Lobbyorganisation US-Botschafter wollte Gabriel als Chef der Atlantik-Brücke verhindern

Sigmar Gabriel als Chef einer deutsch-amerikanischen Lobbyorganisation? Diese Personalie passte Richard Grenell nicht. Der US-Botschafter intervenierte nach SPIEGEL-Informationen bei der Atlantik-Brücke - ohne Erfolg.

Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel: "Wir bräuchten eigentlich einen amerikanischen Botschafter, der vermittelt"
Paul Zinken / DPA

Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel: "Wir bräuchten eigentlich einen amerikanischen Botschafter, der vermittelt"


US-Botschafter Richard Grenell hat vor der Wahl Sigmar Gabriels zum neuen Vorsitzenden der Atlantik-Brücke im vergangenen Juni interveniert, um sein Missfallen über die Personalie zu erklären. Grenell wollte sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht zu dem Vorgang äußern. Gabriel folgte in der deutsch-amerikanischen Lobbyorganisation auf den langjährigen Vorsitzenden Friedrich Merz (CDU).

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Gegenüber dem SPIEGEL bedauerte der frühere deutsche Außenminister, dass Grenell nicht zu einer Verbesserung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses beitrage. "Wir bräuchten eigentlich einen amerikanischen Botschafter, der vermittelt, der den Amerikanern, auch wenn er unsere Position nicht teilt, erklärt, warum wir so ticken", so Gabriel. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL+.)

Der Chef der Atlantik-Brücke äußerte sich auch besorgt über das deutsch-amerikanische Verhältnis insgesamt. Es mache ihm Sorgen, "dass es bis in die Führungseliten der deutschen Wirtschaft populär geworden ist, Abschied von Amerika zu nehmen", sagte Gabriel.

US-Botschafter Richard Grenell: Persönliche Intervention
SALVATORE DI NOLFI/EPA

US-Botschafter Richard Grenell: Persönliche Intervention

Auch der ehemalige US-Botschafter bei der Nato, Nicholas Burns, zeigte sich beunruhigt über das transatlantische Verhältnis. "Wir erleben eine Krise in den deutsch-amerikanischen Beziehungen, wie ich sie nicht für möglich gehalten habe", sagte Burns, der den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden in außenpolitischen Fragen berät.

Burns kritisierte ebenfalls Grenell, der indirekt mit einem Abzug der US-Truppen aus Deutschland gedroht hatte, falls Deutschland seine Militärausgaben nicht erhöhe. "Es wäre ein Verrat an unserem Bündnis mit Deutschland", sagte Burns dem SPIEGEL und fügte hinzu: "Im Kongress gibt es nicht auch nur annähernd eine Mehrheit dafür, die Beziehungen mit Deutschland zu gefährden oder gar zu zerstören."

Die Bundesregierung derweil hat ein anderes Karrierevorhaben Sigmar Gabriels blockiert. Wie aus einer Antwort auf eine Anfrage des Linkenabgeordneten Lorenz Gösta Beutin hervorgeht, darf der SPD-Politiker ein Aufsichtsratsmandat bei der Kulczyk Holding vorerst nicht antreten.

Wegen drohender Beeinträchtigung öffentlicher Interessen müsse Gabriel eine Karenzzeit von zwölf Monaten einhalten, heißt es in dem Schreiben weiter. Der Beschluss fiel Ende 2018, war bisher aber nicht bekannt.

Die Firma des 2015 verstorbenen polnischen Multimilliardärs Jan Kulczyk hat ihren Sitz im Steuerparadies Luxemburg, Gabriel hatte in seiner Zeit als Vizekanzler derartige Praktiken der Steueroptimierung scharf kritisiert.

Gabriel selbst teilt mit, er habe der Kulczyk Holding bereits abgesagt, während die Bundesregierung die mögliche Nebentätigkeit noch prüfte.

Parlamentarier Beutin kritisiert, dass sich Gabriel überhaupt auf ein Gespräch mit einer solchen Firma eingelassen hat. "Gerade für einen langjährigen SPD-Vorsitzenden, der sich den Kampf für soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, ist das Überwechseln auf die Seite des großen Geldes ein schamloses Verhalten."

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cho/ssu



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Seite 1
hape2412 16.08.2019
1. Parlamentarier Beutin
(wer ist das eigentlich?) kritisiert "Gerade für einen langjährigen SPD-Vorsitzenden, der sich den Kampf für soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, ist das Überwechseln auf die Seite des großen Geldes ein schamloses Verhalten." Wenn man betrachtet, auf welche Art und Weise Sigmar Gabriel 2018 durch Pippi Nahles und den Scholzomaten abgesägt wurde, ist er der Sozialdemokratie eigentlich nicht mehr die geringste Loyalität schuldig. Die Art und Weise war Laternenpfahl ganz unten. Man darf nicht übersehen, dass Nahles und Scholz den seinerzeit populärsten deutschen Politiker in die Wüste geschickt haben. Gabriel hatte mit dem Amt des Außenministers seine politische Bestimmung gefunden und war in diesem Amt auch richtig gut, was man von dem Leichtgewicht, das seine Nachfolge angetreten hat, nicht gerade sagen kann. Gabriel hätte den USA gegenüber eine dringend notwendige klare Kante gezeigt, wozu der Herr Maas anscheinend nicht in der Lage ist.
Maurer 16.08.2019
2. Eigentlich dachte ich ja, daß Gabriel für den Job ungeeignet ist,
aber wenn Trumps Sycophant und Gouverneur für Deutschland gegen ihn war, ist der Wahl ja doch etwas Positives abzugewinnen.
Fuscipes 16.08.2019
3.
"Burns kritisierte ebenfalls Grenell, der indirekt mit einem Abzug der US-Truppen aus Deutschland gedroht hatte, falls Deutschland seine Militärausgaben nicht erhöhe.", der beste Grund die Militärausgaben nicht zu erhöhen.
heinihuckeduster 16.08.2019
4. Da ja der PotUS in der diplomatischen Sprache
mit der Verhinderung des Besuchs von demokratischen Abgeordneten bei seinem israelischen Freund Bibi einen Gang hochgeschaltet hat, sollte die Regierung bzw.das Außenmisnisterium den verhaltensauffälligen US-Botschafter des Landes verweisen!
Duge Hick 16.08.2019
5. Man kann Herrn Gabriel nicht oft zustimmen, hier aber schon:
"Wir bräuchten eigentlich einen amerikanischen Botschafter, der vermittelt, der den Amerikanern, auch wenn er unsere Position nicht teilt, erklärt, warum wir so ticken", so Gabriel. Diesem "Revolverheldengehabe diverser US-Politstars" sollte klare Kante geboten werden.
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