Reyna Diaz, Mexiko-Stadt "Für drei Mahlzeiten am Tag reicht es nicht"

Reyna Diaz kann ihrer Familie kein Mittagessen mehr geben. Das Frühstück muss jetzt bis zum Abendbrot reichen. Manchmal muss sie die letzten Notgroschen antasten, um ihren Mann, die Kinder und den Enkel satt zu bekommen.

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Seit einem Jahr macht mir das Einkaufen keinen Spaß mehr. Überall höre ich nur: "Das ist teurer geworden, meine Dame, tut mir leid." Die Preise steigen immerzu. Und meine Taschen sind jedes Mal leerer, wenn ich nach Hause komme. Zudem muss ich viel mehr suchen als früher, gehe von Markt zu Markt, um das Preiswerteste zu finden: grüne und rote Tomaten, Zwiebeln, Möhren, Kartoffeln und natürlich Chili. Ohne Chili, Bohnen und Tortillas ist ein Essen für mich nicht vorstellbar. Wenn es auch nichts mehr gibt, die drei Dinge gehören zu jeder mexikanischen Mahlzeit.

Ich brauche inzwischen jeden Tag 100 Peso (6,25 Euro), um meine Familie satt zu bekommen. Ich habe immer alle Preise genau im Kopf, um vergleichen zu können. Das Speiseöl zum Beispiel. Das hat vor einem Jahr noch zwischen 12,50 und 15 Peso gekostet. Heute ist der Liter nicht unter 26 Peso zu haben. Manchmal kostet er sogar 35. Das ist fast ein Luxusartikel geworden.

Wir sind fünf zu Hause, mein Mann Candelario, meine beiden Kinder Margarita und Erick und mein vier Jahre alter Enkel. Und die zwei Hunde wollen auch fressen. Aber es wird immer schwieriger, alle satt zu bekommen.

Das Frühstück zum Beispiel. Das muss jetzt auch als Mittagessen reichen, weil wir uns keine drei Mahlzeiten leisten können. Vor einem Jahr haben wir morgens Kaffee und ein Brot mit Marmelade, manchmal auch mit Butter gefrühstückt. Inzwischen reicht es meistens nicht mehr zu Marmelade und schon gar nicht zu Butter. Wenn es gut geht, gibt es ein paar Bohnen zum Brot.

Wir essen so gegen 16 Uhr unsere zweite tägliche Mahlzeit. Früher gab es drei Mal die Woche Fleisch, das geht jetzt auch nicht mehr. Wir mögen gerne Hühnchen - wie alle Mexikaner. Das ist auch das preiswerteste Fleisch. Vor einem Jahr konnten wir uns noch mal hin und wieder eine Hühnerbrust leisten. Inzwischen kaufen wir nur noch Fleisch mit Knochen, wie wir sagen. Also Flügel oder Schenkel.

Aber auch das wird immer seltener der Fall. Eigentlich essen wir regelmäßig nur noch Bohnen, Reis, Eier und eben Tortillas.

Wir leben von der Hand in den Mund

Aber das Schlimmste ist: Zu anderen Zeiten konnte ich hin und wieder mal ein Kilo Reis oder einen Sack Bohnen auf Vorrat legen. Das ist jetzt undenkbar. Wir leben von der Hand in den Mund.

Preise in Mexiko (in Euro)

Tortilla 1 kg = 0,50 Euro
Speiseöl 1 l = bis 2,18 Euro
Reis 1 kg = 1,25 Euro
Bohnen 1 kg = 1,18 Euro
Hühnerfilet 1 kg = 3,21 Euro
Mein Sohn arbeitet als Buchhalter, meine Tochter als Küchenhilfe, mein Mann hat Diabetes und ein schlechtes Auge, der kann nicht mehr arbeiten. Ich arbeite vier Mal die Woche als Haushaltshilfe. So bekommen wir 6000 Peso im Monat zusammen. Fast die Hälfte davon gebe ich für Essen aus. Manchmal auch mehr. Aber dabei haben wir jedes Mal weniger auf dem Tisch - und die Mahlzeiten werden immer dürftiger. Manchmal muss ich sogar meine Ersparnisse angreifen, um die Familie satt zu bekommen.

Aber ich will nicht klagen. Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen ohne Strom und Wasser, mein Vater war Gelegenheitsarbeiter. Manchmal hatten wir Tage lang gar nichts zu essen. Meine kleine Schwester hat oft vor Hunger geweint. Verglichen mit damals lebe ich noch wie im Paradies.

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