführerin Otunbajewa nach Angaben der Agentur Interfax vor Journalisten in Bischkek. Wo Bakijew sich aufhält ist unklar - möglicherweise im Ausland.

Nach Angaben der Opposition stabilisiert sich die Lage. Oppositionsführer Omurbek Tekebajew sprach im Fernsehen erneut von etwa hundert Toten bei den Unruhen am Mittwoch in Bischkek. Das Gesundheitsministerium bestätigte am Donnerstagmorgen zunächst 65 Todesfälle. Insgesamt seien bei den gewaltsamen Ausschreitungen im Norden der Ex-Sowjetrepublik an der Grenze zu China mehr als 500 Menschen verletzt worden. Allein in Bischkek habe es 40 schwere Brände gegeben. Bakijews Gegner hatten Regierungsgebäude und Fahrzeuge mit Brandsätzen angezündet.

Plünderungen in der Hauptstadt

Kirgisische Medien berichteten von schweren Plünderungen in Geschäften, Unternehmen und Museen. Die von der Opposition ernannte neue Regierungschefin Otunbajewa schrieb in einem Twitter-Eintrag, dass zunächst Bürgerpatrouillen eingerichtet werden sollen. Die 59-Jährige hatte bereits die Tulpenrevolution vor fünf Jahren angeführt, als Bakijew an die Macht kam. Otunbajewa war im Streit um die Ausrichtung des Landes aber zur Opposition übergetreten. Sie kündigte an, dass die Übergangsregierung zunächst sechs Monate arbeiten wolle, um eine neue Verfassung zu erarbeiten.

Die am Dienstag begonnenen Massenproteste gegen Bakijew in Talas und dann auch in anderen Orten waren blitzschnell in gewaltsame Ausschreitungen zwischen Polizei und Regierungsgegnern umgeschlagen. Die Proteststimmung im Land ist wegen der bitteren Armut nach Einschätzung von Beobachtern extrem hoch.

Die Opposition fordert seit Wochen den Rücktritt Bakijews, dem sie Vetternwirtschaft, Unterdrückung von Kritikern und Einschränkungen der Meinungsfreiheit vorwirft. Die Pressefreiheit wurde in den vergangenen zwei Jahren deutlich eingeschränkt, Oppositionspolitiker klagen über massive Einschüchterung durch die Sicherheitskräfte. Der zunehmend autoritäre Kurs der Regierung wird auch mit dem Kampf gegen islamistische Extremisten begründet.

Russland, das traditionell einen starken Einfluss besonders im Norden des Landes hat, wies eine Schuld an dem Blutbad zurück. Kirgisien hatte auch die populären russischen Staatsmedien, die kritisch über Bakijew berichten, mit für die Eskalation verantwortlich gemacht. Bakijews Behörden vermuten ausländische Geldgeber hinter den Krawallen. Kremlchef Dmitrij Medwedew bezeichnete Kirgisien nach dem Machtkampf weiter als Partner.

Die USA, die nahe Bischkek eine Militärbasis zur Versorgung ihrer Truppen in Afghanistan nutzen, appellierten an die Seiten, weitere Gewalt zu vermeiden. Auch die EU und die Uno sowie das Nachbarland China riefen zur Besonnenheit auf.

ler/dpa/AFP/Reuters



insgesamt 384 Beiträge
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Montanabear 07.04.2010
1. Vergessenes Zentralasien - versagt der Westen ?
Zitat von sysopBlutige Unruhen haben Kirgisien erschüttert - viele Menschen leben in tiefer Armut, sie protestieren gegen Vetternwirtschaft, Unterdrückung und autoritäre Eliten. Bei den Straßenschlachten wurden nun dutzende Menschen getötet. Hat der Westen versagt?
Wie hätte der Westen das verhindern können ? Durch Besatzung ?
mausmiss 07.04.2010
2.
Zitat von MontanabearWie hätte der Westen das verhindern können ? Durch Besatzung ?
:-)) warum verhindern? das ist eine "natuerliche" entwicklung der uebereifrigen flucht in die "unabhaengigkeit" und jetzt reguliert sich das - und die amis kauen an den fingernaegeln, damn, damn:-)
LJA 07.04.2010
3. @ Redaktion
Der offizielle Name des Landes ist Kirgistan oder Kyrgistan. Nicht mehr Krigisien.
Revisionist 07.04.2010
4.
Zitat von MontanabearWie hätte der Westen das verhindern können ? Durch Besatzung ?
Der Westen hätte sich die ganzen "Revolutionen" sparen können. Vielleicht fällt es den Amis jetzt leichter aus Afghanistan abzuziehen, da kann man auch nebenbei unauffällig die Militärbasis in Kirgisien räumen. Die Chinesen wirds freuen.
gigamesh 07.04.2010
5. Heh..
Sehr optimistisch von SPON ein Forum zu den Geschehnissen in einem Land aufzumachen, das vielleicht gerade mal 1 von 1000 Deutschen auf der Weltkarte lokalisieren kann ;-)
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