Revolutionsjubiläum in Libyen Gaddafis bizarres Fest aller Feste

Zum 40. Jahrestag seiner Machtergreifung beweist Libyens Staatschef Gaddafi seinen Gigantismus: Mit einer millionenteuren Mega-Party und einer riesigen Bühnenshow feiert der Despot seine Revolution - auch Hinrichtungen und andere Szenen des Putsches ließ er noch einmal nachspielen.

REUTERS

Aus Tripolis berichtet


Selbst Bühnenarbeiten können gefährlich sein in Libyen. Um ein Kabel zu verlegen, schnitt am Sonntag ein französischer Helfer auf der Bühne am Hafen in Tripolis ein Loch in eine Plastiktrennwand. Doch der junge Mann hatte eines nicht bedacht - und bekam prompt Ärger mit den überall herumstehenden Polizisten: Auf der Vorderseite der zerschnittenen Wand prangte das Konterfei des Despoten Muammar al-Gaddafi. Umgehend umringten die Uniformierten den überraschten Techniker. Nur Gespräche mit dem Polizeiführer konnten sie davon abhalten, den Franzosen für die allzu dreiste Beleidigung "des großen Führers" abzuführen.

Die Anekdote ist nur eine der skurrilen Begebenheiten rund um die Party in Tripolis, welche die Organisatoren schlicht "den größten Event Afrikas" nennen: Mit einer gigantischen Party feiert Libyens Staatschef Gaddafi an diesem Dienstagabend den 40. Jahrestag seiner Machtübernahme, die er, wie immer unbescheiden, die "libysche Revolution" nennt. Ginge es nach ihm, hat am 1. September 1969 mit seinem Putsch an die Macht die Geschichte des Landes erst begonnen, und das soll kräftig gefeiert werden. Der Preis, der seit Monaten vorbereiteten Selbsthuldigung des 67-Jährigen ist zwar geheim, doch es dürften mehr als 50 Millionen Euro sein.

Mit der Mega-Feier, die er von der globalen Agentur Grey und den französischen Event-Experten Public Services ausrichten lässt, erlaubt Gaddafi einen unverstellten Blick auf seine grenzenlose Liebe zu sich selbst. Auf allen Plakatwänden der Hauptstadt leuchtet seit Wochen Gaddafis Konterfei, das die Marketingexperten mit anderen Revolutionären der Weltgeschichte unterlegt haben. Neben Che Guevara ist Nelson Mandela zu sehen, darüber strahlt der libysche Diktator, wie auf den meisten seiner Abbilder stark verjüngt, den Blick denkerisch in die Zukunft gerichtet.

Hunderte Tänzer, Feuerwerk, VW Käfer

Nicht nur für Libyen oder Afrika ist die Party, die traditionell mit einer Militärparade begonnen wird, gigantisch. 30 Antonow-Frachtmaschinen flogen Technik, Licht, Kostüme und Bauteile für eine 120 Meter große Bühne ein, die selbst für die Rolling Stones eine Nummer zu groß wäre. 50 Kilometer Kabel verlegten 1500 Techniker in den letzten drei Monaten im Hafen. Überall in Europa mieteten sie haushohe LED-Leinwände, die den Event, vor allem aber wie immer das Gesicht von Gaddafi sichtbar machen soll, auch für die fernab der Bühne hinter Gittern verbannte libysche Bevölkerung.

Für die Zufriedenheit seiner Gäste spart Gaddafi bei seinem Jahrestag an nichts. Aus Frankreich ließ er über hundert Köche des Pariser Top-Restaurants "Le Notre" einfliegen. Statt Hammel und Reis, wie bei den Beduinen üblich, wird es am Abend also eher Haute Cuisine geben, wenn die Staatschefs auf einer schwimmenden Bühne vor dem imposanten Fort im Hafen von Tripolis speisen werden.

Die Inszenierung auf der Mega-Bühne wird nach Gaddafis Geschmack sein. Im ersten Teil des Programms rast die große Geschichte am Zuschauer vorbei: Phönizier, Griechen, Römer oder der Einzug des Islam in Nordafrika bekommen jeweils ein paar Minuten in der Show, Hunderte Tänzer tauschen in Windeseile aus Frankreich importierte Kostüme, bevor der Hauptakteur auftaucht. Exakt wie in der von Gaddafi gesponnenen eigenen Legende soll dann ein grüner VW-Käfer auf die Bühne rollen, mit dem der Beduine, heute Liebhaber von drehzahlstarken deutschen Limousinen, damals die Revolution angeführt haben will.

Spätestens jetzt taucht dann das Thema auf, um das es bei der Show und den ganzen Abend lang eigentlich gehen soll: Der "Führer" von Libyen, der Freund seines Volkes, der das Land mit seinen größenwahnsinnigen Aktionen in die komplette Isolation getrieben hat. Ballons sollen aufsteigen mit dem Konterfei des Führers, ein Feuerwerk für mehrere Millionen Euro wird den Hafen von Tripolis erleuchten. Gaddafi selber wird die Zeremonie mit seinen Gästen und fernab des Volkes von einer grünen Ehrentribüne aus verfolgen, über dem Platz für den Diktator hängt schon jetzt ein riesiger goldener Adler, darunter steht ein bequemer Sessel.

Imagewandel für etliche Millionen

Die Organisatoren der Party haben ein gemeinsames und hochgestecktes Ziel. Der Mega-Event, so Grey-Chefplaner Phillipe Skaff, soll "der Wendepunkt" werden, ein Zeichen, wie sehr sich das Land und auch der Diktator nach Jahren des Paria-Daseins verändert haben. Für den PR-Guru eine "einzigartige Herausforderung": Statt Großunternehmen wie BP bei Imageproblemen zu helfen, kämpft er nun um das Rebranding eines Mannes, der erst kürzlich dem Staatsterrorismus und Massenvernichtungswaffen abgeschworen hat.

Der mit Millionen erkaufte Imagewandel hätte wohl noch besser funktionieren können, wenn Gaddafi in den letzten Tagen der Vorbereitung nicht wieder bewiesen hätte, wie wenig sich verändert hat. Trotz Schwüren gegen den Terror ging ein Aufschrei durch die westlichen Hauptstädte, als Gaddafis Regime den wegen seiner tödlichen Krebserkrankung in Schottland begnadigten Lockerbie-Bomber Mikrahi bei seiner Rückkehr nach Libyen frenetisch feiern ließ. Auch seine Äußerungen einen Tag vor der Feier, Israel trage alle Schuld am Elend Afrikas, erscheinen kaum wie die eines Geläuterten.

Gaddafi weiß, dass er einen Trumpf besitzt - die weitgehend unangetasteten Ölreserven Libyens. So skurril der Diktator auch auftreten mag, so sehr seine riesigen Sonnenbrillen und die vielen anderen Extravaganzen auch wirken mögen, die USA und auch Europa stehen doch bei ihm Schlange. Nun gilt es, die Ressourcen Libyens aufzukaufen, hier auch zu investieren. Selbst wenn europäische Staatschefs wie Frankreichs Nicolas Sarkozy oder Silvio Berlusconi aus Italien am Ende nicht für den Jahrestag zusagten, will es sich mit Gaddafi niemand so recht verscherzen, auch Deutschland nicht.

Die erhofften Gäste sagten ab

In den Mitteilungen der PR-Experten von Grey geht es mehr um die Wirtschaft als um die dunklen Jahre Libyens. Schwärmerisch sprachen sie von einem wachsenden Bruttosozialprodukt von 100 Milliarden Dollar. Noch seien 36 Milliarden Barrel Öl als "versteckter Schatz" zu verkaufen. Dass die Bevölkerung Libyens von dem Reichtum des Landes bisher kaum etwas abbekommen hat, bleibt unerwähnt. Vielmehr sehen die Werber für Libyen eine glänzende Zukunft voraus. Mit einer wachsenden Wirtschaft und dem Tourismus soll schon bald eine Art Dubai in Nordafrika entstehen.

Trotz des Öldurstes der Industrienationen schrumpfte die Gästeliste für die Mega-Party zusammen. Die angekündigten Top-Politiker Putin und Medwedew aus Russland ließen ausrichten, sie müssten am 1. September zum Gedenken an den Weltkriegsbeginn nach Polen reisen. Berlusconi sucht den Kompromiss und kam am Sonntag für ein paar Stunden zum Fototermin. Statt der erhofften Westler wird Gaddafi nun mit Dutzenden afrikanischen Staatschefs, die er zufällig einen Tag vor seiner Party zum Gipfel einlud, der Selbsthuldigung beiwohnen. Schon am Dienstagabend mussten sie sich eine rund vier Stunden lange Reitershow ansehen.

Gaddafis illustre Gäste aus Afrika waren ein weiterer Grund, warum zum Beispiel die USA nur ihren Botschafter zum Event schicken werden. So sitzen der international mit Haftbefehl gesuchte Präsident des Sudans, Umar al-Baschir, oder sein Kollege aus Simbabwe mit auf dem Podium. Der für seine hitzige US-Politik bekannte Hugo Chávez reiste ebenfalls aus Südamerika zu den Feierlichkeiten an und erfreute auf dem Afrika-Gipfel seinen Gastgeber sichtlich mit einer halbstündigen Hassrede gegen die USA. So sehr sich Gaddafi dem Westen annähern will, kann er eben doch nicht aus seiner revolutionären Haut.

Der Diktator will sein Volk "entzünden"

Und so ist das größte Risiko für die straff organisierte Party wieder einmal der Revolutionsführer selbst. Intern graut es den Partnern schon jetzt, dass Gaddafi während der minutiös geplanten Show plötzlich eine seiner stundenlangen Reden halten will oder den Zeitplan durch andere spontane Einfälle durcheinanderwerfen könnte. Daneben ist bis heute nicht klar, ob er nicht doch urplötzlich den Lockerbie-Attentäter Mikrahi mit auf die Bühne zerren wird. Spätestens dann geriete die millionenschwere PR-Aktion zum folgenschweren Bumerang, der einen ungeahnten Imageschaden anrichten würde.

Dass Ali al-Mikrahi tatsächlich auf der Party auftauchen wird, erscheint mehr als unwahrscheinlich. Angeblich liegt er schwerkrank in einer Klinik in Tripolis, libysche Quellen nehmen sogar an, dass er in den nächsten Tagen sterben könnte. Allerdings wird seine Person in der Bühnenshow eine große Rolle spielen. Bei der Generalprobe am Montagabend, die von den "Grey"-Organisatoren geheimgehalten wurde, war sein Bild minutenlang auf den riesigen Bildschirmen zu sehen.

Reden wird Gaddafi an seinem Jahrestag wohl auf jeden Fall. In einem unter Diplomaten zirkulierenden Ablaufplan ist von einer Enthüllung einer Statue nach der Bühnenshow die Rede. Im Anschluss daran, so die brüchige Übersetzung aus dem Arabischen, werde der Diktator sein Volk "entzünden". Nicht nur diese sehr offene Formulierung lässt absehen, dass Gaddafi am Abend wieder einmal für Schlagzeilen sorgen wird.

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Seite 1
Christian Wernecke 01.09.2009
1.
Ach nun ja, als Moralist und Ästhet sind Politik und Führer dieses Landes alles andere als ansehnlich. Auf der anderen Seite sollte man die Araber vielleicht einfach mal in Ruhe lassen und sich nicht ständig überall einmischen.
wolfman11 01.09.2009
2.
Zitat von sysopZum 40. Jahrestag seiner Machtergreifung beweist Libyens Staatschef Gaddafi seinen Gigantismus: Mit einer 50 Millionen Euro teuren Megaparty, einer gigantischen Bühne und feinstem französischem Essen feiert der Despot seine Revolution, doch vor allem sich selbst. Ist der Staatschef heute eine verlässlicher politischer Partner oder ein unberechenbarer Despot?
Was hat der vermeintliche Gigantismus mit der durchaus berechtigten Frage nach Verlässlichkeit zu tun? Wer Gaddafi vertraut wird sehen, was er davon hat. Ich glaube auch nicht, dass ihm die führenden Politiker oder Wirtschaftsbosse vertrauen. Sie denken lediglich, Sie könnten ihn benutzen, Interessen abgleichen und einen Stück des Weges gemeinsam gehen. Das hat aber nichts mit Vertrauen zu tun. Gaddafi geht es um seinen Platz in der Geschichte. Man wird sich daher einander bedienen und dann wieder trennen. Die Opfer von Lockerbie oder aus dem LaBelle sind doch längst von der Tagespolitik vergessen.
lemming51 01.09.2009
3. ??
Tja, zu diesem Herrn und das, was er Politik nennt, ist mir außer einem Kopfschütteln noch nie was eingefallen. Ein gemeingefährlicher Exzentriker. Aber unsere europäischen Politiker vergessen schnell, wie hier ja schon geschrieben wurde.
genx 01.09.2009
4. Formale Kritik
Ich finde den Text zu lang, geradezu aufgeblasen für den minimalen Gehalt. Das Opening-Drama mit dem Techniker, der dann doch in einem Gespräch das Riesenproblem gleich wieder lösen kann, die redundanten Schilderungen ... ein bisschen mehr Hintergrund hätte all der heißen Luft gutgetan! Außerdem wimmelt es von Rechtschreibfehlern. Bitte weniger, gehaltvoller und besser lektoriert schreiben. So ist das unter Ihrem Niveau!
Sabi 01.09.2009
5. Gefährlicher Diktator
Dieser Mann ist ein gefährlicher, irrer Diktator mit zuviel Ressourcen - Erdöl / Erdgas - damit erpresst er alle - ob bulgarische Krankenschwestern, Schweizer, den Einfaltspinsel Berlusconi, englische Politiker u. Erdölbonzen,.....Der Schlag sollte ihn treffen- dann würden einige Leben gerettet ! wenn's Allah gibt !
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