Rikscha-Report Indonesien graut vor dem Killer-Beben
Bengkulu - "Ungewöhnlich", "sehr außerprotokollarisch" und "das hat es noch nie gegeben", tönt es aus dem Pressekorps des Präsidenten, das aus Jakarta mitgekommen ist. Die Boeing 737-500 des indonesischen Staatsoberhauptes Susilo Bambang Yudhoyono ist gerade auf dem Flugfeld der Provinzhauptstadt Bengkulu gelandet, dort wo sich vorvergangenen Mittwoch das schwere Beben der Stärke 7.9 an der Südwest-Küste von Sumatra ereignete. Da baut sich auch schon ein kleiner Mann im grauen Dienstanzug vor der VIP-Ausfahrt des Flughafengebäudes auf.
Der Pressesprecher von Susilo Bambang Yudhoyono gibt nicht dem stets auf strenges Protokoll bedachten indonesischen Präsidenten zuerst das Wort, sondern dem Leiter des Instituts für Vulkanologie und Geophysik. "Es wird dieser Tage viel von einem Beben der Stärke Neun oder noch mehr geredet, das sich hier ereignen könne", sagt Surono, der wie viele Indonesier nur einen Namen benutzt. "Aber lassen Sie es mich noch einmal ganz deutlich betonen. Erdbeben kann man nicht vorhersagen, weder wann sie kommen, noch welchen Grad der Verwüstung sie auslösen. Das gilt auch für Tsunamis."
Dass diese Aussage korrekt ist, wissen Surono und auch Yudhoyonos Sprecher. Dass es trotzdem wenig mit der Realität zu tun hat, wussten sie auch. Aber so ist es eben häufig in der Politik. Der Aufsager des Erdbebenexperten war nicht mehr als reine Beruhigungsrhetorik. Aufgalopp einer Inspektionsreise des Präsidenten, um die Bevölkerung darauf einzustimmen, dass genau das kommen könnte, wovor sie sich am meisten fürchten: Ein großes Killer-Beben nämlich, das alles bisher Erlebte in den Schatten stellen wird, gefolgt vielleicht von einem Tsunami, der die schreckliche Monsterwelle, die zu Weihnachten 2004 mehr als 230.000 Menschen das Leben kostete, gar noch übertrumpfen könnte.
Davor jedenfalls warnen die Zeitungen des Landes seit Tagen. "Es gibt starke Anhaltspunkte dafür, dass die Erdstöße der vergangenen Tage die Vorboten eines Mega-Bebens sind, das bald Sumatra heimsuchen wird", sagte etwa Danny Hilman Widjaja der englischsprachigen "Jakarta Post" gleich nachdem klar war, dass die Beben von letzter Woche relativ wenig Schäden verursacht hatten. Widjaja ist Geologe am indonesischen Institut der Wissenschaften (LIPI), und er weiß genau, wovon er spricht.
Gefährlichste tektonische Bruchlinie des Erdballs
Der tropische Archipel mit seinen 17.500 Inseln und 230 Millionen Einwohnern, das größte muslimische Land der Erde, liegt auf dem sogenannten "Feuerring", jener Weltgegend mit den meisten aktiven Vulkanen und der größten Häufigkeit von Erdbeben.
Vom Flugfeld, auf dem Yudhoyonos Regierungsmaschine gelandet war, fällt der Blick hinaus auf den Indischen Ozean. Ein gigantisch schöner Flecken Erde ist das hier. Am Horizont erhebt sich ein immergrünes Dschungelgebirge, die Brandung des Meers schlägt auf mit Palmen bestandene Sandstrände.
Aber da draußen, tief unter dem Meeresboden liegt das, was Geologen die Mentawai-Zone nennen. An der aktivsten und damit gefährlichsten tektonischen Bruchlinie des Erdballs reiben die australisch-pazifische und die eurasische Kontinentalplatte gegeneinander. Irgendwann hat sich soviel Spannung aufgebaut, dass es zu Monster-Erdstößen kommt, die den Messstrich Neun auf der nach oben offenen Richterskala übersteigen. Zuletzt passierte das 1833.
"Der Druck da unten ist gegenwärtig so groß geworden, dass es bald zu einem gewaltigen Beben kommen muss", sagt auch der amerikanische Seismologe John Galetzka. Er forscht seit einem Jahrzehnt in dem südostasiatischen Land. Galetzka befürchtet, das große Höllenbeben, stehe "schon unmittelbar vor der Tür".
Wie 40 Minuten über Leben oder Tod entscheiden
Was kann ein Politiker gegen die Kräfte der Natur ausrichten? Nicht mehr als warnen, die Bevölkerung wachrütteln vielleicht, das Krisenmanagement zu verbessern.
In Bengkulu ermahnt der Präsident die Offiziellen, dass sie ihre Vorbereitungen für ein noch schlimmeres Beben und einen möglichen Tsunami noch verbessern müssen. Das Frühwarnsystem, das mit Hilfe Deutschlands installiert wurde, habe seine Bewährungsprobe bestanden, sagt er. Die Katastrophenhilfe aber, schimpft er, sei viel zu spät angelaufen. Dann besteigt er einen Hubschrauber und fliegt weiter an der Küste entlang.
Das Epizentrum des Bebens lag 300 Kilometer nördlich von Bengkulu, vor der Küste Muko-Mukos, einer verträumten Distrikt-Hauptstadt. Das Reiben der Kontinentalplatten tief unten im Meer gab die Energie von 800.000 Atombomben des Hiroshima-Typs frei. Doch an Land schwappte nur eine drei Meter hohe Welle und ein paar Hundert Häuser stürzten ein.
"Wir hatten diesmal einfach Glück", sagt Istijono. "So Gott will". Er ist der Planungschef von Padang, der mit 900.000 Einwohnern größten Stadt an der Westküste Sumatras. Ein zierlich gebauter Mann, mit einer silbernen Sextanerbrille und Halbglatze.
Es ist jetzt acht Uhr abends und der Präsident hat Offizielle aus der Gegend zu einer späten Diskussionsrunde einbestellt. Aber noch ist von seinem Hubschrauber nichts zu hören. Indonesien begeht die erste Woche des Fastenmonats Ramadan und da muss jeder gläubige Muslim fünfmal am Tage beten.
"Ein Erdbeben kann man nicht voraussagen"
Nicht die kleinen Weiler entlang der Küste sind Hauptsorge von Präsident Yudhoyono, sondern Istijonos Großstadt. Wenn in Padang das nächste Mal ein Erdbeben wie zu Weihnachten 2004 in Aceh zuschlägt, "dann sieht es hier noch schlimmer als damals aus", sagt Istijono. Seine Kollegen, die im Halbkreis um ihn sitzen und auf den Präsidenten warten, tragen Batikhemden und rauchen die süßlichen Nelkenzigaretten Kretek. Betreten nicken sie mit dem Kopf.
"Und was tut man dagegen?", fragt einer der angereisten Journalisten. "Wir haben ein paar Straßen verbreitert", sagt der Planungschef, "und das Frühwarnsystem funktioniert jetzt besser". Aber letztlich könne man nur hoffen, denn 400.000 Menschen leben in Padang direkt am Meer. Eine realistische Überlebenschance hätte die Betroffenen nur, wenn sie sich nach den ersten Erdstößen etwa fünf Kilometer ins Gebirge flüchteten. Dafür aber hätten sie nur 40 Minuten Zeit.
Ob das nicht unrealistisch sei, hakt der Frager nach. "Schon", sagt Istijono, denn man gehe davon aus, dass die Straßen nicht von einstürzenden Gebäuden blockiert seien. Außerdem müssten die Leute zu Fuß gehen, damit die Straßen nicht von Verkehrsstaus verstopft seien.
Und wenn doch? Istijono zuckt mit den Schultern. "Ein Erdbeben kann man nicht voraussagen", sagt er. "Vielleicht passiert es ja erst in 30 Jahren." Man bräuchte eben auch etwas Glück im Leben. Dann trifft der Präsident ein. Er hatte sich verspätet, denn er war noch beim Abendgebet.