Rikscha-Report Friedenskämpfer in der Tropenhölle

Auf der Entführerinsel Jolo sind die Menschen der Terrorgruppe Abu Sayyaf hilflos ausgeliefert. Der Arzt Daniel Moreno will sich damit nicht abfinden: Er organisiert im Süden der Philippinen den Protest gegen die Islamisten - und lernt zu schießen.

Aus Jolo berichtet Jürgen Kremb


Jolo - Nur noch wenige Minuten sind es, bis die Sonne in einem gewaltigen Naturschauspiel von Rottönen im Türkisblau der Sulu-See versinkt. Gerade ruft der Muezzin von der Tulay-Moschee im Zentrum von Jolo-City zum muslimischen Abendgebet. Die Andachtsstätte ist ein imposantes, weißgetünchtes Bauwerk mit vier gut 30 Meter hohen, filigranen Türmen und einer goldverzierten Kuppel, das neben den umstehenden Wellblechhütten noch gewaltiger wirkt.

Philippinische Soldaten im Kampf gegen die Abu Sayyaf: Wenn die Dunkelheit hereinbricht, sickern die Islamisten in die Stadt ein
AFP

Philippinische Soldaten im Kampf gegen die Abu Sayyaf: Wenn die Dunkelheit hereinbricht, sickern die Islamisten in die Stadt ein

Doch es ist keine friedliche Abendstimmung der Tropen, die jetzt die heruntergekommene Stadt und ihre gut 100.000 Einwohner erfasst - im Gegenteil, langsam zieht die Angst vor der kommenden Nacht wie ein Gespenst die staubigen Straßen herauf. Hastig bringen Eltern noch ihre Kinder aus der Schule nach Hause. Andere unternehmen auf Fahrrad-Rikschas und Jeepnies, die Namen wie "Black Hoak Down" oder "Brain Dead" tragen, ihre letzten Einkäufe für die Nacht.

Ein paar Minuten später wirkt die Hauptstadt der Insel Jolo fast wie ausgestorben, furchterregend still. Niemand traut sich mehr auf die Straßen. Einheiten der philippinischen Polizei haben Stacheldrahtreiter in die Kreuzungen geschoben. Hinter Sandsackbarrikaden igeln sich die Soldaten einer Marines-Brigade, den Elitenkämpfern der Armee, mit Schnellfeuergewehren hinter Sandsackverschlägen ein.

Die Stadt hat Angst vor muslimischen Rebellen. Nur sechs Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt liegt im dichten Dschungel das erste Lager der berüchtigten Guerilla Abu Sayyaf ("Vater des Schwerts"). Tagsüber werden sie nur den Bauern auf ihren Feldern gefährlich. Aber wenn die Dunkelheit hereinbricht, können selbst die 70 US-Soldaten, die nach einem Abkommen mit der Regierung in Manila auf der Entführerinsel stationiert wurden, nicht verhindern, dass die Islamisten in die Stadt einsickern.

"Wer jetzt noch auf der Straße ist, riskiert, erschossen zu werden, verschleppt zu werden oder sonstwie ums Leben zu kommen", sagt Daniel Moreno, 58. "Hier herrscht die totale Anarchie."

Moreno ist der Familiendoktor der Insel. Fast trotzig sitzt er mit seiner Krankenschwester vor seiner Praxis im Stadtzentrum und wartet bis spät in die Nacht auf Patienten. Es klingt etwas Widerstandsgeist aus seiner Stimme, aber sein Verhalten ist vor allem von viel Wut und noch mehr Trauer geprägt.

Weil vor einigen Monaten der 17-jährige Sohn eines Freundes entführt und anschließend von der Terrorgruppe Abu Sayyaf erschossen worden, da dessen Vater das Lösegeld nicht rechtzeitig beschaffen konnte, möchte Moreno ein Zeichen setzen. Mit Gleichgesinnten hat der Arzt auf dem Eiland Demonstrationen gegen die Abu Sayyaf organisiert. An Wochenenden trommelt er Schulklassen zusammen. Sie tragen Plakate vor sich her: "Die Kinder von Jolo wollen Frieden".

Das ist nicht nur mutig, sondern auch sehr gefährlich. Denn weil seine Aktionen auch Zuspruch bei der muslimischen Bevölkerungsmehrheit finden, für deren Freiheit und Unabhängigkeit die Guerilla vorgibt zu kämpfen, steht der Arzt selbst auf der Abschussliste der Terroristen. Aber so schnell lässt sich Moreno nicht unterkriegen. "Wer will schon den Mann umbringen, der jeden Tag Kinder auf die Welt bringt und Schussopfer wieder zusammenflickt?", fragt er und lächelt.

Beim Interview liegt wie bei jeder seiner ärztlichen Untersuchungen eine schwere, silberfarbene 47-Milimeter-Pistole in Reichweite. "Ich bin ein ziemlich guter Schütze", sagt der Mediziner. Jeden Samstag verbringt er mit Freunden ein paar Stunden auf dem Schießplatz der Marines-Kaserne. Dann testen sie auch schon mal ein M-16-Schnellfeuergewehr oder üben sich an Raketenwerfern.

Moreno sitzt in einer Art Knickerbocker und mit edlem Blueburry.Poloshirt an seinem Schreibtisch, was neben seinen verlumpten Patienten ein bisschen absurd wirken mag - doch mit der schicken Staffage lehnt er sich gegen den Zerfall seiner Heimat auf, der eigentlich gar nicht mehr abzuwenden ist.

Marcos ließ Jolo in Schutt und Asche legen

Als Daniel Moreno in den sechziger Jahren als Sohn eines chinesischen Vaters und einer katholischen Mutter in der Sulu-See im Süden der Philippinen aufwuchs, "war das hier ein Paradies. Eine Art Hawaii der Philippinen". Der Hafen von Jolo war der Hauptumschlagsplatz für die umliegende Inselwelt. In den Lagerhallen an der Mole duftete es nach getrocknetem Fisch und Gewürzen.

Die Fischgründe der Sulu-Inselgruppe, deren Zentrum die Insel Jolo ist, waren reich, und die muslimischen Tausuk-Stämme lebten friedlich mit den zugewanderten Christen und Chinesen zusammen. "Wir Kinder gingen morgens zusammen in die Schule und anschließend gemeinsam am Strand schwimmen."

Doch das Idyll zerbrach schon Anfang der siebziger Jahre. Der Vietnam-Krieg warf seine Schatten auf das Inselreich. Nurallaji ("Nur") Misuari, ein politischer Heißsporn und auf Jolo geborener Politikprofessor in Manila, stieg zum Führer der Bangsamoro auf, wie die Muslime im Süden des philippinischen Archipels genannt werden. Mit einer Mischung aus kommunistischer und muslimischer Befreiungsrhetorik setzte sich an die Spitze der Moro-Befreiungsfront (MNLF) und rief 1972 zum muslimischen Aufstand gegen die "christliche Unterdrückung aus Manila" auf.

Als bei den ersten Gefechten gleich ein General der philippinischen Armee ums Leben kam, ließ Präsident Ferdinand Marcos mit gewohnter Brutalität die Inselhauptstadt von Kampfflugzeugen in Schutt und Asche legen - ganz wie es ihm seine Freunde aus den USA am westlichen Rand des chinesischen Meers, in Vietnam, vorgemacht hatten.

Seitdem ist nie mehr Friede eingekehrt im Sulu-Paradies. Obwohl Misuari Ende der neunziger Jahre zwischenzeitlich zum Gouverneur einer "Autonomen Muslimischen Provinz Sulu" gewählt wurde, die außer Jolo die umliegenden Inseln einschließt, kam es noch bis 2005 zu gewaltsamen Gefechten zwischen seiner MNLF und Armeeeinheiten.

Ein Alptraum aus Armut und Stammesfehden

Die meisten Kämpfer der Abu Sayyaf sind denn auch meist nur die Söhne der alten MNLF-Kämpen. Doch sie agieren brutaler als ihre Väter. Und wenn es wieder einmal Geld von Entführungen zu verteilen gibt, dann schwillt ihre Zahl von derzeit etwa 600 schwerbewaffneten Islamisten auf bisweilen gut 4000 Mann an.

Jolo ist heute nur noch ein Alptraum aus Armut, Stammesfehden, Religionskrieg und sozioökonomischen Verteilungskämpfen der lokalen Eliten. Am meisten leidet die Bevölkerung darunter. In viele Dörfer außerhalb der Hauptstadt führt auch heute noch keine befestigte Straße. Dort gibt es selten Schulen. Die 300.000 Einwohner gehören zu den ärmsten der Philippinen. Malaria und Dengue-Fieber grassieren, und die Säuglingssterblichkeit ist erschreckend hoch.

Nur wenige Politiker haben es zu Reichtum gebracht. Während Moreno erzählt, fährt vor seiner Klinikfester eine Kolonne von Pickup-Trucks vorbei. Auf der Ladefläche sitzen finster dreinblickende Gestalten, mit Grantwerfern und M-16-Schnellfeuergewehren im Anschlag. "Das sind die Guten", sagt der Arzt mit einem gezwungenen Lächeln. Jeden Abend schickt Gouverneur Sakur Tan, 52, eine knappe Hundertschaft seiner Privatarmee los, um das Öllager auf der Insel zu schützen. Er legt großen Wert drauf, dass es nicht über Nacht in Flammen aufgeht - es befindet sich im Privatbesitz des Gouverneurs, wie mehrere Tankstellen und der einzige gewerbliche Betrieb auf der Insel, eine Coca-Cola-Abfüllstation.

"Ausländer interessieren sich nur für uns, wenn alle paar Jahre mal wieder ein Weißer verschleppt wird," schimpft Moreno. "Aber wir Einheimischen sind seit Jahrzehnten nur noch wehrlose Spielfiguren in einem verrückten Krieg um Macht und Gier, der unter dem Deckmantel der Religion geführt wird."

Ganz unrecht hat er nicht. Der Schreiber dieser Zeilen war einer der ersten westlichen Reporter, die seit der Entführung von 21 europäischen Urlaubern und eines SPIEGEL-Korrespondenten im Jahr 2000 wieder die Insel besuchten.

"Man kann nicht vorsichtig genug sein"

Möglich war dies nur mit ständiger Begleitung von vier schwer bewaffneten Bodyguards der Elite-Marines. Grund der Recherche war die Entführung von drei Mitarbeitern des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC) im Januar. Doch während zwei der Entführten bald freikamen - für jeweils eine Million Dollar, behauptete die philippinische Presse -, rissen Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung auch in jener Zeit nicht ab.

Es ist gerade ein paar Tage her, da legte ein verzweifelter Vater seinen neunjährigen Sohn auf den OP-Tisch von Moreno. Beim Beschuss der Marines-Kaserne war eine Mörsergranate der Abu Sayyaf in einem Wohnviertel eingeschlagen. Mit einem Metallsplitter im Kopf hatte das Kind keine Überlebenschance.

Wenig später entkamen die chinesischstämmigen Besitzer eines Supermarktes und einer Apotheke nur den Fängen der Islamisten, weil ihre Verwandten mehrere zehntausend Dollar Lösegeld zahlen. So viel Glück und auch so viel Geld hatte der Fahrer eins städtischen Müllwagens nicht. Er war im Frühjahr verschleppt worden, und bei einem Tagesverdienst von etwas mehr als einem Euro kann seine Familie kein Lösegeld zahlen. "Wir werden ihn wohl als einen der mehr als 60.000 Toten dieses sinnlosen Krieges auf Jolo verbuchen müssen", sagt Moreno.

In den kommenden Wochen möchte er wieder zu einer Demonstration gegen die Abu Sayyaf aufrufen. Vorher will er aber noch ein paar Mal auf dem Schießplatz gehen: "Man kann nicht vorsichtig genug sein."



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Nachteuie 06.07.2009
1. Die 47mm-Pistole würd ich ja mal gerne sehen.....
Hallo ! Nett, auch mal Berichte aus den sonst weniger beachteten Krisenherden dieser Welt zu hören ! Bitte mehr solche Artikel ! Daß die Probleme mit den islamischen Bevölkerungsgruppen im Süden der Philippinen ein koloniales Erbe sowohl der spanischen als auch der amerikanischen Kolonialherrschaft auf den Philippinen ist, und nicht erst mit dem Vietnam-krieg begann, hätte der Verfasser vielleicht auch noch erwähnen sollen - ebenso wie die Tatsache daß gerade Jolo eine lange Tradition als Umschlagplatz für Schmuggeler und Piraten aller Art zwischen den Philippinen, Indochina und Indonesien hat. Als alter Waffenkenner würden mich persönlich ein paar nähere Informationen zu der erwähnten 47mm-Pistole interessieren....weiß nämlich echt nicht was der nette Journalist da beidem netten und engagierten Doktor gesehen haben will....... :-)
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